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Corona: Dresdner Startup bringt Schule nach Hause

Das Dresdner Startup Kuravisma hat eine Software für Unterricht im Netz entwickelt. Ab Mittwoch dürfen sie deutschlandweit alle Lehrer und Schüler nutzen.

Raus aus den Schulen, rein in die Netzklasse. Christian Bohner und seine Kollegen wollen ganz neue Lern- und Lehrmöglichkeiten eröffnen.
Raus aus den Schulen, rein in die Netzklasse. Christian Bohner und seine Kollegen wollen ganz neue Lern- und Lehrmöglichkeiten eröffnen. © Sven Ellger

Dresden. Auch in Sachen Unterricht ist jetzt Erfindungsreichtum gefragt. Seit die Schulen wegen Coronagefahr geschlossen sind, versorgen Lehrer ihre Schüler per Mail mit Lernaufgaben für daheim. Sie verschicken Arbeitsblätter und Videoclips, nutzen Skype und Facetime. E-Learning ist das Zauberwort. Manche Schulen haben diese Möglichkeiten bereits früher genutzt, um Ausfallstunden zu kompensieren und Schulstoff auch ohne Präsenz zu vermitteln. Für die meisten jedoch ist ein solches Lernen neu.

In Sachsen nutzen zahlreiche Schulen das Portal lernsax.de. Dort stellen Lehrer Aufgaben ein, sind per Mail zu erreichen und können auch Gespräche führen. Voraussetzung ist ein funktionierender Computer - und ein stabiles Netz. Daran hapert es in vielen Vierteln, weil Mütter, Väter, Nachbarn im Homeoffice arbeiten, und auch die Töchter und Söhne sich im Internet tummeln.

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Kuravisma aus Dresden mit einem virtuellen Klassenzimmer

Diese Schwierigkeit ist Christian Bohner bekannt. Trotzdem geht der promovierte Mathematiker davon aus, dass er und seine Kollegen des Startup-Unternehmens Kuravisma aus Dresden eine noch bessere Lösung anzubieten haben. Mit seinem sogenannten virtuellen Klassenzimmer will das junge Entwickler-Team Lehrern und Schülern in ganz Deutschland die Möglichkeit geben, am heimischen Schreibtisch wie in der Schulbank zu sitzen - den Blick zum Monitor wie zur Tafel. 

"Mit Hilfe unserer Software kann jeder Lehrer seine Schüler aus der Ferne unterrichten", sagt Christian Bohner. Sein Angebot geht weit darüber hinaus, nur Aufgaben ins Netz zu stellen und herunterzuladen oder auszudrucken. Schul- und Fragestunden sind per netzklasse, wie das Programm heißt, aus der Distanz und doch direkt möglich. "Die Software benötigt keinerlei Installation und ermöglicht didaktisches Unterrichten mit Interaktion und Kommunikation", erklärt der 33-Jährige.

Und macht es auch gleich vor. Mit virtuellem Marker skizziert er ein Koordinatensystem auf den Bildschirm. Jetzt könnte er als Lehrer einen Schüler der Klasse auffordern, den dazugehörigen Graph einzuzeichnen. Folien, Arbeitsblätter, Bilder lassen sich einblenden und Textpassagen markieren. Sollten alle Beteiligten eine Kamera und Lautsprecher am Rechner haben, sind Gespräche möglich, auch sehen können sich Lehrer und Schüler auf diese Weise.

Die Kuravit-Schwesterfirma Bridge nutzte eine Art virtuellen Seminar- und Konferenzraum ursprünglich für andere Zielgruppen. Banken und Versicherungsunternehmen waren angesprochen. In der Weiterentwicklung entstand eine Software für Nachhilfeunterricht am Handy namens bidi.one und daraus nun das sogenannte virtuelle Klassenzimmer. "Dort registriert sich einfach jeder Lehrer und jeder Schüler", erklärt Christian Bohner. Für verschiedene Unterrichtsfächer können die Schüler jeweils Links nutzen und sich, fast wie in der Schule, zu einer bestimmten Zeit in Mathe, Deutsch, Physik oder Gesellschaftskunde einloggen. So wird Schulalltag nach Stundenplan auch in Quarantäne möglich. 

Softwäre "netzklasse" ab 25. März kostenlos

Weil Christian Bohner und seine Kollegen es für extrem wichtig halten, auch in dieser komplizierten Zeit den Schulunterricht weiterzuführen, werden sie ihr Angebot nun für alle Lehrer und Schüler kostenlos zugänglich machen. Ab dem 25. März soll die Software netzklasse genutzt werden können. Bis dahin prüfen sie das Programm noch im Stresstest, damit es wirklich funktioniert, wenn Tausende darauf zugreifen. Dass die aktuelle Situation den Entwicklern natürlich auch die Möglichkeit gibt, einen ungeahnten Testballon zu starten, daraus macht Christian Bohner kein Geheimnis. "Wir erhoffen uns sogar möglichst viele Rückmeldungen und Anregungen", sagt er.

Denn netzklasse besteht bisher nur in einer Art Basisausführung. Das Startup Kuravisma wird es noch weiter ausbauen und mit mehr Funktionen versehen. Für Christian Bohner ist das eine spannende Herausforderung. Nachdem er in München Mathematik studiert hatte, verbrachte er ein halbes Forschungsjahr an der Universität Bosten. Das war Teil seiner Doktorarbeit im Bereich Datenwissenschaften. Das Fachgebiet beschäftigt sich  damit, wissenschaftlich fundierte Methoden, Prozesse, Algorithmen und Systeme aus Datenmengen abzuleiten. 

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Nach seiner Promotion begann sich Christian Bohner mehr für die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu interessieren als für die Forschung selbst. "Als Student habe ich selbst Nachhilfeunterricht in Mathematik und in Sprachen gegeben", erzählt er. Dass er nun sein Wissen so innovativ auf diesem Feld anwenden und jungen Leuten ganz neue Möglichkeiten des Lernens eröffnen kann, ist für ihn ein großer Ansporn. 

Als sich ein Jobangebot ergab, dass ihn nach Dresden führte, brauchte er nicht lange zu überlegen. "Meine Eltern hatten immer schon von Dresden geschwärmt", sagt er. Zwar mache eine Stadt wie beispielsweise München den Eindruck, als ob dort für Entwickler wie ihn viel mehr möglich wäre. "Aber hier in Dresden sehen wir so viel Bedarf, das macht richtig Spaß."  An diesen Tagen steht sein Telefon nicht still. "Alle drei bis vier Minuten erreichen uns Anfragen von Lehrern." Außerdem steht die Firma in Kontakt mit allen Kultusministerien, zudem mit Hochschulen und Universitäten deutschlandweit. 

Auch Gespräche mit Stiftungen und Sponsoren stehen auf dem Tagesplan. "Wir wollen keine Bildungsungerechtigkeit befördern." Deshalb ist das junge Entwicklerteam dabei,  die nötige Hardware für Schüler zu organisieren, die keinen Computer zu Hause haben, und deren Eltern nicht so einfach einen anschaffen können. Schließlich soll Lernen nicht nur überall, sondern auch für alle möglich sein. 

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