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Mit Stornos dem Ruin entgegen

Für den Löbauer Reisebüro-Betreiber Lars Kohlmann ist nach der Corona-Krise vor der Krise. Mit einer Schaufenster-Aktion appelliert er an die Solidarität.

Lars Kohlmann und seine Mitarbeiterin Antje Wendler rufen im Schaufenster des Löbauer Reisebüros zu Solidarität auf. Wenn kein Wunder passiert, ist das Unternehmen bald pleite.
Lars Kohlmann und seine Mitarbeiterin Antje Wendler rufen im Schaufenster des Löbauer Reisebüros zu Solidarität auf. Wenn kein Wunder passiert, ist das Unternehmen bald pleite. © Rafael Sampedro

Lars Kohlmann fühlt sich gerade ein bisschen so wie seine Mutter vor 32 Jahren. Als die in Löbau die Filialleitung des damaligen "Reisebüros der DDR" übernahm, gab's auch nicht viel zu reisen - aber wenigstens die Hoffnung auf bessere Zeiten. Der Inhaber des "Löbauer Reisebüros" in der Rittergasse hat allerdings die berechtigte Furcht, dass diese besseren Zeiten dann ohne ihn anbrechen könnten - jedenfalls ohne sein Unternehmen. Corona droht ihn schon in wenigen Wochen in den Ruin zu treiben.

Die Katalogwände in Lars Kohlmanns Reisebüro wecken Sehnsüchte - nach dem australischen Outback, den Wüsten Afrikas, norwegischen Fjorden oder auch den unendlichen Lavendel-Feldern der Provence. Doch die Botschaft, die er großformatig in seinem Schaufenster platziert hat, spricht die Wahrheit dieser Tage. "Wir hoffen auf ein Wunder! Bitte hoffen Sie für uns mit" steht dort und "Am Storno verdienen wir nichts".

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Mitte März musste Lars Kohlmann wie alle anderen sein Reisebüro für Publikumsverkehr schließen. Jetzt dürfte er wieder öffnen. Doch wozu? Tatsächlich bearbeitet er derzeit nur eines: Stornos. Kohlmann rechnet vor: "Von März bis Mai 2019 hatte ich 152 Buchungen mit einem Umsatz  von 160.000 Euro." Er verdient dabei nur an der Provision - je nach Reiseveranstalter sieben bis zehn Prozent. "Diese Provision bekomme ich aber nicht mit der Buchung ausgezahlt, sondern erst, wenn die Reise tatsächlich stattfindet", erklärt er.

Und damit eröffnet sich gleich das nächste Problem für Kohlmann. "Ich hatte seit Beginn der Krise 121 corona-bedingte Reisestornierungen, mit einem Umsatz von 250.000 Euro", sagt er. Für Reisen, die er bereits im Vorjahr verkauft hat, erhält er nun also keine Provision. Und Reisen, für die er in wenigen Monaten Provision erhalten würde, verkauft er gerade nicht.

Urlaub in Deutschland? Fehlanzeige

Die Folgen sind für Lars Kohlmann jetzt schon existenzbedrohend. "Meine Mitarbeiterin ist seit März auf Kurzarbeit Null", sagt er. Immerhin: Anfang April wurden ihm 9.000 Euro als Corona-Soforthilfe ausgezahlt. "Aber von dieser Summe darf ich nicht einmal meine Krankenkasse bezahlen", sagt er. Er wendet den Betrag für Betriebsausgaben auf: Büromiete, Telefon und Internet, Energie oder eben laufende Kosten für Buchungssysteme.

Weit kommt er damit aber ohnehin nicht. Bis Ende Juni vielleicht, schätzt Kohlmann. In den letzten Jahren konnte er auch kaum Rücklagen bilden. Denn es kam Schlag auf Schlag: "Die Pleiten von Air Berlin oder Germania. Allein der Niedergang von Thomas Cook hat uns 20.0000 Euro an entgangenen Provisionen gekostet", sagt er.

Und auch wenn jetzt das normale Leben langsam wieder anläuft, sieht sich Lars Kohlmann noch lange nicht am Ende der Corona-Krise. "Hier kommen keine Kunden rein. Die Menschen sind jetzt zurückhaltend mit Reisebuchungen", sagt er, und: "Ich glaube nicht, dass ich für dieses Jahr noch eine einzige Fernreise verkaufe." Und auch der von Politikern für diesen Sommer gerade so empfohlene Urlaub in Deutschland ist für Kohlmanns Geschäft nicht mal ein kleiner Rettungsanker. "Die Buchungen für die Sommersaison 2020 in Deutschland sind schon im letzten Jahr gelaufen. Wer damals kein Hotel etwa an der Ostsee gebucht hat, wird jetzt auch keinen Platz mehr dort bekommen", sagt er.

Im Gegenteil: Es sei nicht einmal garantiert, ob alle ihren Urlaub dort antreten können, die ihn gebucht haben. Denn Lars Kohlmann rechnet mit Beschränkungen. "Es ist gut möglich, dass Hotels etwa ihre Zimmer nur zu 60 Prozent belegen dürfen", sagt er. Das sorge dann natürlich für weitere Stornos - und mache in naher Zukunft für viele seiner Kunden eine Reise eventuell zu teuer. "Wenn wegen Abstandsregeln etwa Busse nur halbvoll fahren, Flugzeuge nur halbvoll fliegen dürfen, steigen natürlich die Ticketpreise entsprechend", erklärt er.

Vorsicht vor verlockenden Schnäppchen

Und wie viele Reise- und Busunternehmen oder Fluggesellschaften die Krise überleben, sei ungewiss. Lars Kohlmann rät daher auch dringend davon ab, jetzt im Internet irgendwelche Fernreisen zu Schnäppchenpreisen zu buchen - besonders bei namenlosen Veranstaltern. "Manche Reiseveranstalter brauchen jetzt Liquidität und locken im Netz mit günstigen Preisen", erklärt Kohlmann, "aber bis man die Reise dann antreten will, könnte es gut sein, dass der Reiseveranstalter oder die Fluggesellschaft pleite sind." 

Auch auf den in Deutschland gesetzlich vorgeschriebenen "Sicherungsschein", der Kunden von Pauschalreisen vor finanziellen Folgen einer Veranstalter-Pleite schützen soll, sollten sich Kunden nicht absolut verlassen, warnt Lars Kohlmann - denn dieser Sicherungstopf ist nicht unerschöpflich. "Bei der Pleite von Thomas Cook haben Pauschalreise-Kunden mit Sicherungsschein nur 17,5 Prozent des Reisepreises aus diesem Topf zurückerhalten", sagt er.

"2,9 Millionen Arbeitsplätze sind systemrelevant"

Lars Kohlmann setzt nun auf das Prinzip Hoffnung. Er hat sich der Facebook-Kampagne einiger Dresdner Reisebüros angeschlossen: "Rettet die Reisebüros - Rettet den Tourismus". 3.000 Reiseveranstalter gebe es in Deutschland und 10.000 Reisebüros. "2,9 Millionen vom Tourismus abhängige Arbeitsplätze in Deutschland sind systemrelevant", sagt er.

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Immerhin habe er dafür auf seiner Facebook-Seite viele "Likes" erhalten - aber eben keinen Cent Umsatz. Kohlmann appelliert in seinem Schaufenster jetzt an die Solidarität seiner Kunden: "Wir sind seit 32 Jahren für SIE da. Bitte seien Sie nach der Krise für uns da. Bitte bleiben Sie uns treu." 

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