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Görlitz

Coronavirus: Gefangen in der Praxis

In Görlitz wird eine Arztpraxis abgeriegelt, Gesundheitsamt und Rettungsdienst agieren planlos. Kann man das Virus so besiegen?

Wegen des Verdachts auf eine Infektion mit dem Coronavirus musste am Freitag eine Görlitzer Arztpraxis drei Stunden lang abgeriegelt werden. Nun müssen die Testergebnisse abgewartet werden.
Wegen des Verdachts auf eine Infektion mit dem Coronavirus musste am Freitag eine Görlitzer Arztpraxis drei Stunden lang abgeriegelt werden. Nun müssen die Testergebnisse abgewartet werden. © Hans Punz/APA/dpa (Symbolbild)

Es ist ein Routinetermin, der Helga Tobens an diesem Freitag in die kleine Arztpraxis auf der Biesnitzer Straße führt. Sie betritt das Wohnhaus, geht durch den mit Blumen verzierten Korridor in die Praxis und meldet sich bei Schwester Julie an.

Zu diesem Zeitpunkt sitzt nur eine weitere Frau im Wartezimmer, Tobens freut sich über die wohl kurze Wartezeit. Dass diese Begegnung mehr als drei Stunden in Anspruch nehmen wird, kann sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.

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Die Görlitzerin, die mit ihr im Wartezimmer sitzt, klagt über wohlbekannte Symptome: Hohes Fieber, Husten, keine Seltenheit zur Grippezeit. Erst als sie sagt, dass ihr Chef kürzlich aus Italien gekommen sei und sich ebenfalls kränklich fühle, wird Helga Tobens aufmerksam. Genauer: "Mir ist da kurz das Herz stehen geblieben", wird Tobens später sagen. Trägt die Unbekannte das gefährliche Coronavirus in sich?

Sie bittet die Frau, diese Details sofort dem Arzt Konstantin Georgiou mitzuteilen. Doch als sie das endlich tut, ist es zu spät: Inzwischen sitzen zwei weitere Frauen im Wartezimmer. Der Arzt reagiert schnell, riegelt die Räumlichkeiten ab, hängt einen eilig ausgedruckten Zettel an seine Tür: "Wegen eines Risiko-Infektionsfalles bleibt die Praxis vorerst geschlossen." Isolation, das sehen die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts im Verdachtsfall vor.

Diesen Zettel klebte der Görlitzer Mediziner gleich an seine Praxistür, als er die Situation mit der Patientin in seinem Wartezimmer überschaute.
Diesen Zettel klebte der Görlitzer Mediziner gleich an seine Praxistür, als er die Situation mit der Patientin in seinem Wartezimmer überschaute. © Maximilian Helm

Was sie außerdem vorsehen, ist eine Meldung beim Gesundheitsamt, das sich um die Patientin kümmern und sie testen soll. Doch laut Dr. Georgiou ist dort niemand zu erreichen. Also versucht er es bei der kassenärztlichen Vereinigung in Dresden, die ihn an das Gesundheitsministerium weiterverweist. Der Rat von dort lautet: "Schicken sie die Patientin nach Hause, dort soll sie sich isolieren."

Georgiou, ein 60-jähriger Mann mit grauem Wollpullover und überdurchschnittlichem Temperament, ist außer sich. Er weiß zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, ob die Patientin möglicherweise mit dem Bus zur Praxis gekommen ist. Damit soll er sie nun nach Hause fahren lassen? Er ruft einen Krankenwagen, um sie entweder nach Hause oder in ein Klinikum bringen zu lassen.

Doch der lässt sich nicht blicken. Inzwischen ist mehr als eine Stunde seit den ersten Telefonaten vergangen. Dann ein Anruf, der Krankenwagen wird nicht kommen. "Wenn wir einen Verdachtsfall haben, die Person dann aber einfach nach Hause schicken, bringen die ganzen Richtlinien nichts", ärgert er sich.

Der Frau geht es derweil schlechter, ihr Fieber ist hoch, sie klagt über Gliederschmerzen. "Niemand hat mir gesagt was ich tun soll", sagt Georgiou. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie an der herkömmlichen Influenza oder einer Erkältung leidet, sei zwar deutlich höher als an COVID-19, trotzdem will Georgiou nicht untätig bleiben.

Also übernimmt der Arzt die Aufgabe des Gesundheitsamtes und macht einen Abstrich, den er sofort ins Labor schickt. Den Befund wird er erst am Sonnabend haben und selbst der gibt nicht unbedingt Gewissheit. 

Anschließend gibt er Schutzmasken an seine vier Patientinnen aus und entlässt sie. Dreieinhalb Stunden sind vergangen, Helga Tobens ist schockiert: "Der Arzt hat sich selbst in Gefahr gebracht und den Abstrich gemacht". Die Antworten der Behörden entsetzen sie. 

Dann verlässt sie gründlich desinfiziert und mit Mundschutz versehen die Praxis. Sie macht sich auf den Heimweg, unklar, wie es jetzt weitergeht. Kurz darauf folgt schweren Schrittes die möglicherweise infizierte Dame. Sie steigt in ihr Auto und fährt davon.

"Patientin hat sich falsch verhalten"

Das Landratsamt bestätigt auf SZ-Nachfrage, dass die Behörden in seinen Augen korrekt gehandelt haben. "Es gibt  viele Menschen mit grippeähnlichen Symptomen", sagt Sprecherin Franziska Glaubitz. Priorität sei es nun, "zu differenzieren, Ruhe zu bewahren und den Test abzuwarten." Wenn man derzeit jeden Verdachtsfall ins Krankenhaus schicken würde, wären diese völlig überlastet. Das Amt habe dem Arzt außerdem davon abgeraten, seine Praxis zu schließen.

Trotzdem habe man die Kontaktdaten der Betroffenen und der Kontaktpersonen ermittelt. Weitere Maßnahmen werde man erst ergreifen, wenn das Testergebnis vorliegt. Dann ist auch eine Isolation denkbar. "Gegen das Corona-Virus spricht, dass der Chef der Frau nicht im Risikogebiet unterwegs war", sagt Glaubitz.

Warum hat aber die Rettungsleitstelle keinen Krankenwagen geschickt, der die kranke und möglicherweise infizierte Frau zumindest nach Hause gebracht hätte? Darauf hat Björn Miersch, Leiter des Amtes für Brand- und Katastrophenschutz, eine einfache Antwort. Zwar sei der Rettungswagen angefordert worden, doch kurz darauf wurde die Zusage rückgängig gemacht. Laut Miersch, weil der Wagen nicht ins Krankenhaus fahren sollte. 

"Rettungswagen sind für lebensbedrohliche Lagen vorgesehen", sagt er. Wenn die Betroffene damit nach Hause gebracht worden wäre, hätte der Wagen wegen Desinfektion mindestens drei Stunden nicht mehr für weitere Einsätze zur Verfügung gestanden.

Und welche Verantwortung hat die Betroffene selbst? Eiko Wunderlich, Schichtleiter der Rettungsleitstelle Hoyerswerda, gibt ihr eine Mitschuld: "Seit Tagen wird in den Medien über den Virus berichtet. Sich dann ins Wartezimmer zu setzen und nicht zu sagen, dass eine Infizierung möglich ist, halte ich für falsch", sagt er. Die Behörden empfehlen, im Verdachtsfall den Arzt erst einmal telefonisch zu kontaktieren. Das hätte am Freitag auch den Patientinnen und dem Arzt eine Menge Ärger erspart.

Die lungenkranke Tante

Nachdem die Patientinnen seine Praxis endlich verlassen dürfen, lässt sich Konstantin Georgiou ermattet auf einen Stuhl sinken. Schwester Julie kocht Kaffee. Es ist ihr Geburtstag, den sie sich "anders vorgestellt" hat, wie sie mit einer Prise Galgenhumor zugibt. Zu Hause hat sie zwei Söhne, ob sie die bei Freunden oder den Großeltern unterbringt, weiß sie noch nicht. Alles hängt von den Testergebnissen ab.

Seine Praxis werde er wohl für eine Woche schließen, sagt der Arzt, für den Selbstständigen eine finanzielle Belastung. Denn auch wenn der von ihm initiierte Test negativ ausfallen sollte, das wäre keine absolute Sicherheit. "Dazu ist das Virus zu neu", sagt er. 

Die Arztpraxis Dr. Georgiou auf der Biesnitzer Straße wird voraussichtlich eine Woche lang geschlossen bleiben.
Die Arztpraxis Dr. Georgiou auf der Biesnitzer Straße wird voraussichtlich eine Woche lang geschlossen bleiben. © Jens Kaczmarek

"Ich habe Angst", sagt Konstantin Georgiou dann. Er habe sich am Telefon verbal hart mit den Behörden angelegt, jetzt fürchtet er Konsequenzen. "Aber so einen Fall hatte ich noch nicht". Er steht sichtlich unter Stress. 

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Sein Handy klingelt, seine Frau ist dran. Sie hat aus den Nachrichten von der Situation erfahren, ist besorgt. Georgiou lebt mit seiner Familie in einem Einfamilienhaus, gemeinsam mit der Schwiegermutter und deren Schwester. "Die Tante ist schwer lungenkrank, hängt am Sauerstoffgerät", sagt der Arzt, "eine andere Lungenkrankheit können wir im Haus nicht gebrauchen." Auch Mediziner kommen in solchen Fällen an ihre Grenzen.

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