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"Wir sind nicht Richter über Leben und Tod"

Holm Krumpolt, Chefarzt der Neurologie am Fachkrankenhaus Großschweidnitz, über Fragen aus der Nazi-Zeit, die auch wegen Corona wieder aktuell sind.

Dr. Holm Krumpolt ist Chefarzt der Neurologischen Klinik am Fachkrankenhaus Großschweidnitz und hat zur Geschichte der Klinik promoviert.
Dr. Holm Krumpolt ist Chefarzt der Neurologischen Klinik am Fachkrankenhaus Großschweidnitz und hat zur Geschichte der Klinik promoviert. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Holm Krumpolt ist Chefarzt der Neurologischen Klinik am Fachkrankenhaus in Großschweidnitz und setzt sich seit Jahren mit der Großschweidnitzer Krankenhausgeschichte in der Nazizeit auseinander. Er verfasste darüber auch zu DDR-Zeiten seine Doktorarbeit. Während des Nationalsozialismus bedeutete die "Landesanstalt Großschweidnitz" für Tausende Patienten das Todesurteil, als sich seit Ende 1939 Großschweidnitz an der sogenannten Aktion T4 beteiligte, der systematischen Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen. Diese Aktion begann vor genau 80 Jahren und fand zwischen 1940 und 1941 statt. Sie wurde auf Druck aus dem Ausland von Hitler wieder gestoppt.

In dieser Zeit wurden mehr als 2.500 Patienten in Großschweidnitz aus der ganzen Region zusammengebracht und dann zum Vergasen nach Pirna-Sonnenstein gefahren. Weitere Tausende starben bereits ab 1939 und auch nach Ende der T4-Aktion an absichtlicher Unterernährung, mangelnder Hygiene und Pflege. Ab 1943 erhielt der damalige ärztliche Direktor der Landesanstalt Großschweidnitz eine Vollmacht zur Tötung mittels Mangelversorgung und Medikation bei einem zeitgleichen Anstieg der Massenverlegungen nach Großschweidnitz.

Herr Krumpolt, die grausame nationalsozialistische Vergangenheit des Krankenhauses und die Auslese von sogenanntem lebensunwerten Leben beschäftigt sie persönlich schon lange. Aber spielt das im Klinikalltag noch eine Rolle?

Dr. Holm Krumpolt: Natürlich spielt die Geschichte immer eine Rolle. Wir weisen bei Veranstaltungen und Vorträgen auf die Euthanasievergangenheit hin - und das nicht nur zu Jahrestagen und Jubiläen. Mitarbeiter, die hier neu beginnen, werden selbstverständlich über die Vergangenheit - nicht nur über die Zeit des Nationalsozialismus - informiert.

Auch im Zusammenhang mit dem Corona-Virus geht es um die Frage, ob es so schlimm ist, wenn ältere Menschen sterben, weil sie doch ohnehin nicht mehr so lange zu leben hätten. Sehen Sie da Parallelen zur Euthanasie-Diskussion?

Krumpolt: Diese Art der Diskussion taucht immer wieder auf. Das Thema ist ebenso aktuell in der Diskussion um passive und aktive Sterbehilfe präsent. Der Übergang zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe ist fließend. Mein Standpunkt ist: Wir sind der Humanität verpflichtet und nicht Richter über Leben und Tod. Die Pflege- und Heilberufe sind für das Leben da, nicht für den Tod. Wir müssen den Patienten das Leben ermöglichen, egal, ob es noch Jahre, Monate oder Tage dauert. Luther hat man einmal gefragt, was er täte, wenn er noch einen Tag zu leben hätte. Er sagte, er würde einen Apfelbaum pflanzen.

Der Freistaat plante außerdem, Corona-Quarantäne-Verweigerer in Fachkrankenhäuser wie Großschweidnitz zwangseinzuweisen. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?

Krumpolt: Es kam zu keiner Zeit zu einer Zwangsquarantäne in unserem Krankenhaus. Die Frage stellt sich somit nicht.

Das Krankenhaus Großschweidnitz trägt generell schwer an der Last der Geschichte. Spüren Sie das auch heute noch?

Krumpolt: Die Stigmatisierung aus der Nazi- und Kriegszeit, aus der Zeit der Euthanasie, wirkt bei den Menschen heute nicht mehr so stark - es ist eher die DDR-Zeit. Sie wird als nebulös wahrgenommen, man hat nicht richtig gewusst, was da vor sich ging. Einige Ärzte waren nach dem Zweiten Weltkrieg im Krankenhaus weiterbeschäftigt, da ist manches verschwiegen worden, ja. Aber sicherlich haften dem Krankenhaus Großschweidnitz - anders als Pirna-Sonnenstein - auch die Dinge aus der Nazizeit an. Wir sind weiterhin ein Krankenhaus. Das Gebäude in Pirna-Sonnenstein nicht, es beherbergt eine Gedenkstätte und das Landratsamt. Das ist schon ein Unterschied.

Aus heutiger medizinischer Sicht - wen haben die Nazis damals umgebracht und umkommen lassen?

Krumpolt: Bis 1941 waren es zu 50 Prozent Menschen mit Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, später dann etwa 35 Prozent. Menschen mit geistigen Behinderungen - damals Schwachsinn genannt - machten vor 1942 etwa 30 Prozent, danach etwa ein Viertel aus. Bei etwa zehn Prozent handelte es sich um Epileptiker. In der Zeit des Nationalsozialismus galten viele der Erkrankungen als Erbkrankheit und man wollte dann, dem Sozialdarwinismus folgend, eine Auslese treffen, hat Menschen mit solchen Krankheitsbildern beispielsweise zwangssterilisiert.

Wie sind Sie persönlich zu diesem Thema gekommen?

Krumpolt: Ich habe 1980 nach dem Abitur als Hilfspfleger am Krankenhaus gearbeitet. Weil ich mich schon immer für Geschichte interessiert habe, habe ich mich ab 1988 dann intensiver mit diesem Kapitel befasst, was zu DDR-Zeiten sehr schwierig war. Am Ende wurde es mein Promotionsthema.

  • Ein Aufsatz über die Forschungen von Holm Krumpolt ist jüngst in dem Band Erinnerungs- und Gedenkorte im sächsischen Dreiländereck Polen - Tschechien - Deutschland erschienen, herausgegebene von der Umweltbibliothek Großhennersdorf und der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.

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