merken
PLUS Deutschland & Welt

Coronavirus-Studie: Schulen waren keine Hotspots

Wissenschaftler aus Dresden haben die bisher größte deutsche Infektionsstudie in Schulen durchgeführt - mit überraschenden Ergebnissen.

Kinder verbreiten womöglich das Coronavirus weniger als gedacht. Das legt eine Studie aus Dresden nahe.
Kinder verbreiten womöglich das Coronavirus weniger als gedacht. Das legt eine Studie aus Dresden nahe. © dpa

Es ist die größte Studie zum Coronavirus an Schulen. Nirgends in Deutschland weiß man derzeit mehr über das Virus und darüber, wie es sich in den Schulen ausbreitet. Mittwochnachmittag hat die Dresdner Universitätsmedizin nun die ersten Ergebnisse dazu vorgestellt.

Die Erkenntnisse verblüffen: „Wir haben keine Ausbreitung festgestellt. Die Verteilung der Infektionsraten war konstant“, erklärt Professor Reinhard Berner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Dresden. „Die Verbreitung des Virus in den Hauhalten ist deutlich weniger dynamisch gewesen, als wir ursprünglich gedacht hatten.“ Die Schulen seien eben nicht die Hotspots dieser Pandemie. Doch wo befinden die sich dann?

Fahrrad
Rauf auf den Sattel
Rauf auf den Sattel

Fit unterwegs und immer auf der Suche nach etwas Sehenswertem? Auf unserer Themenwelt Fahrrad gibt es ganz viel zu entdecken!

Wie verbreitet sich das Coronavirus?

Die ersten Lockerungen nach dem Lockdown fangen Mitte Mai an. Langsam öffnen Schulen und später auch Kitas wieder. Folgt nun die zweite Welle? Und wie schnell? Wer steckt sich an? Und was passiert in den Klassenräumen? Nichts von all dem ist zu diesem Zeitpunkt damals bekannt. Es gibt nur Angst und Vorsicht und Vermutungen. Mitte Mai beginnt daher die Universitätsmedizin der TU Dresden eine bisher so nicht vorhandene Studie.

Wissenschaftliche Daten sollen Spekulationen und Vermutungen ersetzen. Berner und sein Team entscheiden sich für 14- bis 18-jährige Schüler. Eine Altersgruppe, die ihr Sozialleben weitgehend selbst auswählt. Zu diesen Schülern kommen noch 504 Lehrer zwischen 30 und 66 Jahren dazu. Die Tests finden schließlich im Mai an 13 Schulen in Dresden, Bautzen und Görlitz statt.

Wo wurde getestet?

Die Mediziner des Uniklinikums Dresden haben den Schülern und Lehrern jeweils fünf Milliliter Blut aus der Armvene entnommen. „Alle Proben wurden einem einheitlichen, zugelassenen Antikörpertest unterzogen“, erklärt Professor Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Virologie der Medizinischen Fakultät der TU Dresden. Dalpke, schreibt in seiner Kolumne seit dem Corona-Ausbruch in der Sächschen Zeitung als Autor über das Virus und seine Folgen vor und im Labor.

Wie viele Schüler sind infiziert?

Von den 1.500 Schülern konnten die Wissenschaftler gerade mal zwölf finden, die Antikörper gegen das Virus hatten. Fünf von ihnen wussten durch einen vorangegangenen Virustest bereits, dass sie das Virus hatten. Bleiben noch sieben, bei denen die Erkrankung unentdeckt verlaufen war.

Die Mediziner geben die Dunkelziffer insgesamt mit etwa 2,5 an. „Das liegt weit entfernt von der noch im März befürchteten 10-fachen Anzahl der unentdeckten Infektionen. Für die Wissenschaftler völlig überraschend, dass das Virus zwar in 24 Haushalten war, aber sich nur ein einziger Schüler daheim in der Familie an gesteckt hatte.

Sind die Kinder wirklich das Risiko?

Klare Antwort der Dresdner Wissenschaftler: Nein, sie sind es nicht. Im Gegenteil, sie verhindern offenbar wie eine Art Bremsklotz die Ausbreitung der Coronaviren. Sie sind in aller Regel nur leicht betroffen von der Erkrankung und verteilen wohl auch nur vergleichsweise wenig Viren, so eine Vermutung. Das verglichen mit Erwachsenen sehr andere Atmen und Husten der Kinder und Jugendlichen könnte eine weitere Ursache dafür sein. Kinder streuen ihre Viren deutlich weniger weit.

Waren die Schulschließungen nötig?

Alles Handeln damals basierte auf dem Wissen über Grippeviren. Doch Corona ist anders, berichtet Reinhard Berner. „Ich habe großen Respekt vor diesem Virus.“ Denn bundesweit gäbe es immer wieder auch krasse bis tödliche Erkrankungen ebenso bei Kindern. Wovon dies abhänge und weshalb die meisten Kinder aber weitgehend gut geschützt sind, man wisse es einfach noch nicht.

Fest stehe nur, so Berner, dass die Dynamik der Virusverbreitung bisher überschätzt worden sei. Dennoch wären die mit dem Wissen damals von der Politik getroffenen Maßnahmen richtig gewesen. Genauso richtig sei es nun aber, Schulen und Kitas wieder zu öffnen, so Berner.

Was kommt in den nächsten Monaten?

Die Forscher wollen ihre Studie gleich nach den Sommerferien wiederholen und schauen, wie der Urlaub die Infektionszahlen verändert hat. Gleiches passiert vor den Weihnachtsferien noch einmal. Und eben beginnt die erste Kita-Studie für Sachen.

Das Virus ist und bleibt gefährlich, aber anders als erwartet. „Wir gehen in die Sommerferien 2020 mit einem Immunitätsstatus, der sich nicht von dem im März unterscheidet“, erklärt Berner. Nur 0,6 Prozent der sächsischen Schüler hätten demzufolge bereits eine Immunität erworben.

Und auch die könnte neuesten Studien zufolge von Monat zu Monat wieder abgebaut werden. Das heißt: Eine schützende Herdenimmunität ist sehr, sehr weit entfernt. Die Zahl jener, die sich noch infizieren könnten, ist jetzt fast ebenso hoch wie im März.

Und was ist die gute Nachricht?

Weiterführende Artikel

Coronavirus-Studie: Geringe Infektionsgefahr in Schulen

Coronavirus-Studie: Geringe Infektionsgefahr in Schulen

Es sei richtig, die Schulen in Sachsen wieder zu öffnen, sagen Wissenschaftler aus Leipzig. Auch zum Wohle der Kinder.

Schulen, macht eure Hausaufgaben

Schulen, macht eure Hausaufgaben

Nach den Sommerferien kehren Sachsens Schulen zum Normalbetrieb zurück. Das geht nicht ohne Vorbereitung. Ein Kommentar.

Corona: So soll der Unterricht nach den Ferien laufen

Corona: So soll der Unterricht nach den Ferien laufen

Sachsen kehrt zum Regelbetrieb in den Schulen zurück. Der Mindestabstand gilt im kommenden Schuljahr nicht mehr. Wie der Unterricht dann aussehen soll.

"Unser Ziel ist der Schutz der Kinder"

"Unser Ziel ist der Schutz der Kinder"

Professor Reinhard Berner erklärt, warum seine Corona-Studie an Schülern dringend notwendig ist - und kein gefährliches Experiment.

Corona-Gefahr in Schule und Kita?

Corona-Gefahr in Schule und Kita?

Wie hoch ist die Ansteckungsgefahr für Kinder? Was der Dresdner Professor für Kindermedizin Reinhard Berner den Eltern zum Umgang mit Corona rät.

Die Jugendlichen hatten eigentlich bis Mai Kontaktbeschränkungen, so wie jeder andere auch per Verordnung. Die Wissenschaftler aber fanden heraus, 80 Prozent von ihnen hatten deutlich mehr soziale Kontakte als erlaubt und das auch oft. Nur habe sich dies offenbar nicht nachteilig auf die Infektionszahlen ausgewirkt. Auch das sei bei erneuten Kontaktverboten zu bedenken. Die Chance, dass solche Einschränkungen bei einer zweiten Welle nicht mehr so hart wie im März kommen, die besteht damit zumindest.

So informieren wir Sie zum Thema Corona

Mehr zum Thema Deutschland & Welt