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Corona: Wettlauf um einen Impfstoff

Ein wirkungsvolles und zugelassenes Mittel wird während der aktuellen Virus-Pandemie kaum zur Verfügung stehen.

Auch in den Laboren des Tübinger Unternehmens Curevac wird mit Hochdruck an einem Sars-CoV-2-Impfstoff geforscht.
Auch in den Laboren des Tübinger Unternehmens Curevac wird mit Hochdruck an einem Sars-CoV-2-Impfstoff geforscht. ©  dpa/Sebastian Gallnow

Von Sven Siebert

Die gute Nachricht lautet: Es wird einen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 geben. Die Impfstoffforscher, die Hersteller und die Zulassungsbehörden sind da sehr zuversichtlich. Die schlechte Nachricht: Es wird dauern. Nach allgemeiner Überzeugung ein bis anderthalb Jahre – auch wenn aus China und anderen Ländern optimistischere Signale kommen. Es ist jedenfalls sehr unwahrscheinlich, dass ein wirkungsvoller und zugelassener Impfstoff noch während der aktuellen Pandemie zur Verfügung steht.

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Die Entwicklung von Impfstoffen ist keineswegs immer einfach. An Impfstoffen gegen HIV, Malaria oder Tuberkulose wird seit Jahrzehnten geforscht. Aber bisher sind die Ergebnisse mal vielversprechend, mal unbefriedigend. Am Ziel ist man immer noch nicht.

Bei Sars-CoV-2 ist die Lage anders. Es gibt einen Vorlauf. Stephan Becker, Professor an der Philipps-Universität Marburg und namhafter Impfstoffforscher, sagt, man könne an die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Mers anschließen. Mers ist ein Coronavirus, das bereits vor einigen Jahren aufgetreten ist. Und die erste Testphase an Menschen, die Klinische Phase 1, ist bereits abgeschlossen. Becker sagt, er sehe bei der Entwicklung eines Schutzes gegen Sars-CoV-2 „keine großen Schwierigkeiten im Vergleich zu Mers“.

Immunsystem erkennt den Feind

Impfstoffe funktionieren im Prinzip so: Dem menschlichen Immunsystem wird bei einer Impfung ein sogenanntes Antigen präsentiert. Das ist ein Bestandteil eines Krankheitserregers oder ein abgeschwächter Erreger, der selbst keine Erkrankung auslöst. Das Immunsystem erkennt diese Teilchen als Feind und entwickelt Antikörper. Wenn es gut geht, bilden sich langlebige Gedächtniszellen, die auch nach Jahren noch die Produktion dieser Antikörper auslösen können.

Der Körper kennt also die Bedrohung und verliert im Fall einer echten Infektion keine Zeit. Die Killerzellen erkennen die Eindringlinge und fressen sie, lösen sie auf oder verkleben ihre Oberflächen und machen sie so unwirksam. Die Krankheit wird buchstäblich im Keim erstickt.

Soweit die Theorie. Doch solche Partikel zu entwickeln, die selbst keine unerwünschten Nebenwirkungen hervorrufen, ist oft kompliziert. Gegen Masern, Mumps und Röteln impft man mit lebenden, aber abgeschwächten Viren. Gegen Diphtherie und Keuchhusten spritzt man nur tote Zellbestandteile, die ausreichen, eine sogenannte „Immunantwort“ auszulösen.

Die Sars-CoV-2-Forscher verfolgen zwei Wege. Bei der Entwicklung des Mers-Impfstoffes verwendete man abgeschwächte Pockenviren – sogenannte Modified-Vaccinia-Ankara-Viren (MVA) –, denen ein Teil der Erbinformation des Coronavirus eingebaut wurde. Diese Corona-Erbinformation ist der Bauplan für ein bestimmtes Eiweißmolekül, das „Spike-Protein“. Mit diesem Oberflächenprotein dringen die Coronaviren in die Zellen des menschlichen Atemtraktes ein. Werden sie rechtzeitig erkannt, können die Antikörper sie lahmlegen.

„Wir brauchen neutralisierende Antikörper gegen dieses Spike-Protein“, sagt Thomas Kamradt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie und Direktor des Instituts für Immunologie am Universitätsklinikum Jena.

Der zweite Weg in der modernen Impfforschung ist die Nutzung sogenannter RNA- oder DNA-Plattformen, eine Art künstlicher Viren, die ebenfalls zur Erzeugung von Antikörpern gegen das Spike-Protein führen sollen.

Beide sogenannte Plattform-Lösungen haben den Reiz, dass sich auch Impfstoffe gegen andere Krankheiten so erzeugen ließen. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), das für die Überwachung von Impfstoffen und Arzneimittel zuständig ist, sagt, eine Zulassung eines solchen Plattform-Impfstoffs könne einen „Präzedenzfall“ schaffen, der die Erprobung und Zulassung künftiger Impfstoffe erleichtert und verkürzt. Es sei möglich, bei einem neuen Impfstoff gegen einen anderen Erreger nur einen Teil der Erbinformation auszutauschen und so ein neues Antigen einzuschleusen.

Cichutek berichtet, es werde weltweit in 35 Arbeitsgruppen, an Instituten und bei Impfstoffherstellern, an einem Sars-CoV-2-Impfstoff geforscht. Eines der Unternehmen ist Curevac in Tübingen, die Firma von Dietmar Hopp. Curevac arbeitet mit einer RNA-Plattform und hat angekündigt, möglicherweise bereits im Herbst einen Impfstoff liefern zu können. 

RKI dämpft Hoffungen

„Bei positivem Verlauf könnten wir ungefähr im Frühsommer mit klinischen Tests beginnen“, sagte der SAP-Gründer und Mäzen des Fußball-Bundesligisten Hoffenheim der Bild-Zeitung. Weil der Druck enorm hoch sei, sollte es mit der Genehmigung durch die Behörden schneller gehen als in anderen Fällen. „Wir wären also in der Lage, den Impfstoff im Herbst zu liefern“, sagte Hopp.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hingegen dämpft Hoffnungen auf einen baldigen Impfstoff gegen das Coronavirus. „Ich persönlich schätze es als realistisch ein, dass es im Frühjahr 2021 sein wird“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Mittwoch. Alles, was bürokratisch machbar sei, müsse getan werden. Klinische Testphasen aber könne man nicht verkürzen. „Wir müssen ein Sicherheitsprofil haben. Impfstoffe können ja Nebenwirkungen haben.“

Cichutek hofft, dass der derzeitige Wettlauf der staatlichen und privaten Laboratorien in der ganzen Welt zu mehreren zulassungsfähigen Impfstoffen führen wird. Das Ergebnis könne sein, dass es „jetzt einen guten, später einen sehr guten Impfstoff“ gibt. Impfstoff ist nämlich nicht gleich Impfstoff, Immunität nicht gleich Immunität. Coronaviren lösen auf natürlichem Weg nur eine „flüchtige Immunität“ aus, wie Christian Drosten, der Chef-Virologe der Charité, berichtet. 

Das bedeutet, dass ein Patient, der Covid-19 überstanden hat, zwar zunächst gegen eine erneute Infektion mit Sars-CoV-2 geschützt ist. Aber dieser Schutz lässt nach Monaten oder Jahren nach. Das immunologische Gedächtnis des Menschen ist in diesem Fall – anders als beispielsweise bei Masern – nicht dauerhaft. Das ist eine besondere Eigenschaft der Coronaviren.

Florian Krammer, Impf-Wissenschaftler an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai in New York, bestätigt das. Es sei daher wichtig, durch eine Impfung möglichst langlebige Antikörper zu erzeugen. Der Immunologe Thomas Kamradt sagt, noch besser wäre, eine „zelluläre Immunantwort“ zu erzeugen – nicht nur Antikörper werden gebildet, sondern auch langlebige T-Lymphozyten, die im Rachen eine Infektion auch nach vielen Jahren noch verhindern können.

Sars-CoV-2 wird nicht verschwinden

PEI-Präsident Cichutek warnt indes vor übertriebenen Erwartungen oder Anforderungen. „Uns ist auch ein Impfstoff sehr willkommen, der über Wochen oder Monate einen guten Schutz bietet.“

Doch was nützt ein Impfstoff, der für die aktuelle Pandemie zu spät kommt? Sars-CoV-2 wird nach allgemeiner Auffassung – anders als sein Vorläufer Sars-1 – nicht wieder verschwinden. Es wird also nötig sein, besonders empfindliche Bevölkerungsgruppen auch in Zukunft vor einer Infektion zu schützen – ähnlich wie durch die jährliche Grippeschutzimpfung, die vor allem Menschen über 65 Jahren empfohlen wird.

Auch Drosten sagt, das Virus Sars-CoV-2 werde bleiben. Und damit verbindet sich sogar eine gute Nachricht. Die aktuelle Epidemie werde eine Herdenimmunität in der Bevölkerung hinterlassen, die sich immer wieder erneuert – auch ohne Impfung. Das heißt: Die Ausbreitung wird – anders als jetzt – abgebremst, weil viele das Virus gar nicht weitergeben. 

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Und: Sars-CoV-2 ist anderen Coronaviren so ähnlich, dass die Immunität dagegen auch vor Sars-Verwandten schützt. „Die Menschheit wird sicherlich demnächst nicht das nächste Sars-Virus aus einer unbekannten Tierquelle bekommen“, sagt Drosten.

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