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Warum Urlaub mit dem Rad jetzt boomt

Viele entdecken durch Corona den Radurlaub. Hunderte radfreundliche Unterkünfte warten, Veranstalter schaffen neue Angebote: Teil 4 unserer neuen Serie.

Pause mit Ausblick auf Neiße und Viadukt: Jeder zweite Gast der Obermühle von Jörg Daubner in Görlitz am Oder-Neiße-Radweg kommt mit dem Rad.
Pause mit Ausblick auf Neiße und Viadukt: Jeder zweite Gast der Obermühle von Jörg Daubner in Görlitz am Oder-Neiße-Radweg kommt mit dem Rad. © Nikolai Schmidt

Die Obermühle Görlitz am Oder-Neiße-Radweg klappert wieder – im übertragenen Sinn. Seit dem 15. Mai, als die Regeln für das Gastgewerbe in Sachsen gelockert wurden, läuft der Pensionsbetrieb mitten im Grünen – wegen der Pandemie mit Auflagen. Das Frühstück etwa wird nach der unfreiwilligen Corona-Pause nun auf den Zimmern serviert. Für diejenigen, die hier am östlichen Zipfel Sachsens mit dem Fahrrad unterwegs sind, ist das historische Anwesen am Grenzfluss ein idealer Ort für eine Verschnaufpause. Es gibt Zimmer, ein Restaurant, Terrasse mit Blick aufs Wasser, eine hauseigene Brauerei und sogar einen Paddelverleih vor der Haustür. Die Nachfragen nehmen zu, am Pfingstwochenende ist die Obermühle bereits ausgebucht.

„Gut die Hälfte unserer Gäste kommt mittlerweile mit dem Rad oder hat es auf dem Auto dabei“, sagt Inhaber Jörg Daubner. Vor einiger Zeit hat er seine Obermühle vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) als Bett+Bike-Gastbetrieb zertifizieren lassen. Er verleiht Räder und E-Bikes, hat einen sicheren Abstellraum und einen Werkstattdienst zur Hand, nimmt Gäste auch für nur eine Nacht auf und bietet auf Nachfrage Gepäcktransporte an. Rund 150 solcher radlerfreundlichen Unterkünfte gibt es bereits in Sachsen. Der Bedarf ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Jörg Daubner rechnet wegen der Coronakrise für die anstehende Saison mit einem noch höheren Anteil an Radlern.

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„Radurlaub ist jetzt sehr nahe liegend, weil man von zu Hause aus starten kann und weil man draußen und in Bewegung ist“, sagt Stephanie Krone vom ADFC. Man könne die aktuellen Sicherheitsregeln viel leichter einhalten als zum Beispiel bei einer Städtereise. Laut Radreiseanalyse des ADFC haben 2019 rund 5,4 Millionen Deutsche eine Radreise mit mindestens drei Übernachtungen unternommen. Hinzu kamen 330 Millionen Tagesausflüge. In diesem Jahr dürften es deutlich mehr werden. Viele Menschen können ihre geplante Ferienreise ins Ausland nicht antreten, bleiben daheim und entdecken ihre Liebe zum Fahrrad – und zu ihrer Heimat – neu.

Naturidylle am Grenzfluss: Der Oder-Neiße-Radweg führt von der Neißequelle im tschechischen Nova Ves (Grenzöffnung voraussichtlich am 15. 6.) bis nach Usedom. Stationen der 630-Kilometer-Tour sind etwa in der Uckermark der einzige Auen-Nationalpark und das Stettiner Haff. In Sachsen liegen Zittau, Görlitz und Bad Muskau am Weg. www.oder-neisse-radweg.de
Naturidylle am Grenzfluss: Der Oder-Neiße-Radweg führt von der Neißequelle im tschechischen Nova Ves (Grenzöffnung voraussichtlich am 15. 6.) bis nach Usedom. Stationen der 630-Kilometer-Tour sind etwa in der Uckermark der einzige Auen-Nationalpark und das Stettiner Haff. In Sachsen liegen Zittau, Görlitz und Bad Muskau am Weg. www.oder-neisse-radweg.de © Patrick Pleul/dpa
Rund um den Schwielochsee
Ein guter Startpunkt für die Umrundung des größten natürlichen Sees in Brandenburg ist der Ort Beeskow. Auf der 50 Kilometer langen, gemütlich zu fahrenden Tour haben Radler das Wasser immer im Blick, ein Strand reiht sich an den nächsten. Zwischen Leißnitz und Ranzig verkehrt eine Personenfähre. www.reiseland-brandenburg.de
Rund um den Schwielochsee Ein guter Startpunkt für die Umrundung des größten natürlichen Sees in Brandenburg ist der Ort Beeskow. Auf der 50 Kilometer langen, gemütlich zu fahrenden Tour haben Radler das Wasser immer im Blick, ein Strand reiht sich an den nächsten. Zwischen Leißnitz und Ranzig verkehrt eine Personenfähre. www.reiseland-brandenburg.de © Florian Läufer
Norddeutsche Romantik
Zu Lebensstationen berühmter Künstler führt die Route der Norddeutschen Romantik. Der 40 Kilometer lange Weg ist Teil des Ostseeküstenradweges zwischen Greifswald (Klosterruine) und Wolgast (Hafen). Unterwegs erfahren Radler mehr über Maler Caspar David Friedrich und Dichter Karl Lappe. www.vorpommern.de
Norddeutsche Romantik Zu Lebensstationen berühmter Künstler führt die Route der Norddeutschen Romantik. Der 40 Kilometer lange Weg ist Teil des Ostseeküstenradweges zwischen Greifswald (Klosterruine) und Wolgast (Hafen). Unterwegs erfahren Radler mehr über Maler Caspar David Friedrich und Dichter Karl Lappe. www.vorpommern.de © TMV/Krauss
Spaß für Familien: Die Goethestadt Ilmenau, die Brauerei in Singen, die historische Senfmühle in Kleinhettstedt oder die Falknerei in Kranichhof – der Ilmtalradweg in Thüringen ist kurzweilig. Mit vielen Gelegenheiten für Abstecher ist er gut für Familien geeignet. Endpunkt der 130-Kilometer-Strecke ist Kaatschen-Weichau. www.thueringen-entdecken.de
Spaß für Familien: Die Goethestadt Ilmenau, die Brauerei in Singen, die historische Senfmühle in Kleinhettstedt oder die Falknerei in Kranichhof – der Ilmtalradweg in Thüringen ist kurzweilig. Mit vielen Gelegenheiten für Abstecher ist er gut für Familien geeignet. Endpunkt der 130-Kilometer-Strecke ist Kaatschen-Weichau. www.thueringen-entdecken.de © TTG/Joachim Negwer
Land der Rundlinge
Liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser machen den Charme der Rundlingsdörfer aus, für die das Wendland (Niedersachsen) bekannt ist. Die Häuser sind rund angeordnet – nur ein Weg führt in das Dorf hinein und auch wieder hinaus. Die 22 Kilometer lange Rundlingstour startet und endet im Ort Lübeln. www.reiseland-niedersachsen.de
Land der Rundlinge Liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser machen den Charme der Rundlingsdörfer aus, für die das Wendland (Niedersachsen) bekannt ist. Die Häuser sind rund angeordnet – nur ein Weg führt in das Dorf hinein und auch wieder hinaus. Die 22 Kilometer lange Rundlingstour startet und endet im Ort Lübeln. www.reiseland-niedersachsen.de © Marketingbüro Wendland

Viele Reiseunternehmen reagieren darauf. So bietet der ursprünglich auf Fernreisen spezialisierte Anbieter Gebeco kurzfristig acht Radreisen in Deutschland an. Wer nicht auf eigene Faust losradeln möchte, kann wählen zwischen geführten Gruppen-Radreisen in die Pfalz, rund um den Bodensee und an die Mecklenburgische Seenplatte. Das Angebot soll in den kommenden Tagen weiter ausgebaut werden – sämtliche Unterkünfte, Fahrräder, Gepäcktransport, Besichtigungsprogramm und Reiseleitung inklusive.

Der Wanderspezialist Wikinger hat einen eigenen Radreise-Katalog und lädt in dieser Saison dazu ein, vom Rad aus „Neues zu entdecken“. Gebucht werden können Komplettpakete unter anderem auf Rügen und Usedom, entlang der Seenplatte im Müritz-Nationalpark und auf dem Ostseeküsten-Radweg. Das Thema Sicherheit reist mit. In vielen Unterkünften müssen Gäste mit Einschränkungen rechnen. Die Vorschriften sind noch immer je nach Bundesland verschieden. So kann es sein, dass Wellnessbereiche geschlossen sind, Restaurants nur unter Auflagen öffnen oder das Essen direkt am Tisch serviert wird. Auch welche Ausflugsziele geöffnet haben, sollten Ausflügler besser vorher prüfen.

Wer individuell auf Tour gehen mag, kann hierzulande zwischen mehr als 250 Radfernwegen und jeder Menge Themenrouten wählen. Viele Ideen und Informationen bieten laut ADAC die Webseiten Komoot, Outdooractive oder Eurovelo. Ein Geheimtipp seien die Grenztouren von der Ostsee bis Tschechien entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Das sogenannte Grüne Band ist ein mehr als 1.400 Kilometer langes Naturschutzgebiet, das aus der Sperrzone hervorging.

Übernachtungen bei Radreisen frühzeitig buchen

„Abgelegene, nicht so bekannte Radwege zu nutzen, ist eine gute Idee. Wir erwarten, dass die Zahl der Tagestouristen und Kurzausflügler stark zunimmt“, sagt Janine Häuser vom ADFC Sachsen. Hinzu kommen all jene, die für den Sommer ohnehin eine Radreise in Deutschland geplant hatten. Die meisten von ihnen sind weiter entschlossen, ihre Tour anzutreten. Das hat eine Umfrage des Internetportals www.fahrradreisen.de unter 1.500 Radurlaubern ergeben. Fast 80 Prozent halten an ihren gebuchten Reiseplänen fest.

Doch so hoch die Reisefreudigkeit auch ist, so zögerlich verhalten sich die Radelfans momentan noch bei ihrer Planung. Laut der Umfrage will die Hälfte der Befragten erst nach Aufhebung der weltweiten Reisewarnung damit beginnen, ihren Radurlaub konkret vorzubereiten. Dabei sollten Radler gerade jetzt mehr Zeit dafür investieren. Das schützt vor bösen Überraschungen, wenn man bereits unterwegs ist. „Einfach so losradeln, ohne vorher eine Übernachtung gebucht zu haben, würde ich in diesem Jahr niemandem empfehlen“, sagt Andreas Bunge, Geschäftsführer von Rückenwind. Der Veranstalter bietet seit 30 Jahren organisierte Radtouren an.

Vielen Hotels und Pensionen stehen nur eingeschränkt Kapazitäten zur Verfügung. In Mecklenburg-Vorpommern dürfen derzeit nur 60 Prozent der Zimmer ausgelastet werden, in Niedersachsen sind es 50 Prozent. Auch in Brandenburg ist es verboten, alle Zimmer zu vermieten, um die allgemein geltenden Abstandsregeln einhalten zu können. „Wer an der Ostsee radelt oder auch an beliebten Routen wie an Elbe und Weser, sollte da lieber nichts riskieren“, meint Bunge. Sein Unternehmen hat im vergangenen Jahr 13.000 Radgäste befördert – in Deutschland, aber auch Italien, Österreich oder Frankreich. Nachdem zu Beginn der Krise zahlreiche Reisen abgesagt werden mussten, würden sich mittlerweile Stornierungen und Neubuchungen für Inlandsreisen die Waage halten.

Fahrradbusse in Sächsische und Böhmische Schweiz

Selbst in Thüringen – mit Rennsteig, Südharz und Rhön traditionell ein Ferienland für Wanderer – hat der Radtourismus Fahrt aufgenommen. „Unsere Radwege sind alle in Schuss“, sagt Mandy Neumann von der Thüringer Tourismus GmbH. Ihr Tipp: der erst vor Kurzem fertiggestellte Unstrut-Werra-Radweg. Die Strecke ist 113 Kilometer lang und verbindet die Flüsse Unstrut und Werra miteinander. „Zu den Höhepunkten entlang der Strecke gehören die Barbarossahöhle, das Kyffhäuserdenkmal und die Fachwerkstadt Mühlhausen“, sagt Neumann. Startpunkt ist in Artern. Rund 130 Bett+Bike-Gastbetriebe gibt es in Thüringen bereits. Außerdem gilt: In allen Nahverkehrszügen innerhalb des Landes können Fahrräder kostenfrei mitgenommen werden. „Das wird gern von Urlaubern genutzt, die nicht zu ihrem Startpunkt zurückradeln möchten“, sagt Mandy Neumann. Auch Wanderbusse, etwa im Thüringer Schiefergebirge, hätten nun öfter Fahrradanhänger dabei und würden Radler für den Rückweg einsammeln.

In Sachsen bringen die vom Regionalverkehr angebotenen Fahrradbusse Radtouristen in die Höhenlagen der Sächsischen und Böhmischen Schweiz sowie bis in das Lausitzer Seenland. Sie bieten Platz für 20 Räder und verkehren bis November an Wochenenden und Feiertagen. Auch die Regionalzüge nehmen je nach verfügbaren Kapazitäten Radtouristen mit. Aktuell gibt es wegen der Grenzschließung zu Tschechien allerdings noch Einschränkungen.

Mit einem ausgeklügelten Wegesystem lockt Sachsens Nachbar Brandenburg Radtouristen an: dem Knotenpunktradeln. „Im Grunde ist das Radeln nach Zahlen“, sagt Birgit Kunkel von der Tourismus-Marketing-Brandenburg GmbH. Alle Kreuzungen, an denen drei oder mehr Radwege aufeinandertreffen, sind mit einer Nummer versehen. Unter den Wegweisern werden Richtung und Nummer der nächstgelegenen Knotenpunkte angezeigt. „So lassen sich die wabenartig verlaufenden Radwege nach Lust und Laune kombinieren“, sagt Kunkel. Hilfreich sind dabei auch die Infotafeln mit Kartenausschnitten. Mittlerweile ist das Radeln nach Zahlen in sieben Reiseregionen Brandenburgs möglich. Ganz neu ist es an der sächsischen Grenze im Kreis Elbe-Elster ausgebaut worden.

Wer sich bei der Suche nach neuen Routen gern von Online-Portalen inspirieren lässt, sollte jetzt etwas genauer hinschauen. Oft werden die beliebtesten und meist befahrenen Strecken ganz oben angezeigt. Der ADFC rät: Lieber auf die hinteren Plätze schauen, da ist weniger los.

Übrigens: Die Stiftung Warentest hat kürzlich zwölf E-Bike-Modelle geprüft. Ergebnis: Nicht alle E-Bikes sind "gut".

Tipps im Netz:

  • Hilfreich bei der Navigation: Für die Routenplanung und Navigation unterwegs empfiehlt der ADAC die Apps Komoot und Outdooractive. Seit Mitte Mai ist auch die ADAC Trips App auf dem Markt, die die bisherige Tourset App ersetzt. Radfahrer finden Karten, Reisetipps und individuelle Tourenvorschläge. Die Inhalte können auch offline genutzt werden.

  • Entlang von Neiße, Mulde, Elbe oder Spree sowie in den neu entstehenden Seenlandschaften im Norden Leipzigs kann in Sachsen geradelt werden. Eine Übersicht mit Routenprofilen bietet die Tourismus Marketing Gesellschaft. www.sachsen-tourismus.de

  • Per Fahrradbus und Bahn können Radtouristen Höhenmeter in der Urlaubsregion Dresden Elbland, im Osterzgebirge, in der Oberlausitz, in der Sächsischen Schweiz bis hinein in die Böhmische Schweiz überwinden. Die Fahrradbusse des Regionalverkehrs Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (RVSOE) sowie Regionalbus Oberlausitz (RBO) sind eng mit dem Bahnnetz im Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) verbunden. Fahrpläne gibt es hier: www.ovps.de und www.vvo-online.de

  • Auf Angebote in Thüringen spezialisiert hat sich der Anbieter TravelButler. In Kooperation mit der Thüringer Tourismus GmbH können Radler Komplettpakete buchen oder den Radverleih und Gepäcktransfer nutzen. www.radfahren-in-thueringen.de

  • Einen Überblick über 1.000 Radwege, 850 Hotels, 130 Veranstalter und mehrere Tausende Radreisen bietet die nach eigenen Angaben größte Radreisen-Datenbank Deutschlands: www.fahrradreisen.de

Bisher in der Serie "Lust auf Deutschland" erschienen:

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