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Corona: Sorgen um die Heimat

Tessa und Abbas sind Görlitzer, stammen aber beide von weit her. In ihren Ländern ist die Versorgung schlechter. Und die Gefahr größer.

Abbas Ahmadi lebt in Görlitz. Seine Eltern leben im Iran - haben als Afghanen aber mit Ausgrenzung zu kämpfen.
Abbas Ahmadi lebt in Görlitz. Seine Eltern leben im Iran - haben als Afghanen aber mit Ausgrenzung zu kämpfen. © Maximilian Helm

Abbas Ahmadi verbringt viel Zeit mit Malen. Auf dem Hinterhof seines Hauses hat er sein neuestes Werk auf eine etwas zu kleine Staffelei gestellt, seit zwei Wochen arbeitet er nun schon an seinem Bild "Heilige Masken", den Rahmen für die Leinwand hat er selbst gebaut. Viel anderes bleibt ihm auch nicht übrig, die Jahn-Förderschule, in der er zuletzt für anderthalb Jahre gearbeitet hat, ist geschlossen.

Abbas ist 20 Jahre alt, kommt aus dem Osten Irans und ist seit vier Jahren in Deutschland. Seine Eltern, beide um die vierzig, wohnen mit seinen drei Geschwistern noch immer dort. Auch die Eltern seiner Mutter leben im Iran. Die Großeltern väterlicherseits wohnen im benachbarten Afghanistan, zu ihnen hat Abbas keinen Kontakt, sie sind im kriegsgeplagten Land verschollen. Von dort stammt seine ganze Familie. 

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Keine Versorgung im Krankenhaus

Abbas sorgt sich um sie. Denn auch wenn er selbst im Iran geboren wurde, auf die Frage wo er herkommt, antwortet er mit "Afghanistan." Im Iran sind Geflüchtete aus dem Nachbarland wenig anerkannt, auch wenn sie wie Abbas' Eltern schon seit 25 Jahren dort leben. "Schon eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, ist schwer", sagt er.  Auch seine Schulbildung habe viel Geld gekostet - für gebürtige Iraner wäre sie kostenlos. Im Studium gehe es so weiter: "Ich hätte nichts Cooles wie Ingenieurwissenschaften studieren dürfen", sagt Abbas.

Und diese Ungleichbehandlung gibt es auch im Gesundheitssystem. "Wenn meine Eltern Corona hätten und sie ins Krankenhaus gingen - sie würden wieder nach Hause geschickt", sagt Abbas. Von der Qualität der Versorgung ganz zu schweigen. Die Angst vor dem Virus habe deshalb eine andere Qualität. "Wenn wir telefonieren, verbietet mir meine Mutter, mein Zimmer zu verlassen." Iran hat derzeit 60.000 Infizierte - bei rund 3.700 Todesfällen. Zudem gibt es Zweifel an der offiziellen Statistik, die Dunkelziffer wird als hoch eingeschätzt.

Auch die Familie steht unter Quarantäne, würde sie ihr Haus verlassen, wäre eine Geldstrafe möglich. Das iranische Sozialsystem unterscheidet sich grundsätzlich von dem in Deutschland.  "Wenn die Arbeit wegfällt, bekommt meine Familie gar nichts, nicht vom Iran und schon gar nicht von Afghanistan", so Abbas. Und so geriet die Familie Ahmadi in noch eine viel größere Misere: Die Eltern stecken nun in verschiedenen Ländern fest.

Gefangen in Afghanistan

Denn Abbas' Vater arbeitet bei einem iranischen Touristenunternehmen, für jemanden aus Afghanistan ein Glücksfall. Doch: Vor einem Monat begann eine Tour in sein Heimatland. "Er muss arbeiten und Geld verdienen, das ist seine Aufgabe, seine Pflicht", sagt Abbas. Doch dann schlossen die Länder wegen der Pandemie ihre Grenzen. Seitdem sitzt der Vater in Afghanistan fest, zuletzt in der Hauptstadt Kabul.

Zu allem Überfluss wird das Land gerade von Hochwasser heimgesucht. "Viele Menschen leben in Höhlen in der Erde und müssen dort nun raus, einige machen sich auf den Weg in die Hauptstadt", sagt Abbas. Das Wasser sei noch schlimmer als Corona. Er erzählt wie im Rausch, starrt ab und zu ins Leere, zieht an seiner selbstgedrehten Zigarette. 

Er selbst sei hier in Deutschland sicher und auch froh darüber. Doch die Sorge um seine Familie raubt ihm den Schlaf: "Wenn meine Mutter nicht mehr da ist, bin ich auch irgendwie tot", sagt er. Abbas nimmt das Virus sehr ernst, er hat Angst, seine Großeltern nie wieder zu sehen. Schließlich sind sie über 70 und sollten sie erkranken, können sie sich wenig Hoffnung auf medizinische Versorgung machen.

Die unterschätzte Gefahr

Auch Tessa Enright sorgt sich um ihre Großeltern. Die leben allerdings auf der anderen Seite der Erde, in den USA, im südlichen Bundesstaat Arkansas. Beide sind über 90. Arkansas ist einer der Staaten, in dem die Ausgangsbeschränkungen freiwillig sind. "Das verstehe ich nicht", sagt Enright, "ich hoffe dass ich sie noch einmal sehen kann."

Tessa Enright in der Görlitzer Südstadt.
Tessa Enright in der Görlitzer Südstadt. © Gabriela Lachnit

Die Corona-Epidemie hat inzwischen die USA erreicht und schwer getroffen. Nirgendwo gibt es mehr Fälle. Und es fehlt an effektiver Steuerung, das sieht auch Enright so. Denn das System der United States ist noch einmal  deutlich förderaler als beispielsweise das deutsche, das in der Corona-Krise schon als ein Flickenteppich wahrgenommen wurde.  Die US-Bundesstaaten sind so unabhängig wie einflussreich, die Hürden, in Washington allgemein verbindliche Regeln für alle herzustellen, sind höher. Und allgemein reagieren viele Amerikaner recht allergisch auf Vorgaben der Regierung.

Laut Enright wurde die Gefahr lange unterschätzt. "Als in Deutschland schon alle darüber geredet haben, war Corona in den USA kaum ein Thema, das hat mich verwundert", sagt die 35-Jährige. Erst seit gut einer Woche nähmen die Leute die Pandemie tatsächlich sehr ernst. 

Ein Stolperstein für den Präsidenten?

Eine Hauptrolle kommt dem Gesundheitssystem zu, über das in den Vereinigten Staaten seit Jahren beherzt gestritten wird. Kranken- und Arbeitslosenversicherung sind größtenteils freiwillig, besonders ärmere Menschen sparen daran und nehmen das Risiko auf sich. "Es ist normal, auch krank auf Arbeit zu gehen, weil man ansonsten keinen Cent verdient", sagt Tessa Enright. Um sich auszumalen, was das für die Verbreitung des Coronavirus bedeutet, muss man kein Virologe sein. 

Das Thema Gesundheitsversorgung spielte vor allem auf Seiten der Demokraten auch im US-Vorwahlkampf eine Hauptrolle. Die Corona-Krise gibt dem nun neues Futter. Im Herbst wird gewählt, der amtierende Präsident Donald Trump hat sich eher als Verfechter der freiwilligen Krankenversicherung gezeigt. Auch wenn er 2017 mit dem Versuch scheiterte, die "Obamacare"-Regelung der Vorgängerregierung zu annullieren. 

Ob Trump jedoch über die Krise stolpert, daran hat auch Tessa Enright ihre Zweifel: "Erst wenn es wirklich schlimm wird, dann wenden sich seine Unterstützer von ihm ab." Während des Gespräches sagt sie immer wieder "I don't feel confident" - "ich bin nicht zuversichtlich." Sie wünscht sich deutlich klarere Regeln der Regierung in Washington. Deutschland könnte ein Vorbild sein - die Maßnahmen gegen das Virus empfindet sie hier als deutlich effektiver. "Zurzeit vertraue ich der deutschen Regierung mehr." 

"Ich weiß nicht, ob sie die Wahrheit sagen"

Für Abbas ist das ein kleiner Trost. Seine Freunde nennen ihn manchmal einen Schwarzmaler, doch er gibt zu, wirklich Angst vor Corona zu haben. "Ihr kennt nur Deutschland und fühlt euch zu Recht sicher, aber ich habe mehr gesehen", sagt er. Seine Flucht führte ihn vor vier Jahren durch knapp zehn verschiedene Länder. Das habe ihn verändert - auch seine Sicht auf die Welt.

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Tun kann er wenig, außer seine Familie immer wieder anzurufen und ihr Geld und gute Worte zu senden. "Sie sagen, es geht ihnen gut, aber ich weiß nicht, ob sie mir die Wahrheit sagen", sagt Abbas. Er steht auf, stellt sich vor die Leinwand. Ein kritischer Blick, ein paar letzte Pinselstriche fehlen noch. Ihm bleibt wenig mehr als die Ablenkung - bis die Krise auch in seiner Heimat durchgestanden ist.


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