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Sachsens Kinobetreiber von Lockerungen überrumpelt

Noch mehr Corona-Chaos: Die Kinos in Sachsen dürfen schon am 18. Mai wieder in Betrieb gehen. Warum die Branche verhalten reagiert.

In Sachsen sollen die Kinos ab 18. Mai wieder öffnen. Doch etliche Betreiber fühlen sich überrumpelt.
In Sachsen sollen die Kinos ab 18. Mai wieder öffnen. Doch etliche Betreiber fühlen sich überrumpelt. © Symbolbild/Christoph Soeder/dpa

Von Andreas Körner

Für reine Freude ist es Stunden nach der überraschenden Nachricht, dass im Mai Kinos wieder öffnen dürfen, noch zu früh. Betreiber, Filmverleiher und die Bundesverbände HDF Kino und AG Kino sind zu weiten Teilen eher irritiert. In Nordrhein-Westfalen soll es ab 30. Mai möglich sein, der Freistaat Sachsen prescht sogar voran. Hier sollen die Spielstätten schon ab 18. Mai den Betrieb wieder aufnehmen dürfen. Es ist zu bezweifeln, dass es bei den meisten so sein wird.

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Ab Pfingstsamstag ist die hochkarätig besetzte Dresdner Neuproduktion unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann im Streaming-Angebot.

Generell ist eine Entscheidung auch zum Kino eine gute Nachricht. Sinn aber macht der sächsische Termin nicht. Die Lockerung sorgt zunächst für Krämpfe. Kinos sind keine Baumärkte. Sie halten keine aktuellen Filme vor, um sie nach nur zehn Tagen Vorbereitungszeit einfach anzubieten. Und sie leben in erster Linie von neuen Filmen. Die gesamte Branche ist keineswegs auf die schnelle, manche sagen gar hektische Öffnung in Sachsen vorbereitet. Kann es nicht sein. Denn alle Signale deuteten bis zum Mittwoch dieser Woche darauf hin, dass es damit noch dauern würde, mindestens bis zum Juni, eher noch länger. Die neue Dynamik kommt unerwartet.

„Wir werden nicht öffnen“

Aktuell sind überhaupt keine neuen Filme samt der damit verbundenen Werbung verfügbar. Auf die bundesweit extreme Streuung von potenziellen Wiedereröffnungsterminen der Kinos, aktuell von Mitte Mai bis vielleicht September, können gerade die Verleiher nicht sinnvoll reagieren. Sven Weser, Geschäftsführer im Dresdner Programmkino Ost, sagt: „Wir werden definitiv zum 18. Mai nicht öffnen. Ohne Vorlaufzeit von vier bis sechs Wochen nützt uns die Möglichkeit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs definitiv nichts. Das haben wir immer so kommuniziert. Diese Kurzfristigkeit verschärft sogar unsere Probleme, denn sie erlaubt uns einen wirtschaftlichen Betrieb nicht mal ansatzweise.“

Am Hygienekonzept liegt es eher nicht, obwohl auch die Regeln dafür noch gar nicht fixiert sind. Es gibt nur einen Hygieneplan der Bundesverbände für ihre Mitglieder. Neben den üblichen Hinweisen auf Abstandsregeln, Händewaschen, Husten- und Niesetikette sowie Schutzmasken und Handschuhe sind der Einsatz von Schutzscheiben an Kassen und Tresen, kontaktlose Ticketkontrollen und kürzere Reinigungsintervalle in den Kinos vorgesehen. Sicher dürfte sein, dass mindestens jeder zweite Sitz frei bleiben muss, die Spielzeiten reduziert und genau aufeinander abgestimmt werden. Sven Weser dazu: „Aber auch das bedarf in erster Linie Vorlaufzeit und Klarheit. Beides fehlt.“

Zum Schreien gutes Kino: „Systemsprenger“ erzählt auf großartige Weise über das „schwierige“ Mädchen Benn (Helena Zengel).
Zum Schreien gutes Kino: „Systemsprenger“ erzählt auf großartige Weise über das „schwierige“ Mädchen Benn (Helena Zengel). © CVOD

Ohne gleich in wilden Aktionismus zu verfallen, werden die deutschen Filmverleiher trotzdem etwas aufatmen. Denn der Stau mit Filmen, deren seit Mitte März geplanter Start immer wieder verschoben wurde, ist enorm angewachsen. Um sich Luft zu verschaffen, hatten sie sich allerdings etwas einfallen lassen: Wie die Abo-Dienste Netflix, Amazon Prime und Disney Plus haben sie begonnen, ihre Stau-Produkte nun zunehmend im Stream (VoD) herauszubringen. Das also, was nach Sperrfristen ansonsten nur im regulären Heimkino oder bei Eigenproduktionen der Dienste geht. Die Angebote sind käuflich zu erwerben, teilweise auch als finanzielle Hilfe für Spielstätten-Partner gedacht, die sich im Tagesbetrieb für das Programm der jeweiligen Verleiher interessieren. Als Rettungsgasse.

Wie groß ist die Lust auf Kino noch?

Unklar ist bislang, ob diese Filme später noch für die große Leinwand zur Verfügung stehen. Auch das hängt von der Dauer der Hängepartie ab, bis man von einem Normalbetrieb unter neuen Voraussetzungen sprechen kann. Unklar ist ebenso, ob das Krisenszenario tiefe Spuren im Verhalten der Filmkonsumenten sowie der Infrastruktur der Filmauswertung hinterlassen wird. Wie groß wird die Lust auf Kino als Gemeinschaftserlebnis noch sein? Ist sie weg? Wann kommt sie zurück? Verschieben sich Neustarts generell in Richtung VoD? Covid 19 als Exit 2020?

„Königin“ und „Kopfplatzen“ sind zwei Filme, die ins Kino sollten. Der eine dänisch, der andere deutsch. Beide mit heiklen Themen und denkwürdigen Schauspiel-Leistungen von Trine Dyrholm hier und Max Riemelt dort. Allein deshalb sind sie wichtig und eindeutig zu schade für ein Verschieben ins Vergessen. Dyrholm hat als situierte Mutter und Anwältin eine körperliche Affäre mit ihrem minderjährigen Stiefsohn, Riemelt gibt einen stillen Architekten, der sich von Kindern erotisch angezogen fühlt.

Regisseurin May el-Toukhy inszeniert die Hauptrolle der Anne konsequent ambivalent und jongliert auf grenzwertige Weise mit den Sympathien des Betrachters. Denn diese Frau zieht Verbotenes skrupellos bis zum Ende durch, ein Ende, das wirklich bitter wird. Langfilmdebütant Savas Ceviz beweist mit „Kopfplatzen“ erstaunliche Präzision in der Annäherung an einen pädosexuellen jungen Mann. Er zeigt Markus als getriebene Seele und vor allem mit einer als unheilbar geltenden Krankheit, die in einer der heikelsten Szenen jedoch zum Rauswurf beim Hausarzt führt. Zwei Filme mit verwandten Themen, zwei Filme, die sich lohnen.

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Eine zwar den Corona-Zeiten geschuldete, aber substanziell aufhorchende Aktion wird am Sonntag stattfinden. Das soeben mit acht „Lolas“ geehrte Drama „Systemsprenger“ wird mit einem Kinotag geehrt und sorgt deutschlandweit für offene Spielstätten. 24 Stunden ist es für 9, 99 Euro online abrufbar, von 16 bis 20 Uhr gibt es zudem Live-Gespräche unter anderem der Regisseure Andreas Dresen und Christian Schwochow mit dem „Systemsprenger“-Team samt Fachberater und allen Hauptdarstellern. Ein Drittel der Erlöse gehen direkt an Kinos, die sich beteiligen und an diesem Tag über eine extra erschaffene technische Basis virtuell öffnen werden. In Dresden ist es das Programmkino Ost.

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

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