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Kinderbetreuung wird zum Grenzfall

Plötzlich getrennt: Die Kindertagesstätte Sonnenschein in Schönfeld arbeitet nach freiem Konzept. Innerhalb einer Woche musste sie Altbewährtes über Bord werfen.

Und plötzlich ist alles anders: Auch der vierjährige Frederik findet es überhaupt nicht toll, dass seine kleine Schwester Ella (1) sich in einem anderen Bereich aufhalten muss.
Und plötzlich ist alles anders: Auch der vierjährige Frederik findet es überhaupt nicht toll, dass seine kleine Schwester Ella (1) sich in einem anderen Bereich aufhalten muss. © Foto: Anne Hübschmann

Schönfeld. Ella schaut ein wenig ungläubig. Auch wenn sie den Zaun, der im Winter sonst den Schnee auf den Feldern halten soll, nun schon seit ein paar Tagen kennt. Weshalb er plötzlich mitten im Garten ihres Kindergartens den Weg versperrt, scheint das einjährige Mädchen trotzdem nicht wirklich zu begreifen. Wie auch? Erst recht nicht, wo auf der anderen Seite ihr großer Bruder steht. Auch Frederik guckt ganz und gar nicht beglückt, ist sich der Bürde seiner vier Jahre wohl dann aber doch bewusst und plappert liebevoll auf die kleine Schwester ein. „Unsere Kinder haben sich inzwischen gut auf das neue Miteinander eingestellt, und wir versuchen selbst, auch alles zu tun, um es ihnen zu erleichtern! Aber wirklich glücklich macht uns die ganze Situation nicht“, bekennt Jana Hoyer.

Wie die Leiterin der beliebten Einrichtung betont, wären sie und ihr achtköpfiges Team natürlich froh gewesen, als die sächsische Landesregierung vor gut zwei Wochen grünes Licht für den Besuch von Kindertagesstätten gegeben habe. Immerhin sei es für die Erzieher und ihre 106 Schützlinge Mitte März eine völlig abrupte und teilweise schmerzliche Trennung gewesen. Groß war deshalb die Wiedersehensfreude, obgleich die unterschiedlichen Anforderungen inmitten der Corona-Vorschriften den einen oder anderen Wermutstropfen auslösten. „Als wir uns in der Eigenschaft als Trägerverein damals ein Konzept gegeben haben, nahmen wir uns fachlich und pädagogisch all die Zeit, die dafür notwendig gewesen ist“, erinnert Jana Hoyer. Ein Jahr lang habe es gebraucht, um die gruppenlose, sogenannte freie Arbeit, zu entwickeln. Eine, die auf einem offenen Kindergartenbereich basiert, auf Selbstbildungs- und Erfahrungsprozesse setzt und mit sportlicher, musischer und naturwissenschaftlicher Ausrichtung Eltern und Kinder gleichermaßen zu begeistern weiß.

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Ein sonniger Tag tut Körper und Geist gut. Doch ob auf dem Balkon, im Garten oder am Wasser: Hautschutz ist dabei unerlässlich.

Selbst gewählte und bis hin zur Hortbetreuung praktisch gelebte Attribute, die seit einer Woche jedoch teilweise völlig vernachlässigt werden müssen. Innerhalb von wenigen Tagen sei auf Basis der vom Freistaat geforderten Rahmenbedingungen ein komplett neuer Betreuungsalltag entworfen worden. Um den ohnehin in Kindertagesstätten vorhandenen Hygienestandards noch besser gerecht zu werden, habe man etwa die notwendigen Desinfektionsmittel und Seifen angeschafft. Kein finanzieller Pappenstiel für einen gemeinnützigen Verein wie den Schönfelder.

Viel größer sei indes allerdings die logistische Organisation gewesen. Gab es vorher keine Gruppen, fanden sich die Mädchen und Jungen plötzlich in drei Gemeinschaften mit jeweils bis zu 30 anderen Kindern wieder. „Wir haben bei der Bildung dieser natürlich versucht, Freundschaften oder spielerische Beziehungen zu berücksichtigen. Aber einerseits gelingt das leider nicht in jedem Fall. Und andererseits können die Kinder nachvollziehbarer Weise gar nicht verstehen, weshalb sie nicht mit denen der anderen Gruppe zusammen sein dürfen“, gibt Jana Hoyer zu bedenken.

Um auch räumlich dem geforderten Abstand gerecht zu werden, fungierten jene Schneefangzäune gewissermaßen als Teiler im Garten. Etwas, dass sich bisher auch als praktikabel erwiesen habe. Während die Krippenkinder stets am selben Fleck spielen dürften - das vermittle ihnen inmitten der Veränderung ein wichtiges Maß an Beständigkeit - würden die zwei anderen Gruppen den Aufenthaltsort täglich wechseln.

Dass die Welt in der Kindertagesstätte „Sonnenschein“ vor allem dann in Ordnung ist, wenn die Sonne tatsächlich scheine, möchte Jana Hoyer gar nicht verschweigen. „Unser pädagogisches Konzept ist mit der Aufteilung im Haus abgestimmt. Wir haben beispielsweise ein Restaurant mit lediglich 35 Plätzen, in welchem wir sonst morgens auch ein Frühstücksbuffet anbieten“, erklärt die 49-Jährige. Die Zimmer seien einfach nicht auf das Miteinander in größeren Gruppen ausgerichtet. Der regnerische Wochenbeginn, an dem die Rasselbande ausschließlich drinnen betreut werden konnte, habe sicher nicht nur sehr an den Nerven der Erzieher gezerrt.

Beherzte Frauen, von denen einige wegen ihres Alters und aufgrund von Vorerkrankungen durchaus zur Risikogruppe zählten. Dennoch habe jede von ihnen sofort zugesagt, Frieda, Erna, Maximus, Frederik, Ella und all die anderen Kinder unter erschwerten Bedingungen zu betreuen. „Dafür bin ich meinen Kollegen sehr dankbar! Und auch den Eltern für ihr Verständnis, dass wir ihre Mäuse bereits vor dem Eingangstor in Empfang nehmen und sie jetzt nicht in der Form betreuen können, die sie eigentlich von uns erwarten dürfen“, sagt Jana Hoyer und schüttelt traurig den Kopf. Nach 30 Jahren mit viel Herzblut im Beruf könne sie sich zugegebenermaßen nur schwer mit der gegenwärtigen Lage zufrieden geben. 

Allerdings: Alle versuchten durchaus, das Beste daraus zu machen. Denn was sonst im Alltag gelte, zähle auch und erst recht bei den Sonnenscheinchen in Schönfeld. Das Wichtigste sei doch, dass alle gesund wären und man endlich wieder beisammen sein dürfe. Aug in Aug am Schneefangzaun und hoffentlich bald wieder Arm in Arm ohne.

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