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Görlitz

Corona-Tagebuch einer Lehrerin

Die Mehrbelastung von Familien durch Hausaufgaben und Homeoffice wegen Corona ist in aller Munde. Eine Görlitzer Lehrerin erzählt ihre Sicht.

Blick auf Doris Walkowiaks PC: Formuliere den Basissatz und fasse Kernaussagen des Autors zusammen – so funktioniert Lernen im Internet. Ganz wichtig ist dabei das Zwischenspeichern und der Kontakt zum Lehrer.
Blick auf Doris Walkowiaks PC: Formuliere den Basissatz und fasse Kernaussagen des Autors zusammen – so funktioniert Lernen im Internet. Ganz wichtig ist dabei das Zwischenspeichern und der Kontakt zum Lehrer. ©  privat

Von Doris Walkowiak

Kein Weckerklingeln reißt mich früh aus dem Schlaf. Ausgeruht blinzele ich in den neuen Tag und schaue auf die Uhr. Na prima – das Display zeigt 6.30 Uhr. Obwohl ich meinen Start in den Morgen jetzt selbst gestalten kann, hat sich meine innere Uhr dazu entschieden, alles beim Alten zu belassen. Bei meinen Schülern sieht das etwas anders aus.

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Die meisten von ihnen genießen es, etwas länger schlafen zu können, aber auch die schwingen sich in der Regel gegen neun Uhr aus dem Bett.

Auch wenn ich es mittlerweile satt habe, in den Nachrichten ständig etwas über die steigende Zahl an Coronafällen, Ausgangsbeschränkungen und den drohenden wirtschaftlichen Niedergang zu hören, nutze ich die Zeit nach dem Frühstück, um auf dem Laufenden zu bleiben. Danach mal eben schnell die Mails checken.

Paul hat sein Kennwort vergessen

Hat da jemand etwas von schnell gesagt? Meistens gehen dabei ein bis zwei Stunden drauf. Da ist beispielsweise Paul, der nach zwei Wochen endlich gemerkt hat, dass er sein Kennwort vergessen hat und deshalb seine Mails nicht abfragen kann (bei uns hat jeder Schüler ab Klasse 7 eine zentral vergebene E-Mail-Adresse). Also vergebe ich ein neues Kennwort und schicke es ihm zu. Dann schreibt mir Lisa, dass sie den Anhang der Datei nicht öffnen kann. Auch das bekommt sie natürlich noch einmal erklärt.

Kevin hat das Problem, dass sich seine Schwester nicht beim Office anmelden kann. Welcher Kevin? Welche Schwester? Eine Kollegin fragt an, wie man eine E-Mail mit einem Mal an die gesamte Klasse verschicken kann und ein Kollege will wissen, wie man am besten mit Teams kommuniziert. Eine besorgte Mutter weiß nicht, wie ihr Kind das alles bewältigen soll. Ein Schüler hat keinen Plan, wie er die Matheaufgaben lösen soll ...

Hast du nicht gesehen, es ist schon nach zehn Uhr. Jetzt aber ranhalten. Ich habe den Schülern versprochen, dass ich jeden Tag zwischen zehn und zwölf Uhr für ihre Fragen zur Verfügung stehe. Also Teamchat öffnen und mal schauen, was da so los ist: kurze Rückmeldung der Schüler, ein paar Fragen beantworten, mal nachsehen, was die Kollegen in meiner Klasse so für Aufgaben gestellt haben.

Sonne tanken nach der Besprechung

Außerdem lasse ich mich für den Videochat in Geschichte mit einladen. Nebenbei sind noch mal E-Mails zu lesen und zu beantworten – und dann sind auch diese zwei Stunden bereits um. Erst jetzt fällt mir auf, was draußen für ein tolles Wetter ist. Na ja, ein paar Vorteile muss Homeschooling ja auch haben. Einer davon ist definitiv die relativ freie Zeiteinteilung. Also erst mal raus in den Garten, ein bisschen Sonne tanken.

Und was ist der Nachteil? Viele, die derzeit im Homeoffice arbeiten, wissen, dass da schnell mal ein paar Stunden mehr zusammenkommen. Auch wenn bei mir zu Hause keine kleinen Kinder mehr um die Beine wuseln, muss ich schon aufpassen, dass ich mich nicht ablenken lasse.

Wie auch immer, um 14 Uhr sitze ich wieder an meinem Schreibtisch und mache das, wozu ich als Lehrerin eigentlich da bin – Unterricht. Na gut, ganz so kann man es vielleicht nicht nennen, denn wie ich das mache, hat so gar nichts mit dem zu tun, was wir bisher als unterrichten bezeichnet haben.

Zunächst einmal prüfe ich, ob alle meine Schüler mit Aufgaben versorgt sind. Ja ich weiß, das sorgt bei einigen Eltern schon für graue Haare und nein, ich erwarte nicht, dass die Eltern den Job der Lehrer übernehmen. Sicherlich ist es so, dass nicht alle Schüler alle Aufgaben perfekt lösen können. Das erwarte ich auch gar nicht, vor allem nicht in Mathe. Sonst bräuchten sie mich ja auch nicht.

Kontakt zum Mitschüler suchen

Aber ich erwarte, dass sie sich mit dem Stoff auseinandersetzen, dass sie sich kümmern und auch mal den Kontakt zu den Lehrern und ihren Mitschülern suchen. Auch sie haben nämlich keine Ferien. Die Aufgaben sollten normalerweise so konzipiert sein, dass sie auch allein bewältigt werden können und wenn nicht, dann mithilfe der Lehrerinnen und Lehrer. Ich rede hier allerdings von Gymnasiasten, bei Grundschülern ist das sicher ungleich komplizierter.

Und was sollten die Eltern für ihre Kinder tun? Genau das, was sie auch sonst tun, nämlich für ihre Kinder da sein, sich ihre Sorgen anhören und ein bisschen lenken und leiten, das heißt wenn sie das Gefühl haben, es wird zu viel – ein wenig bremsen, und wenn sie denken, da müsste mehr passieren – auch mal schubsen.

Aber zurück zu mir, ich will ja hier keinen Erziehungsratgeber schreiben. Die Fragen, die ich mir seit Beginn der unterrichtsfreien Zeit stelle, sind folgende: Wie bringe ich das Wissen zu meinen Schülerinnen und Schülern? Wie kann ich kontrollieren, ob sie sich mit den Angeboten auseinandersetzen? Was ist, wenn die technischen Voraussetzungen im häuslichen Umfeld nur unzureichend gegeben sind? Wie erreiche ich diejenigen, die sonst schon schwer zu motivieren sind? Wie kann ich die derzeitige besondere Situation nutzen, um neue Methoden zu entwickeln?

Auswertung per Chat und Video

Und nicht nur ich stelle mir solche Fragen, sondern natürlich auch meine Kolleginnen und Kollegen. Wenn ich nach reichlich 14 Tagen ein Resümee ziehe, dann ist dieses überwiegend positiv. Vieles, was in der ersten Woche noch teilweise etwas unkoordiniert ablief, hat sich mittlerweile eingespielt. Die Schülerinnen und Schüler wissen, wo sie welche Aufgaben finden und wie sie diese erledigen sollen. Die Lehrerinnen und Lehrer bekommen mehr oder weniger pünktlich die entsprechenden Rückmeldungen (auch alle Lehrer haben bei uns eine den Schülern und Eltern bekannte Mail-Adresse) und können diese dann mit den Schülern per Mail, Chat oder Videokonferenz auswerten.

Der eine oder andere hält auch schon mal eine Online-Unterrichtsstunde. Das sind dann aber immer nur Angebote, die man annehmen kann, aber nicht muss. Außerdem muss ich dabei auch einen Unterschied machen, ob es sich um Schüler eines Leistungskurses 12 oder um einen Fünftklässler handelt. Allerdings sind wir am Gymnasium in der komfortablen Situation, dass fast alle Schüler in irgendeiner Form einen Online-Zugang haben und wenn es nur über das Handy ist. Und für diejenigen, wo das gar nicht funktioniert, werden extra Absprachen getroffen.

Reden und Dinge entspannter angehen

Sicher ist es so, dass dabei manche Eltern zu stark eingebunden sind, beispielsweise auf Arbeit Blätter einscannen und abschicken. Das ist natürlich nicht das, was wir anstreben, aber wenn es wirklich nicht anders geht, sind wir dankbar, wenn die Eltern solche Mehrarbeit auf sich nehmen. Ansonsten denke ich, lassen sich viele Probleme lösen, wenn wir einfach miteinander sprechen und vielleicht auch mal bestimmte Dinge entspannter angehen. Was nicht geht, geht nicht. Und wenn es dafür gute Gründe gibt, dann ist das eben so.

Mittlerweile ist es Abend geworden. In der Zwischenzeit habe ich die Physikaufgaben meiner Klasse durchgesehen und die Lösungen online gestellt. Außerdem bin ich dabei, noch ein paar Erklärvideos für Mathe aufzunehmen. Die können sie sich dann auch am Handy anschauen. Schnell noch mal die Mails checken und dann mache ich endgültig Feierabend.

Ich überlege schon, wie ich einiges Neues auch in die Zeit nach Corona übernehmen kann. Und damit ist der ganzen Situation sicher auch viel Positives abzugewinnen. Meine Schülerinnen und Schüler haben beispielsweise in der kurzen Zeit mehr über den sinnvollen Umgang mit modernen Medien gelernt, als das in einem ganzen Jahr Informatikunterricht möglich gewesen wäre.

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Die Autorin: Doris Walkowiak (55 Jahre) ist Lehrerin für Mathematik, Physik, Informatik und Wirtschaft in den Klassenstufen 6 bis 12 an einem Görlitzer Gymnasium und Klassenleiterin einer 7. Klasse.

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