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VW baut wieder Autos in der Gläsernen Manufaktur

Volkswagen fährt in Dresden die Produktion des E-Golf wieder hoch – in halber Geschwindigkeit und mit vielen neuen Regeln.

Kann der Sicherheitsabstand von 1,50 Meter nicht eingehalten werden, müssen die Mitarbeiter bei VW in Dresden Masken tragen.
Kann der Sicherheitsabstand von 1,50 Meter nicht eingehalten werden, müssen die Mitarbeiter bei VW in Dresden Masken tragen. © Oliver Killig

Dresden. Langsam senkt sich die Karosserie eines weißen E-Golf auf das Fahrgestell. Stephan Bartschat prüft, ob alles passt und beginnt mit der Verschraubung. Da dieser Arbeitsschritt, die sogenannte Hochzeit, im roten Bereich liegt, muss der Monteur neben Handschuhen auch einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Insgesamt gibt es bei der Produktion des E-Golfs in der Gläsernen Manufaktur sieben Stationen, wo Maskenpflicht besteht, weil der Mindestabstand von 1,50 Metern nicht eingehalten werden kann. Bartschart hat die Maske seit gut eineinhalb Stunden auf. „Jetzt geht es noch und gleich wechsle ich in eine andere Taktstation“, sagt der 40-jährige Monteur. Mit den Kollegen hat er sich abgestimmt, nach vier Hochzeiten gibt es einen Tausch. Dann wird er die nächsten eineinhalb Stunden Verkabelungen einbauen – ohne Maske.

Der zweifache Vater ist froh, nach fünf Wochen Corona-Stillstand an seinen Arbeitsplatz zurückkehren zu dürfen. „Es ist schön, wieder hier zu sein. Die Zeit war schon bedrückend, weil man nicht wusste, wie es weitergeht“, sagt Bartschart. Die letzten Wochen habe er zu Hause Schule gemacht und anschließend die Kinder bespaßt. „Das muss jetzt meine Frau allein bewältigen“, so Bartschart. Es klingt erleichtert.

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Seit Montagmorgen fährt Volkswagen (VW) auch in der Gläsernen Manufaktur die Produktion wieder hoch – langsam, mit halber Geschwindigkeit wie auch in Zwickau. Dort hat der Wiederanlauf schon vergangenen Donnerstag begonnen. Die Taktzeit pro Station wurde von zwölf auf 24 Minuten verdoppelt. Statt 36 Fahrzeugen pro Tagesschicht werden vorerst nur 18 Fahrzeuge gefertigt.

Bis Jahresende wird noch der E-Golf vom Band laufen.
Bis Jahresende wird noch der E-Golf vom Band laufen. © Oliver Killig

Dabei drängt die Zeit. Eigentlich sollte ab Sommer auch in Dresden der neue vollelektrische Hoffnungsträger ID.3 montiert werden. Doch der Anlauf verschiebt sich auf den Winter. Schuld ist nicht Corona, sondern die hohe Nachfrage nach dem E-Golf, geschürt durch preislich attraktive Angebote. Allein im März gab es 4.000 Bestellungen in Deutschland, die nun noch abgearbeitet werden müssen. Nach der Sommerpause werden zwar die ersten Vorserienfahrzeuge des ID.3 gebaut und getestet werden, aber bis Jahresende wird in Dresden noch der E-Golf vom Band laufen.

„Gesundheit geht vor Stückzahl“, sagt Standortleiter Lars Dittert. Damit die ersten 140 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus der Kurzarbeit zurückkehren können, hat er in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat ein Sicherheitskonzept aus verschärften Hygienestandards, strikten Abstandsregeln und häufigeren Reinigungs- und Belüftungsintervallen entwickelt. 

Blaue Markierungen sollen verhindern, dass es zu Gegenverkehr kommt.
Blaue Markierungen sollen verhindern, dass es zu Gegenverkehr kommt. © Oliver Killig

Alle Türklinken und Werkzeuge werden dreimal am Tag desinfiziert. Nach dem Durchziehen der Chipkarte am Mitarbeitereingang müssen die Beschäftigten als erstes die Hände waschen, bevor sie sich im Umkleideraum umziehen. Durch die Manufaktur führt eine Art Zwangsleitsystem. Auf dem Boden zeigen blaue Markierungen den Weg, hellblau für den Eingang, dunkelblau für den Ausgang. So soll Gegenverkehr vermieden werden oder dass sich die Mitarbeiter zu nah kommen. 

In der Kantine, wo in normalen Zeiten bis zu 150 Menschen zeitgleich Platz finden, gibt es nur noch 38 Plätze, drei Stühle pro langem Tisch. Jedes Team bekommt eine fest reglementierte Essenszeit. Alle zwei Meter klebt ein tellergroßer blauer Punkt mit der Aufschrift „Bitte hier warten“.

In der Kantine muss ebenfalls Abstand gehalten werden.
In der Kantine muss ebenfalls Abstand gehalten werden. © Oliver Killig

Mehr als ein Dutzend Mal ist das Krisenteam alle Wege und Stationen abgelaufen, um die Maßnahmen auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen. „Entscheidend ist, den Mitarbeitern die Angst zu nehmen und ihnen zu zeigen, wir haben uns Gedanken gemacht“, sagt Betriebsratschef Thomas Aehlig. Große Ängste hat er nach eigenen Angaben allerdings bisher nicht wahrgenommen. Die meisten wären froh, wenn die Kurzarbeit für sie bald endet. 

Noch sind gut zwei Drittel der rund 400 Beschäftigten in Kurzarbeit. „Wann die Taktzahl und damit die Zahl der Mitarbeiter auf der Schuppe erhöht wird, hängt davon ab, ob wir sicher sind, die Sicherheit der Mitarbeiter gewährleisten zu können“, betont Dittert. Auf das tägliche Fiebermessen verzichtet VW jedoch. Da vertraut der Arbeitgeber auf das Verantwortungsgefühl seiner Mitarbeiter, dies vor Schichtantritt selbst zu tun. Für Fragen stehen die sieben Werksärzte von VW Sachsen am Telefon bereit.

Wann die Manufaktur für den normalen Besucherverkehr wieder öffnet, steht noch nicht fest.
Wann die Manufaktur für den normalen Besucherverkehr wieder öffnet, steht noch nicht fest. © Oliver Killig

Seit vergangener Woche dürfen Kunden auch wieder ihren E-Golf selbst in der Gläsernen Manufaktur abholen. Am mit Plexiglas geschützten Empfang erhalten sie ein A4-Blatt mit den wichtigsten Verhaltensregeln ausgehändigt. Der besondere Moment, wenn sich die Pforte der Kundenlounge öffnet und ihr Auto, natürlich jetzt vorab desinfiziert, mit einer Musik- und Lasershow hineinrollt, ist erhalten geblieben. Nur das anschließende Erklären der vielen Assistenzsysteme erfolgt nun per Video und nicht mehr persönlich Schulter an Schulter mit dem Produktexperten im Auto. 

Der Blick hinter die Kulissen auf einem Rundgang durch die Produktion ist einem Schlüssellochblick über Video gewichen. Dennoch seien die Kunden zufrieden. „Wir haben viel Dankbarkeit gespürt und Lob bekommen“, sagt der verantwortliche Marketingchef Henning Schulzki. 65 Auslieferungen waren es vergangene Woche, diese Wochen stehen bislang 55 Übergaben an.

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Wann die Manufaktur für den normalen Besucherverkehr wieder öffnet, steht noch nicht fest. „Wenn die Politik das Signal gibt, sind wir vorbereitet und können kurzfristig starten“, versichert Dittert zum Abschied. Er muss sich beeilen, seine Essenszeit in der Kantine neigt sich dem Ende zu. 

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

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