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Dresdner Lehrerin: "Spiel mit dem Feuer"

Eine Dresdner Grundschullehrerin spricht über ihre Ängste vor Corona und schildert, wie aufreibend Heimarbeit sein kann. Was das Ministerium dazu sagt.

Schüler einer vierten Klasse in einer Dresdner Grundschule. Seit vergangenem Montag ist die Schulpflicht in Sachsen vorübergehend ausgesetzt - eine Dresdner Grundschullehrerin findet das gut.
Schüler einer vierten Klasse in einer Dresdner Grundschule. Seit vergangenem Montag ist die Schulpflicht in Sachsen vorübergehend ausgesetzt - eine Dresdner Grundschullehrerin findet das gut. © Symbolbild: Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. Wochenlang haben Lehrer Schüler nur in Notbetreuung unterrichtet, die meisten Kinder mussten ihre Aufgaben von zu Hause aus erledigen. Kritik daran wurde nicht wenig geäußert. 

Nun möchte eine Dresdner Grundschullehrerin die andere Seite zeigen: Anonym schrieb sie kurz vor dem Neustart der Schulen eine lange E-Mail an die SZ. Darin schildert sie unter anderem, was bei der Notbetreuung schief lief und warum sie und ihre Kollegen teilweise große Bedenken vor der Öffnung der Schulen haben. 

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Wir hatten vor Veröffentlichung dieses Textes Kontakt mit der Lehrerin, die ein persönliches Gespräch ablehnte, aber der Verwendung ihres Schreibens zustimmte, und baten das Kultusministerium um eine Stellungnahme dazu. 

Vorurteil: Lehrer hatten die ganze Zeit bezahlt frei

Von vielen Seiten hätten Lehrer sich in den vergangenen Wochen Kritik gefallen lassen müssen, schildert die Frau in ihrer E-Mail. "Eine Bekannte merkte gleich in der ersten Coronawoche an, dass es doch unfair sei, wenn ich weiter Gehalt beziehe. Ich hätte doch jetzt Freizeit und würde gar nicht arbeiten."

Dabei könne sie versichern, dass sie im ganzen Kollegiumskreis keinen Lehrer kenne, der auf der faulen Haut gelegen habe. Die meisten hätten es ähnlich gemacht wie sie, was die täglichen Aufgaben angehe. Neben Notbetreuung in der Schule und der Erstellung sowie Kontrolle von Lernmaterialien für teils mehrere Klassen zählten auch tägliche Telefonate mit besorgten Eltern und überforderten Kindern dazu, außerdem das Beantworten von etlichen E-Mails der Familien. 

Die Bedingungen bei der Notbetreuung hätten den Hygieneregeln dabei mitnichten entsprochen: "kein Abstand, keine Masken, kein Desinfektionsmittel. Dafür verwirrte Kinder, die alle andere Aufgaben zu bearbeiten hatten, bei denen man nur schwer helfen konnte aufgrund der Abstandsregel", so die Lehrerin.

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Sie fragt, wie man es bewerkstelligen solle, die vierten Klassen einer vierzügigen Schule  mit 28 Kindern pro Klasse in je drei Teile zu teilen,  wenn das Personal gar nicht reiche. "Wo sonst vier Kollegen sind, sollten nun zwölf her. Woher?" Dasselbe gelte für den Hort, während nebenbei die immer häufiger genutzte Notbetreuung für die Klassen eins bis drei weiterlief. 

Anfangs hätte sie nebenher ihre eigenen kleinen Kinder betreuen müssen, manche Alleinerziehenden wüssten gar nicht mehr, wie sie alles schaffen sollten. "Es ist meine Pflicht, aber es ist wirklich ein mieses Gefühl, das eigene Kind heulend in die Notbetreuung zu geben, um fremde Kinder in der Arbeit notzubetreuen", so die Mutter. 

Und auch Lehrer machten sich Sorgen um die eigenen Eltern, die sie nun versorgen müssten - mit der Angst, sie möglicherweise anzustecken - oder hätten Familienmitglieder mit Vorerkrankungen zu Hause. 

Die Angst vor dem Schul(neu)start

In ihrer E-Mail schildert die Lehrerin auch ihre "Bauchschmerzen" vor der Öffnung der Schulen am 18. Mai. Dass die Pflicht, in die Schule zu gehen, ausgesetzt wurde, könne sie verstehen und fände es gut. "Aber wer fragt eigentlich in der ganzen Zeit mal nach der Lehrergesundheit? Wie kann es sein, dass wir uns schutzlos in die eventuelle 'Virensuppe' begeben müssen und auch schon mussten?" Ihr hartes Urteil: "Wir haben das Gefühl, dass Leute diese Dinge entscheiden und festlegen, die weiter weg von der Schulrealität nicht sein könnten."

Mit den Bedenken der Lehrerin konfrontiert, verweist eine Sprecherin des Kultusministeriums auf den Blog des Ministeriums, in dem bereits einige Fragen beantwortet würden. Sie zitiert daraus zur Frage, ob der Einsatz von pädagogischem Personal an Schulen vertretbar sei: "Bei Einhaltung der allgemeinen Hygienevorgaben und Beachtung der Vorgaben für die eingeschränkte Wiederaufnahme des Schulbetriebs ab dem 18. Mai ist es aus arbeitsmedizinischer Sicht vertretbar, Lehrerinnen und Lehrer und das weitere pädagogische Personal an Schulen im Präsenzunterricht in der Schule einzusetzen." 

Die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen sowie die geringen Infektionszahlen in Sachsen zusammen mit dem fehlenden Nachweis gestiegener Erkrankungszahlen an Arbeitsplätzen der Notbetreuung rechtfertigten diese Maßnahmen. Lehrer mit einer Risikoerkrankung könnten sich mit einem ärztlichen Attest vom Präsenzunterricht befreien lassen. 

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Die Sprecherin zitiert auch aus einer Stellungnahme der Gesellschaften für Krankenhaushygiene, für Pädiatrische Infektiologie und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, "die den sächsischen Weg bestätigt": "Wir haben es hier mit einem schwierigen Abwägungsprozess zu tun. Auf der einen Seite der Infektionsschutz und auf der anderen Seite das Recht der Kinder auf Teilhabe, soziale Kontakte und Bildung." 

Aufgrund der verhältnismäßig niedrigen Infektionszahlen und auf Basis des Konzeptes mit strengen Schutzmaßnahmen habe man sich gemeinsam mit Experten für die Öffnung der Kitas und Schule entschieden. Nach den ersten drei Tagen habe man eine erste vorsichtig positive Bilanz gezogen. "Insgesamt 95 Prozent der Grundschüler haben am Unterricht teilgenommen. Viele Schüler, Eltern, Erzieher und Lehrer haben uns geschrieben, dass sie sich nach acht Wochen nun wieder auf ein Zusammenkommen in Kita und Schule freuen."

Verkürzte Sommerferien sind "Schlag ins Gesicht"

Auch die Schwerstarbeit für Eltern und Kinder in den vergangenen Wochen erwähnt die Lehrerin in ihrer E-Mail. "Da sind dann so tolle Vorschläge wie verkürzte Sommerferien oder Samstagsunterricht wirklich wie ein Schlag ins Gesicht." Alle an der Schule Beteiligten hätten die Sommerferien mehr als nötig. 

Das sieht auch Kultusminister Christian Piwarz (CDU) so. Vor wenigen Tagen sagte er im Corona-Podcast von Sächsische.de, er halte die Diskussion über eine mögliche Verkürzung der Sommerferien für verfrüht. "Auch die Schülerinnen und Schüler haben ein Recht auf Erholung." Und er erklärte, wie es an den Schulen weitergehen soll: "Von einem klassischen Normalbetrieb werden wir bis zu den Sommerferien weit entfernt sein."

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