merken
PLUS

Deutschland & Welt

So erkennen Sie Fake-News im Netz

Noch schneller als das Virus verbreiten sich Falschmeldungen. Doch was hilft dagegen? Antworten eines Dresdner Kommunikationsforschers.

Der Medienwissenschaftler Lutz Hagen beschäftigt sich mit der Qualität von Nachrichten. Nach seiner Ansicht haben es Fake News in Krisenzeiten besonders leicht.
Der Medienwissenschaftler Lutz Hagen beschäftigt sich mit der Qualität von Nachrichten. Nach seiner Ansicht haben es Fake News in Krisenzeiten besonders leicht. © SZ/Uwe Soeder

Sie sorgen für Verwirrung, Angst oder Panik: Fake-News, auf deutsch: Falschinformationen, haben in Zeiten von Corona Hochkonjunktur. Täglich müssen Behörden und Unternehmen solche Meldungen richtigstellen, die sich über soziale Netzwerke und Messengerdienste wie Whatsapp rasant verbreiten und von vielen geglaubt werden. Das Ziel der Absender ist es, Panik zu verbreiten und Ängste und Verunsicherung anzuheizen.

Vor allem Fake-News zu angeblichen Behandlungsmethoden können gefährlich werden. Impfgegner, Esoteriker und Homöopathie-Fans verbreiten Theorien von angeblichen „Seuchenerfindern“, „gesponsert von Pharmakonzernen“ und säen damit Misstrauen in das Gesundheitssystem und die Behörden, die angeblich Dinge verschweigen würden. Andere behaupten, der Coronavirus sei nicht so gefährlich, von Pandemie könne keine Rede sein.

Anzeige
Auf der Couch den Wissensdurst stillen

Die vhs Görlitz trotzt Corona mit kostenlosen Online-Vorträgen.

Lutz Hagen ist Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden und beschäftigt sich seit Jahren mit der Qualität von Nachrichten. Der 58-Jährige sagt, dass es Fake-News in Zeiten wie der Coronakrise besonders leicht haben und es auch mehr davon gibt. Aber warum vertrauen viele Menschen solchen Nachrichten?

Auf der einen Seite stünden alle unter Druck, es müsse extrem schnell gehandelt werden. Auf der anderen Seite gebe es gewisse Gesetzmäßigkeiten. „Menschen haben zwei Systeme, um Entscheidungen zu treffen“, sagt Hagen. „Ein eher intuitives, das viel fehleranfälliger, aber auch schneller, und sehr auf Emotionen beruhend ist, und ein Analytisches, das viel länger braucht, aber zuverlässiger ist“. In Zeiten wie der Coronakrise setze man eher das intuitive System ein. Das Coronavirus sei ein Expertenthema, bei dem es wenig Vorwissen gibt. „Da ist es relativ leicht, dass solche falschen Nachrichten wahr erscheinen und verbreitet werden.“

Und die Fake-News kommen aus dem Nahfeld, von Menschen, die man kennt und die solche Meldungen meist ungeprüft an Familienangehörige, Freunde oder Kollegen weiterleiten, weil irgendjemand in der Nachricht behauptet, die Information stamme „aus zuverlässiger Quelle“.

Vermeintliche Screenshots

Kettenbriefartig hat sich etwa eine Nachricht bei Whatsapp verbreitet, in der ein Mann aus „sicherer Quelle“ zu wissen behauptete, Supermärkte würden ab Montag nur noch zwei Stunden öffnen. Man solle sich noch schnell Vorräte besorgen, bevor es nichts mehr zu kaufen gebe. Wie als Beleg kursierte dazu der vermeintliche Screenshot einer Nachrichtenseite, wonach sich die größten Supermarktketten abgesprochen hätten, ihre Filialen angeblich ab sofort montags nur für zwei Stunden zu öffnen sowie freitags zwei Stunden morgens, zwei abends.

Die Folge sind noch mehr Hamsterkäufe, obwohl Lidl und andere Handelsketten reagierten und auf Facebook schrieben: „Im Zusammenhang mit dem Coronavirus werden vermehrt Falschmeldungen verbreitet, dass wir unsere Filialen schließen würden. Lasst euch nicht verunsichern: Unsere Filialen bleiben für euch geöffnet!“

Aldi Süd schreibt: „ Seid solidarisch und denkt auch an eure Mitmenschen, die durch unnötiges Lagern vielleicht nichts mehr bekommen.“ Auch Edeka und Rewe betonen, dass ihre Geschäfte weiter geöffnet bleiben.

Auch das Bundesgesundheitsministerium warnt in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook offensiv vor Fake-News. „Bitte helfen Sie mit, ihre Verbreitung zu stoppen und sie richtigzustellen. Lassen Sie uns gerade jetzt besonnen bleiben und einander auch unter Stress vertrauen.“

Dass in Deutschland Supermärkte geschlossen werden sollen, ist nicht geplant. Im bislang deutlich stärker von Einschränkungen betroffenen Italien sind Lebensmittelgeschäfte und Apotheken geöffnet. Das gilt auch für Österreich.

Friedemann Schmidt, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände appelliert an die Verbraucher, sich nicht durch Falschinformationen über Arzneimittel verunsichern zu lassen. „Wenn sich plötzlich Nachrichten zu angeblichen Gefahren oder Wunderwirkungen bestimmter Medikamente im Netz verbreiten, dann ist Vorsicht geboten. Fragen Sie einen Experten. Apotheker stehen für Fakten statt Fake-News.“

Auch die sächsische Staatsregierung versucht gegenzusteuern. Die für das Gesundheitswesen zuständige Sozialministerin Petra Köpping (SPD) sagt: „Wir versuchen, jeden Tag auf unserer Internetseite über alle neuen Entwicklungen zu informieren. Auch, wenn wir merken, da sind Fake-News unterwegs.“ Außerdem entstünden im Ministerium fast jeden Tag Videos zur aktuellen Situation. „Es ist schon eine schwierige Situation, denn manchmal wird das, was ich erzähle, schon eine halbe Stunde später wieder über den Haufen geworfen“, sagt Köpping.

Regeln, um Fake-News zu entlarven

Kommunikationsexperte Lutz Hagen sagt, langfristig müsste die Medienbildung, die Nachrichtenkompetenz der Menschen und der professionelle Journalismus gestärkt werden. Studien haben gezeigt, dass diese Kompetenzen in der Bevölkerung nicht so verbreitet sind – obwohl sie immer wichtiger werden.

Kurzfristig helfen ein paar Regeln, um Fake-News zu entlarven. Wenn man Nachrichten über soziale Netzwerke bekommt, solle man kurz durchschnaufen und über den Inhalt nachdenken. Je unglaublicher etwas ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es falsch ist, so Hagen.

Rational reagieren, statt emotional, empfiehlt Hagen. Sprachnachrichten, die sich auf Whatsapp verbreiten, wie der einer Frau, die eine angebliche Studie der Uni Wien zum Medikament Ibuprofen zitierte, hätten eine stark gefühlsbeeinflussende Wirkung. Fake-News wie diese hätten manchmal anscheinend einen wahren Kern, das macht es schwieriger.

„Da will eine Mutter anderen etwas Gutes tun, ist die Wahrnehmung von vielen. Da ist die Neigung oder Motivation hoch und die Kosten ganz gering, dass anzuklicken und weiter zu verbreiten“, sagt Hagen. Die Uni hat dementiert, dass es so eine Studie gibt.

Falschmeldungen prüfen

Allerdings hat inzwischen die Weltgesundheitsorganisation vor Ibuprofen im Zusammenhang mit einer Corona-Erkrankung gewarnt – wohl wegen seiner hemmenden Wirkung auf die Blutgerinnung.

Die Quellen zu prüfen, sei wichtig. „Manchmal werden Adressen verwendet, die klingen wie seriöse Medien und sind dann aber ein bisschen anders.“ Vielleicht sind auch Bilder schon mal in einem ganz anderen Zusammenhang verbreitet worden? Es passiere häufig, dass solche Falschmeldungen ein paar Monate oder Jahre später wieder auflebten.

Es gebe Internetseiten wie mimikama.at, die Falschmeldungen prüfen und die echten Fakten recherchieren. Die Tagesschau der ARD habe einen Faktenfinder. Das deutsche Recherchenetzwerk Correctiv arbeitet etwa mit Facebook zusammen, um Fake-News zu identifizieren und einzudämmen.

Lutz Hagen sagt, er schätze die Selbsterkenntniskräfte und die Selbstheilungskräfte der öffentlichen Meinung als relativ hoch ein, auch wenn alarmierende Falschmeldungen etwa Hamsterkäufe angefeuert haben. Soziale Netzwerke bieten zu Corona inzwischen einordnende Information von sich aus. Ministerien weisen darauf hin, dass bestimmte Gerüchte im Umlauf sind die nicht stimmen und das ist sehr wichtig, dass man das macht – weil viele Menschen solchen Autoritäten vertrauen.


Wie Fake-News enttarnen?

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Auch in der Corona-Krise: Ehrlich bleiben!

Der Dresdner Forscher Sven Engesser erklärt, was Facebook, Twitter und Co uns heute nützen und warum Halbwahrheiten in Krisenzeiten immer im Desaster enden.

Symbolbild verwandter Artikel

Corona-Krise: Hochzeit für Fake News

So schnell wie sich das Virus ausbreitet, werden auch Fake News in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Warum niemand vor Falschmeldungen gefeit ist.

Symbolbild verwandter Artikel

Ist Corona eine Waffe?

Echsenmenschen auf dem Weg zur Weltherrschaft und Gehirnwäsche am Himmel: Verschwörungstheorien blühen. Welche Folgen das haben kann.

Symbolbild verwandter Artikel

Merkels Geheimtrip und ein Lolli-Video

News rund um das Coronavirus fluten das Netz. Nicht alles entspricht der Wahrheit, auch Lügen und Gerüchte sind dabei. Ein Überblick.

Symbolbild verwandter Artikel

Gerücht um Festnetz-Einschränkung

In den sozialen Netzwerken zieht die Behauptung Kreise, wegen des Coronavirus würden Festnetzgespräche nach 15 Minuten einfach unterbrochen.

  • Ruhe bewahren und Quellen überprüfen kann helfen, Falschinformationen zu enttarnen. Verlässliche Quellen sind offizielle Stellen wie Behörden, seriöse Medien wie Tageszeitungen und ihre Internet-Ableger.
  • Über den Inhalt der Nachricht nachdenken, sagt Experte Lutz Hagen. Je unglaublicher etwas erscheint, desto eher ist etwas falsch daran. Gesunder Menschenverstand und Skepsis helfen mehr als Panik und Angst.
  • Im Zweifelsfall Rechercheseiten wie den Tagesschau-Faktenfinder, den Correctiv-Faktencheck oder die Seite www.mimikama.at konsultieren.
  • Ungeprüfte Behauptungen nicht weiterschicken, die auf Whatsapp, Facebook, etc. kommen. Lieber einmal mehr prüfen als Panik zu schüren. 

Aktuelle Informationen rund um das Coronvirus in Sachsen, Deutschland und der Welt lesen Sie in unserem Newsblog.