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Corona: So verschieden ist die Entwicklung in Sachsen

Warum die 865 nachweislich infizierten Sachsen regional so ungleich verteilt sind, lässt sich nur teilweise erklären. Über einen Kreis rätselt die Politik besonders.

War schon mal voller hier: Corona ist inzwischen in ganz Sachsen angekommen. Hier: Dresden.
War schon mal voller hier: Corona ist inzwischen in ganz Sachsen angekommen. Hier: Dresden. © Jürgen Lösel

In den sächsischen Städten und Kreisen reichen die Infizierten-Zahlen von 13 in Nordsachsen bis 175 im Kreis Zwickau. Woher kommt es, dass sich Corona, also das Covid-19-Virus, so unterschiedlich stark verbreitet hat? Die Erklärung splittert sich in eine Vielzahl von Faktoren auf, einer der wichtigsten dafür ist sicherlich die Dunkelziffer. Der Leipziger Infektiologe Christoph Lübbert spricht davon, dass sieben- bis zehnmal so viele Menschen infiziert sind, als es die Zahlen verraten. Die Mobilität, die Lust oder Möglichkeit der Menschen in einer Region, zu reisen, spielt ebenfalls eine Rolle. Viele Erstfälle in Sachsen sind aufgekommen, nachdem das Virus auf der Rückreise von Skiurlauben an Bord war. Weitere Schlaglichter auf die Regionen im Überblick.

Leipzig zählt mehr Corona-Fälle als Dresden

Leipzig verzeichnet auffallend hohe Infektionszahlen – aktuell sind es mehr als 160. Vor der Test-Ambulanz am St. Georg-Krankenhaus bilden sich immer wieder lange Schlangen mit mehrstündigen Wartezeiten, darunter ganze Familien, die das Risiko eingingen, sich vor Ort zu infizieren. Im Rathaus wurde die großzügige Handhabung der Corona-Tests als Ursache für die hohen Zahlen in Leipzig gesehen. 

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„Wenn viel getestet wird, gibt es auch mehr Fälle“, hieß es. Seit vergangenem Freitag hat das Gesundheitsamt umgesteuert. Tests sind nun Menschen mit Krankheitssymptomen und kürzlichem Aufenthalt in Risikogebieten oder die Kontakt zu Infizierten hatten, vorbehalten. Die Messestadt hat drei Test-Standorte, die ihre Kapazitäten inzwischen auf fast 1.000 am Tag steigern konnten. 

Kreis Zwickau überholt Sachsens Großstädte

Der Kreis Zwickau hat selbst Leipzig überholt, führt Sachsen mit 175 Infektionen an. Dabei gab es weit nach anderen Regionen den ersten nachgewiesenen Fall. Am 12. März meldete das Gesundheitsamt, dass eine junge Frau sich infiziert habe. Sie kam aus einem Risikogebiet. Tags darauf waren es vier Fälle, die Zahlen stiegen weiter an, vor allem in der gut 2.000 Einwohner starken Gemeinde Bernsdorf.

Der sprunghafte Anstieg der Corona-Erkrankungen im Landkreis Zwickau hat mutmaßlich zwei Quellen: Eine Familienfeier mit vielen Teilnehmern, wo auch Erkrankte teilgenommen hatten, sowie eine Praxis für Physiotherapie. Dort wurden von einer Mitarbeiterin, die nicht wusste, infiziert zu sein, etwa 40 Personen behandelt. Das erklärte Gesundheitsministerin Petra Köpping.

"Kleinraum-Epidemien" breiten sich aus

Der Leipziger Infektiologe Christoph Lübbert spricht von "Kleinraum-Epidemien", wenn man ihn nach regionalen Auffälligkeiten fragt. Um eine solche handelt es sich wahrscheinlich in Bernsdorf bei Zwickau. Dann kommen in einem sehr kleinen Radius sehr viele Fälle vor, die Statistik steigt für den ganzen Landkreis, was der Allgemeinsituation womöglich gar nicht entspricht. „Gerade da muss man alles dafür tun, dass Infektionsketten unterbrochen werden.“ Auch im Kreis Bautzen zeigte sich zu Beginn der Corona-Ausbreitung in Sachsen ein ähnliches Phänomen. Eine Phase lang gab es dort überdurchschnittlich hohe Fall- und Quarantänezahlen. Tatsächlich begrenzte sich besonders viel davon auf den Raum Hoyerswerda, nicht auf den ganzen Kreis. 

Große Unterschiede zwischen Sachsens Metropolen

Die Fallzahlen in Dresden sind geringer als die im ähnlich großen Leipzig, offiziell sind gut 120 bestätigt. In Chemnitz sind es 55. Dresden gehörte gleichwohl zu den ersten Städten und Kreisen, in denen das Virus nachgewiesen worden ist. Am 7. März bestätigte die Stadt, dass ein Paar sich infiziert habe, das zuvor in Norditalien im Urlaub gewesen sei. Das Paar war am 29. Februar aus dem Urlaub zurückgekehrt. Unterschiede im Umgang haben sich vergangenen Freitag besonders deutlich gezeigt, als Dresden mit einer weitreichenden Ausgangsbeschränkung vorpreschte. Um der Verbreitung des Virus' entgegenzuwirken, erlässt die Stadt schon vergangenen Freitag eine weitgehende Ausgangsbeschränkung. Zwei Tage, bevor sie in ganz Sachsen gilt. 

Besonders wenige Fälle in Nordsachsen und im Vogtlandkreis

In Nordsachsen gibt es mit Stand Montag 13 bestätigte Infektionen, im Vogtlandkreis 15. Auch das bestätigt die These, dass es sich bei den Virus-Zahlen in den jeweils angrenzenden Härtefall-Regionen Leipzig und Zwickau nicht um Flächenbrände, sondern eher um "Kleinraum-Epidemien" handelt. In die beiden Kreise mit den wenigsten bestätigten Fällen haben nach derzeitigem Erkenntnisstand wie auch sonst so oft Urlauber das Virus getragen. Der Kreis Nordsachsen meldete am 12. März, dass ein Krostritzer nach dem Ski-Urlaub positiv getestet wurde. Drei Tage später meldete der Vogtlandkreis den Fall eines Mannes aus Oelsnitz, der zuvor Urlaub in Ägypten gemacht hatte.

Manche Kreise hatten mehr Zeit, sich vorzubereiten

Während manche Kommunen sehr schnell handeln mussten, als Anfang des Monats erste Fälle auftauchten, blieb anderen mehr Zeit, sich vorzubereiten. Im Erzgebirgskreis etwa beriet sich das Gesundheitsamt schon am zweiten Märzwochenende intensiver, ein Parteitag der Grünen erhielt strenge Auflagen. Zwei Delegierte sind dem Treffen in Annaberg-Buchholz vorsichtshalber fern, weil sie in Südtirol Urlaub gemacht hatten. Erst am Freitag, 13. März, stellt man bei einem rückgekehrten Ski-Urlauber den ersten Fall fest. 

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Corona kam mit einem Bus nach Sachsen. Die ersten Fälle wurden festgestellt, nachdem eine Reisegruppe zurückgekehrt war. Ein Ehepaar im Rentenalter aus Dippoldiswalde (Sächsische Schweiz-Osterzgebirge) hatte sich infiziert, der Gesundheitsministerin zufolge waren ihre Zustände aber stabil. Die Strategie, die man bis heute aufrechtzuerhalten versucht, hat eine weitflächige Verbreitung dort offenbar verhindert: Kontaktpersonen ermitteln und sie unter Quarantäne setzen. Wie Ministerpräsident Kretschmer am Montag sagte, versuche man das bis heute. Mit Stand Montag gibt es im Kreis, wo es anfing, 60 bestätigte Infektionen. (mit nmn/SZ)

Mitarbeit: Sven Heitkamp

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