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Pirna

Corona: Wie ein Pirnaer Hilfe organisiert

Oliver Wagner hat bei Facebook die Gruppe "Corona-Hilfe Pirna" gegründet. Der Zuspruch ist enorm, von Einkaufshilfe bis Kinderbetreuung wird fast alles angeboten.

Hilfe-Initiator Oliver Wagner: "Ich bin eine Kämpfernatur."
Hilfe-Initiator Oliver Wagner: "Ich bin eine Kämpfernatur." © privat

Die Initialzündung, etwas tun zu müssen, kam Oliver Wagner bei einem Klinikaufenthalt. Der gebürtige Berliner, der Liebe wegen seit 18 Jahren in Pirna, leidet an Krebs, arbeiten kann er derzeit nicht. Aber von der Krankheit, sagt er, lässt er sich nicht unterkriegen. Wagner ist eine Kämpfernatur.

Doch vor kurzem wurde es kritisch: Wagner bekam hohes Fieber, er musste ins Krankenhaus, sicher ist sicher. Zu seiner Überraschung testeten ihn die Ärzte zunächst auf etwas, was derzeit das alles beherrschende Thema ist: auf das Coronavirus. Der Test musste sein, mit seinem Krebsleiden zählt Wagner zu den Risikopatienten.

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Aber sein Fieber entpuppte sich als bakterieller Infekt, der Corona-Test war negativ. "Ich war heilfroh, dass ich dieses Virus nicht hatte", sagt Wagner. Dafür hatte er etwas anderes in der Klinik: Zeit zum Nachdenken. Er sah, was draußen abging, er machte sich Gedanken, wie die Menschen wohl leben müssen, sollten sie tatsächlich nicht mehr aus dem Haus kommen, sollten tatsächlich Schulen, Kitas und Geschäfte schließen.

Unglaublicher Zulauf

Dabei kam ihm eine Idee: Vom Infekt genesen, gründete er am Wochenende im sozialen Netzwerk Facebook die Gruppe "Corona-Hilfe Pirna". Wir werden in den kommenden Wochen mit weiteren Einschränkungen im öffentlichen Leben rechnen müssen, schreibt Wagner in seinem ersten Eintrag. Diese Gruppe soll daher Hilfsgesuche und Hilfsangebote im Raum Pirna und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge bündeln. "Ob Einkaufshilfe oder Kinderbetreuung - wir müssen zusammenhalten", so Wagner.

Wagner hat viele Facebook-Kontakte, er sah, dass viele von ihnen schon selbst Hilfsangebote inseriert hatten. "Da habe ich mir gedacht, man kann das doch alles zusammenfassen", sagt er. Die Gruppe ist nun so etwas wie eine zentrale Hilfsangebot-Sammelstelle.

Wer mag, kann der Gruppe einfach beitreten, der Zuspruch ist enorm. Bislang hat die Gruppe fast 700 Mitglieder, stetig werden es mehr. "Dieser Zulauf ist unglaublich, damit hatte ich nicht gerechnet", sagt Wagner.

Screenshot von der Facebook-Seite "Corona-Hilfe Pirna".
Screenshot von der Facebook-Seite "Corona-Hilfe Pirna". ©  Screenshot: SZ

"Hut ab vor Deiner Courage"

Der Übersicht wegen hat Wagner die Hilfsangebote in Sparten unterteilt, damit sie sich schneller und gezielter finden lassen. So gibt es beispielsweise Untergruppen für Sport/Unterhaltung, Einkaufen, seelischen Beistand, Tierbetreuung, Kinderbetreuung. Auch Menschen, die dringend Hilfe benötigen, können sich an die Gruppe wenden.

Das Echo ist groß. So schreibt zum Beispiel Michael Stas: "Der Gedanke ist echt gut." Und Bine Quendt schreibt: "Hut ab vor Deiner Courage und dass Du die Gruppe ins Leben gerufen hast."

Jede Menge Angebote sind schon auf der Seite zu finden. So bietet Katha Dauthe ihre Einkaufshilfe im Raum Pirna und Heidenau an, sie kann auch für zwei bis vier Stunden Kinder betreuen. Auch Marlen Chenchen bietet Einkaufshilfe und Spaziergänge an, Kati Koppatz offeriert, für ältere Menschen einkaufen zu gehen. Und Simone Piskol hat eigens eine Mailadresse eingerichtet, unter der sich Menschen, die sich einsam fühlen und niemanden zum Reden haben, melden können. Die Gruppe zieht auch schon weite Kreise: So bietet Simone Grimmer aus Bad Schandau Kinderbetreuung, Hilfe beim Einkaufen oder Gassigehen an.

Handzettel für Internetlose

Auch an Menschen, die nicht so internetaffin oder nicht bei Facebook unterwegs sind, hat Wagner gedacht. Unter dem Titel "Nachbarschafts-Challenge" ist bundesweit und sogar international eine Hilfsaktion angelaufen. Die Idee dazu stammt von einer Frau aus Wien. "Wir haben uns der Aktion einfach angeschlossen", sagt Wagner.

Auf der Facebook-Seite "Corona-Hilfe Pirna" ist ein Formular hinterlegt, Hilfeleistende können sich den Vordruck ausdrucken, beliebig kopieren, dort die eigenen Kontaktdaten vermerken und welche Art von Hilfe man anbietet. "Diese Formulare kann man dann bei älteren Nachbarn in den Briefkasten stecken oder gleich im ganzen Wohnblock verteilen", sagt Wagner. So lassen sich auch Menschen erreichen, die ohnehin schon kaum noch aus dem Haus kommen.

Kein Kommerz, keine Witzbilder

Wagner wacht derweil über die Facebook-Seite. Auch kommerzielle Anbieter, beispielsweise für Mundschutz, wollten sich schon in der Gruppe verewigen. Doch so etwas löscht Wagner umgehend. "Ich passe auf, dass es eine Gruppe rein für Nachbarschaftshilfe bleibt. Zeit dafür habe ich ja genug", sagt er. Deswegen hat sich Wagner auch politische Diskussionen oder gar Witzbilder auf der Seite verbeten. 

Am Montag stand Wagner allerdings plötzlich selbst vor einem nahezu unlösbaren Problem. Er brauchte Toilettenpapier und Nudeln, aber in den Märkten, in die er ging, war beides stets alle. Daher postete er in der Facebook-Gruppe gleich ein neues Bild mit dem Schriftzug: "Solidarität fängt dort an, wo man den anderen auch noch was übrig lässt."

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