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Nächste Ausfahrt: Coronatest

Im Containerdörfchen an der Autobahn 17 bei Breitenau wird nach infizierten Reiserückkehrern gefahndet. Erste Treffer gibt es bereits.

Mund auf, Stäbchen rein: Auch wenn der zweijährige Amar von Mutter Fatime gehalten wird, wäre er jetzt lieber ganz woanders, als im Corona-Testcontainer von Ärztin Ildiko Hollós an der Autobahn 17.
Mund auf, Stäbchen rein: Auch wenn der zweijährige Amar von Mutter Fatime gehalten wird, wäre er jetzt lieber ganz woanders, als im Corona-Testcontainer von Ärztin Ildiko Hollós an der Autobahn 17. © Daniel Schäfer

Tausend Meter Autobahn hat man Zeit, zu entscheiden. Tausend Meter, die zwischen dem ersten Hinweiszeichen "Corona-Test" und der Ausfahrt liegen, die zum Parkplatz "Am Heidenholz" führt: Virus-Check ja oder nein? Familie Murati hatte sich längst für den Test  entschieden. "Ich finde das gut", sagt Mutter Fatime. So kriegen alle ihren Negativbefund am schnellsten, hofft sie, und Xhezair, ihr Mann, kann am Montag gleich wieder auf die Arbeit, in seine Autowerkstatt. "Wenn alles gutgeht."

Seit Freitagvormittag ist das mobile Corona-Testcenter an der A 17 bei Breitenau geöffnet. Das Containerdörfchen soll verhindern helfen, dass Urlauber und Geschäftsreisende Coronaviren aus dem Ausland unerkannt nach Deutschland tragen. Laut Robert-Koch-Institut standen zuletzt etwa vierzig Prozent der neu gemeldeten Fälle mit Reisetätigkeit in Verbindung. Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping appellierte an alle Heimkehrer, die Testcenter zu nutzen. "Die Gefahr, dass sich das Coronavirus in Sachsen durch die Urlaubszeit wieder ausbreitet, ist real."

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So nüchtern sieht das Testcenter hinter der Umzäunung aus: Herzstück sind die beiden Container mit dem Zeltvorbau: Rechts werden die Leute registriert, durch die linke Tür geht's zum Abstrich.
So nüchtern sieht das Testcenter hinter der Umzäunung aus: Herzstück sind die beiden Container mit dem Zeltvorbau: Rechts werden die Leute registriert, durch die linke Tür geht's zum Abstrich. © Daniel Schäfer

Familie Murati hat sowieso keine Wahl. Sie kommt geradewegs aus dem Kosovo. Die Bundesregierung stuft den kleinen Balkanstaat schon seit Juni als Corona-Risikogebiet ein. Und wer Risikogebiete bereist hat, der muss sich testen lassen. Fatime und Xhezair, beide im Kosovo geboren, wohnen seit einigen Jahren in Deutschland, in Wolfsburg. Doch viele Verwandte sind in der alten Heimat geblieben. Sie sehnen sich nach den Auswanderern, vor allem nach den Zwillingsjungs Amar und Nuar, die gerade zwei geworden sind. So haben die Muratis den Besuch riskiert.

Testcenter besser genutzt als angenommen

Das Testcenter ist ein kleiner, mit Bauzäunen und schwarzen Planen umgrenzter Kreis, in dem einige Rastplatzbänke und vier Container stehen. Der Eingang ist von einem Wachmann besetzt. Er überreicht den Muratis die Papiere - ein Merkblatt und den Auftrag für die Corona-Testung. Name, Telefonnummer und E-Mail-Adresse müssen eingetragen werden. So kann das Gesundheitsamt schnell Nachricht geben, sollte ein Befund positiv ausfallen. Fatime lässt sich zum Ausfüllen nieder, ihr Mann bespaßt derweil die Zwillinge.

Familie Murati aus Wolfsburg beim Ausfüllen der Formulare. Die Vier haben Verwandte im Risikostaat Kosovo besucht. Deshalb ist der Coronatest für sie nun Pflicht.
Familie Murati aus Wolfsburg beim Ausfüllen der Formulare. Die Vier haben Verwandte im Risikostaat Kosovo besucht. Deshalb ist der Coronatest für sie nun Pflicht. © Daniel Schäfer

Auf den Bänken sind die Ankömmlinge fast allein. Wenig los um diese Mittagsstunde. Aber das geht auch anders, sagt Friedrich Hilsberg, stellvertretender Leiter Einsatzdienste bei den Dresdner Maltesern. Die Testcenter werden besser angenommen als er erwartet hatte. Vor allem am Wochenende sei der Andrang zeitweise groß gewesen. Allein am Sonntag wurden hier an der A 17 rund 480 Abstriche genommen. Beim Testcenter an der A 4 nahe Görlitz waren es über dreihundert.

Die Malteser haben beide Teststationen binnen 48 Stunden aufgebaut. Ein kleiner Kraftakt sei das gewesen, sagt Hilsberg. Container wie diese hat der Hilfsdienst nicht einfach so in der Garage stehen. Jahrelange Kontakte in die Veranstaltungsbranche - die Malteser sichern viele Events in Dresden mit Sanitätern ab - haben geholfen, das Material zügig zu organisieren. Dazu kommen Stromerzeuger und, speziell an der A 17, ein Wasserwagen mit fünftausend Litern Vorrat.

Die Dresdner Malteser haben die Testcenter an den sächsischen Autobahnen aufgebaut. Hier liefert Friedrich Hilsberg, Vizechef Einsatzdienste, Latexhandschuhe am "Heidenholz" nach.
Die Dresdner Malteser haben die Testcenter an den sächsischen Autobahnen aufgebaut. Hier liefert Friedrich Hilsberg, Vizechef Einsatzdienste, Latexhandschuhe am "Heidenholz" nach. © Daniel Schäfer

Die Muratis haben ihre Schreibarbeit erledigt. In der Registratur werden die Versicherungskarten eingelesen. Der Test ist gratis. Die Kosten übernimmt der Gesundheitsfonds der Krankenkassen. Für die Infrastruktur zahlt der Freistaat Sachsen. Wie teuer die Teststationen werden, steht bislang noch nicht fest, heißt es aus dem Sozialministerium, da man es mit einem "sehr dynamischen Geschehen" zu tun habe. Nach dem Stand der Dinge sollen die Testcenter mindestens bis zum 31. Oktober in Betrieb bleiben.  

Sebnitzer Kinderärztin meldet sich zum Einsatz

Jetzt wird es ernst. Die Muratis werden in den Testcontainer von Doktor Ildiko Hollós gewunken. Unter ihrer Schutzausrüstung - Kittel, Haube, Mund-Nasen-Maske, Gesichtsschild - ist die 60-Jährige kaum zu erkennen. Eigentlich ist Doktor Hollós die Kinderärztin von Sebnitz. Als die Kassenärztliche Vereinigung um Personal für die Testcenter bat, hat sie sich gemeldet. Die Menschen vor dem Virus zu schützen, ist ihr als Medizinerin wichtig. Außerdem will sie neue Erfahrungen sammeln. 

Gefüllte und verschlossene Röhrchen mit Abstrichen stehen für den Transport ins Labor bereit. Bis Wochenbeginn wurden an der A 17 bei elf Personen Coronaviren entdeckt.
Gefüllte und verschlossene Röhrchen mit Abstrichen stehen für den Transport ins Labor bereit. Bis Wochenbeginn wurden an der A 17 bei elf Personen Coronaviren entdeckt. © Daniel Schäfer

Fatime Murati und Söhnchen Amar machen den Anfang. Doktor Hollós reißt die knisternden Hüllen der Testsets auf. Weit hinein in den Mund muss das Stäbchen, bis an die Hinterwand des Rachens, erklärt sie. Dort ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass sie beim Abstrich Viren einfängt. Dem kleinen Amar ist anzusehen, dass er jetzt überall sonst gern wäre, nur nicht auf diesem Stuhl im Container, vor der gelb eingemummelten Fremden. Aber er hält tapfer durch.

Schriftlicher Befund über die Warn-App abrufbar

Die befeuchteten Tupfer werden in Röhrchen geschoben und fest verschraubt ins Labor geschickt. Hört man binnen dreier Tage nichts vom Amt, ist man coronafrei. Wer einen gedruckten Befund braucht, kann ihn sich via Corona-Warn-App oder über die App "Mein Laborergebnis" besorgen. Von den bis Montagabend an der A 17 getesteten knapp 900 Menschen waren beinahe alle negativ. Aber es gab auch elf positive Ergebnisse, ein Anteil von 1,2 Prozent. 

Die Muratis haben die Prozedur hinter sich. Dass es bald einen alarmierenden Anruf vom Wolfsburger Gesundheitsamt geben könnte, mit anschließender Quarantäne, damit rechnet Vater Xhezair nicht. "Alle sind gesund, Gott sei Dank." Noch mal Windeln wechseln bei den Jungs, dann geht es wieder auf die Piste. Wenn alles gut läuft, sind sie in drei Stunden daheim.

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