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Wie zuverlässig ist die Görlitzer Corona-Statistik?

Roger Hillert ist Infektionsepidemiologe in Görlitz. Im SZ-Interview sagt er, wie viel im Kreis tatsächlich getestet wird.

Dr. Roger Hillert im Medizinischen Labor Ostsachsen. Vier Stunden, vier Räume und sehr viele Schritte durchläuft hier eine Probe bis klar ist: Corona oder nicht?
Dr. Roger Hillert im Medizinischen Labor Ostsachsen. Vier Stunden, vier Räume und sehr viele Schritte durchläuft hier eine Probe bis klar ist: Corona oder nicht? © Nikolai Schmidt

Eine Frau aus Weißwasser ist derzeit noch am Coronavirus erkrankt. Ansonsten sind alle Menschen im Kreis Görlitz, die infiziert waren, wieder gesund. Und seit Ende Mai, seit dem Fall der Weißwasseranerin, ist auch keine Neuinfektion hinzugekommen. So die aktuelle Statistik des Kreises. Immer wieder kommt aber die Frage auf: Wird überhaupt genug getestet, um das sicher sagen zu können? Oder gibt es vielleicht tatsächlich viel mehr Fälle? Dr. Roger Hillert vom Medizinischen Labor Ostsachsen, wo die meisten Proben im Kreis analysiert werden, sagt, wie die Lage aktuell ist.

Herr Dr. Hillert, dauernd begegnen einem in letzter Zeit Leute, die ihre Maske unter der Nase tragen. Kann man es dann auch gleich bleiben lassen?

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Wenn man die Maske nicht korrekt trägt, kann man es auf jeden Fall gleich lassen. Wie viel Schutz die Maske bietet, wenn man sie korrekt trägt, ist unklar. Es gibt offenbar einen gewissen Schutz, hat eine Studie aus Jena jetzt gezeigt. Aber wir wissen nicht genau, wie hoch der ist und in welchen Situationen. Man kann aber sagen, es schadet nicht, Maske zu tragen.

Immer wieder werden auch Stimmen laut, die fragen, wozu überhaupt noch solche Maßnahmen. Bei den wenigen Fällen im Landkreis. Wieder andere vermuten, die geringen Fallzahlen könnten auch damit zu tun haben, dass so wenig getestet wird.

Das stimmt nicht. Wir haben alleine hier in der Cottbuser Straße 11.000 Tests seit Ende Februar gemacht. Wir testen im Schnitt tausend Proben pro Woche und die Tendenz geht sogar eher nach oben. Es wird jetzt mehr getestet als anfangs. Dienstag war übrigens der Tag, an dem bislang bei uns die meisten Proben eingegangen sind.

Woran liegt das? Man würde annehmen, Ende März, also zur Hochzeit der Krise in der Region wäre bestimmt am meisten getestet worden.

Das liegt daran, dass es immer neue Gruppen gibt, die getestet werden wollen. Das liegt auch an mehr Druck seitens der Patienten. Zunächst kamen beispielsweise viele tschechische Berufspendler dazu, die getestet werden wollten. Jetzt sind die Lehrer dran. In manchen Kitas werden Kinder mit Symptomen nicht mehr aufgenommen, wenn sie keinen Negativtest haben. Pflegeheime nehmen teils Patienten nicht auf, die keinen negativen Test aufweisen können. Und dazu kommen natürlich die Menschen, die nach Maßgabe des Robert-Koch-Instituts getestet werden müssen. Es gibt auf jeden Fall viele Tests, tendenziell eher mehr.

Die Vermutung, es wird nur wenig getestet, kommt aber nicht von ungefähr. So gab es jetzt im Südkreis einen Fall, bei dem eine Mutter mit ihrem 18-jährigen Sohn - beide mit Symptomen - zum Arzt ging und dort wie vom Landkreis abgewiesen wurde.

Es gibt die Richtlinien vom RKI. Die Entscheidung aber liegt letztlich beim Arzt oder Gesundheitsamt. Ich kann mir vorstellen, dass mancher mit dieser Entscheidung nicht immer ganz einverstanden ist. Es kommt auch vor, dass diese Richtlinie nicht immer ganz korrekt umgesetzt wird. Es gibt durchaus Ärzte, die testen mal nicht, wenn sie meinen, es kann kein Corona sein. Diese Entscheidung muss man dem Arzt überlassen. Sollte tatsächlich etwas nicht korrekt gelaufen sein, sollte man aber nicht gleich auf das Gesamtbild schließen. Andere Ärzte lassen sehr viel testen. Die Richtlinien sind jedenfalls eindeutig. Getestet werden Leute mit respiratorischen Symptomen und Kontaktpersonen ersten Grades zu Infizierten. Nicht getestet werden sollen Personen ohne Symptome.

Und wie finden Sie das?

Völlig korrekt. Wir können nicht 80 Millionen Bundesbürger jede Woche testen.

Warum nicht? Es gibt ja Bestrebungen stärker durchzutesten.

Wissen Sie, was das kostet? Die Richtlinien des RKI haben ihre Gründe: Ein Test ist eine Momentaufnahme. Wenn Sie heute getestet werden und negativ sind, können Sie morgen positiv sein. Oder gestern positiv gewesen sein. Der PCR-Test weist das Virus direkt nach - also es muss auch da sein. Wenn ich gestern mit einem Infizierten Kontakt hatte, und mich überhaupt infiziert habe, dann dauerte es drei bis sieben Tage, bis wir ein Virus nachweisen können. Wenn ich gestern Kontakt hatte, muss ich heute nicht testen, das macht keinen Sinn.

Sie sagten, die Zahl der Tests hat sich erhöht. Wie ist die Entwicklung bei den Ergebnissen?

Am Anfang, als die Infektionsrate relativ hoch war, gerade durch die beiden betroffenen Heime im Kreisnorden, hatten wir eine Positivrate von sechs bis acht Prozent. Also bei sechs bis acht Prozent der getesteten Personen fiel das Ergebnis positiv aus. Diese Rate ist gesunken, wir liegen jetzt bei unter einem Prozent.

Auf welche Region und Institutionen konkret bezieht sich das? Also welche Personengruppen testen Sie hier?

Wir testen für fast alle Ärzte des Landkreises Görlitz, für die Krankenhäuser in der Region, auch für viele Ärzte im Kreis Bautzen. Der Landkreis selbst, also das Gesundheitsamt, macht außerdem viele Tests in der Landesuntersuchungsanstalt in Dresden.

Besteht dennoch die Gefahr einer zweiten Welle bei uns in der Oberlausitz?

Das weiß niemand. Man kann spekulieren. Aber auch hochrangige Virologen sind sich nicht einig. Klar ist, wir haben – auch wenn es mit Sicherheit auch bei uns eine Dunkelziffer gibt – keine Herdenimmunität. Insofern ist eine zweite Welle möglich, natürlich. Andererseits haben wir viele Verhaltensregeln gelernt und wir testen ja auch viel, sodass man eine zweite Welle zumindest eindämmen kann. Wir werden es im nächsten Winter sehen. Im Sommer sind wir mehr draußen, weniger in engen stickigen Räumen. Allgemein flachen im Sommer deshalb respiratorische Infektionswellen wie die Influenza ab. Das könnte bei Corona auch so sein. Und dann werden wir sehen, wenn eine zweite Welle in der Gesamtbevölkerung kommt, dann frühestens im Oktober.

Aber gerade jetzt ist beispielsweise im südpolnischen Kohlekraftwerk Zofiowka ein Infektionsherd entstanden.

Was wir aktuell sehen, sind vor allem punktuelle Ausbrüche, die mit bestimmten Ereignissen im Zusammenhang stehen. Shishabar in Göttingen, Gottesdienst in Bremen, bei uns ist es ein Ausbruch in Zusammenhang mit einem Pflegedienst. Diese Fälle jetzt sind aber keine Einzelinfektionen, sondern in der Regel gut nachvollziehbar und zurückzuführen auf ein bestimmtes Ereignis. Wo jemand in einem geschlossenen Raum - deutlich seltener im Freien - durch längeren, engeren Kontakt mit viel Sprechen oder Singen viele Leute angesteckt hat. Im Umfeld solcher Ereignisse muss wiederum ganz viel getestet werden, auch Leute ohne Symptome. Denn nicht alle entwickeln Symptome. Wenn man solch ein Ereignis nicht hat, dann finden wir in der Regel keine Fälle. Alle Lehrer zum Beispiel, die wir bislang getestet haben, waren negativ.

Lehrer können sich in Sachsen freiwillig einmal pro Woche testen lassen. Sie haben das jetzt mehrfach angesprochen - und wirken skeptisch, oder?

Ich bin skeptisch bei der Lehrertestung, ja. Alleine diese Woche haben wir hier mit großem finanziellen Aufwand - für uns ist es ja Umsatz - mehrere hundert Lehrertests gemacht. Ohne positive Ergebnisse.

Was Sie aber nur wissen und verfolgen können, wenn getestet wird?

Nein, das wissen wir, wenn wir Kranke testen.

Aber sie haben selbst gesagt, dass es auch symptomfreie Verläufe gibt.

Aber das ist ein sehr geringer Anteil. 80 bis 90 Prozent entwickeln Symptome. Warum ich das mit der Lehrertestung so kritisch sehe: Wenn Sie Mitarbeiter in einem Pflegedienst sind und haben keine Symptome, müssen Sie den Test selbst bezahlen. Obwohl Pflegekräfte und vor allem die Patienten viel gefährdeter sind als die Schüler. Das ist nicht in Ordnung. Auch, weil es unheimlich schwer ist, einen Ausbruch in einem Pflegeheim zu beherrschen. Denn dort muss ja weiter gearbeitet werden. Man muss auch bedenken, das Coronavirus ist im Vergleich zur Influenza hochinfektiös. Auch wenn es eine gewisse Dosis braucht, um sich zu infizieren - aber die hat man im Pflegeheim: Wie wollen Sie einen Pflegebedürftigen aus der Ferne waschen? Es ist beherrschbar, zum Beispiel mit ordentlicher Schutzkleidung, indem sich alle extrem strikt an Regeln halten, man eine strenge Logistik aufstellt. Aber das alles hatte man am Anfang noch nicht.

In Mecklenburg-Vorpommern haben flächendeckende Tests in Pflegeheimen begonnen. Auch Sachsen will in Kommunen oder Regionen mit erhöhtem Infektionsgeschehen künftig stärker in Pflegeheimen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen testen. Ist das sinnvoller?

Auf jeden Fall. Wir müssen die schützen, die Vorerkrankungen haben, die alten Menschen, die Gefährdeten. Das lässt sich an den Zahlen gut ablesen. Bei den Unter-20-Jährigen haben wir 1.500 Tests vorgenommen. Drei waren positiv, damit sind wir bei einer Positivrate von 0,2 Prozent. Es stimmt also, dass auch Kinder und Jugendliche erkranken und die Infektion weitertragen können. Aber es ist selten. Ich will den Einzelfall nicht kleinreden. Aber für die Epidemiologie spielen sie eine viel geringere Rolle als die Älteren. Die höchste Positivrate haben wir bei den 40- bis 60-Jährigen, auch, weil ihr Anteil in der Bevölkerung größer ist. Bei denen mit schweren Krankheitsverläufen ist der Anteil bei den  über 70-Jährigen am höchsten. Bei ihnen verstärkt zu testen, das ist wirkliche Prophylaxe.

Was kann man noch als Prophylaxe tun? Immer wieder kommt gerade bei uns die Frage auf: Welche Maßnahmen sind noch sinnvoll?

Man sollte sich nicht unbedingt mit vielen Menschen gleichzeitig für längere Zeit in geschlossenen Räumen aufhalten. Ich würde zum Beispiel nicht in eine volle Straßenbahn einsteigen in einer Region, wo ich die epidemiologische Lage nicht kenne. Viele Menschen in geschlossenen, ungelüfteten Räumen, die vielleicht noch viel sprechen - das kann eine Gefahrensituation sein. Um eine Ansteckung zu haben, braucht es eine gewisse Menge an Viren. Je mehr Viren man aufnimmt, umso schlimmer kann die Erkrankung verlaufen. Ich halte zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit für sehr gering, sich im Supermarkt zu infizieren. Da reichen Kontakt und Virusmenge nur in sehr seltenen Fällen aus. Genauso im Biergarten.

Werden Sie in Urlaub fahren?

Ja, an die Ostsee.

Da wollen jetzt aber viele hin.

Ich habe trotzdem aber keine Angst, an den Strand zu gehen. Es gibt Untersuchungen zu den schweren Corona-Ausbrüchen. Die haben ihren Ursprung eigentlich nicht im Freien. In eine Bar würde ich dagegen nicht gehen. Oder danach zumindest nicht meine Mutter besuchen. Für mich selbst habe ich eigentlich keine Angst vor einer Corona-Infektion. Trotzdem muss man das Schicksal nicht am Barte zupfen. 

Sie haben täglich mit Proben zu tun und sitzen so nah an der Test-Quelle, haben Sie sich selbst mal getestet? 

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