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Corona: Wie es jetzt mit der Kultur in Sachsen weitergeht

Bibliotheken auf? Museen zu? Die neuen Corona-Regeln sorgen für Verwirrung. Sicher ist: Es gibt in diesem Sommer keine Konzerte vor Publikum.

Konzerte bei den Filmächten, wie das von Marteria und Casper letztes Jahr, gehören eigentlich zu den Highlights des Veranstaltungskalenders. Doch Großveranstaltungen sind dieses Jahr bis zum 31. August verboten.
Konzerte bei den Filmächten, wie das von Marteria und Casper letztes Jahr, gehören eigentlich zu den Highlights des Veranstaltungskalenders. Doch Großveranstaltungen sind dieses Jahr bis zum 31. August verboten. © Jürgen Lösel

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln – eine Bauernregel war das nie, denn Bauern wissen, was sie tun. Aber der Spruch wird gern zitiert, wenn es ein großes Hickhack gibt. So wie am Donnerstag, als auch die SZ die Mitteilung des Freistaates verbreitete, Museen, Archive und Bibliotheken können ab nächste Woche wieder Besucher empfangen.

Sofort wurden die betreffenden Häuser angefragt. In den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und in den Städtischen Museen war man überrascht von der Mitteilung und schon am Donnerstagmittag davon überzeugt, dass die Ausstellungen in der kommenden Woche noch nicht wieder offenstehen werden. Auf Anfrage teilte das Kulturministerium mit, dass erst das Sozialministerium die Durchführungsbestimmungen festlegen und juristisch prüfen lassen muss, ehe eine Kultureinrichtung wieder öffnen könne, und dass darüber am Freitag im Kabinett beraten werden würde.

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Kurz darauf die Korrekturmeldung des Freistaates: „Die Ausgangsbeschränkungen werden wegfallen. Menschen benötigen keinen triftigen Grund mehr, um das Haus zu verlassen. Allerdings bleiben beispielsweise Museen, Gedenkstätten, zoologische und botanische Gärten weiterhin geschlossen.“ Von Bibliotheken ist in dieser Mitteilung im Unterschied zur ersten keine Rede. 

Die Slub in Dresden
Die Slub in Dresden © (c) Christian Juppe

Die Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek (Slub) ist auf alle Eventualitäten vorbereitet und will zunächst den Hauptstandort am Zelleschen Weg 18 in Dresden wieder öffnen. Generaldirektor Achim Bonte beschreibt die Art und Weise in einem Vergleich mit dem Lebensmittelhandel: „Reingehen, rausholen und wieder verschwinden.“ Das heißt, die Lesesäle bleiben geschlossen, und längere Aufenthalte im Gebäude sind nicht erwünscht. 

Damit keine allzu langen Warteschlangen entstehen – die Slub hat jährlich 2,3 Millionen Besucher –, sollen sich Leser für bestimmte Zeitfenster anmelden können, wie das etwa beim Ticketsystem in großen Museen üblich ist. „Nach aller Voraussicht werden wir damit im Lauf der nächsten Woche beginnen“, so Bonte. „Aber Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit, der Gesundheitsschutz ist das Wichtigste.“

Die Slub hat mit der virusbedingten Schließung alle digitalen Zugänge zu den Beständen großzügig ausgebaut. Große Wissenschaftsverlage wie De Gruyter haben zusätzlich 75.000 E-Books zur Verfügung gestellt. 

In einer zweiten Stufe wurde in dieser Woche das Prinzip „Scan-on-demand“ erweitert: Wissenschaftler der TU erhalten auf elektronischem Weg dringend benötigte Aufsätze oder Buchkapitel zugeschickt. In der Slub selbst sind kaum zehn Prozent der Mitarbeiter anwesend. „Da wir ohnehin digital aufgestellt sind, konnten wir 250 Notebooks mit ins Homeoffice geben“, sagt Achim Bonte. Allmählich soll die Zahl der Mitarbeiter vor Ort wieder steigen, im Mehrschichtbetrieb. Das Buchmuseum mit Raritäten wie der Maya-Handschrift bleibt weiterhin geschlossen. Auch der Veranstaltungsbetrieb ruht. Zur Unterstützung von Schriftstellern und Musikern will die Bibliothek kleinere Formate wie Lesungen und Konzerte produzieren und online stellen. 

Museumsbesucher gehören zur Risikogruppe

Diese Verwirrung zeigt, wie schwierig es ist, das stillgelegte öffentliche Leben wieder in den normalen Betrieb zurückzuführen, welche Verantwortung dabei auf den Entscheidern lastet. Ist es wirklich notwendig, die Museen jetzt schon wieder zu öffnen? Wem wäre damit geholfen? Mit großen Einnahmen aus Eintrittsgeldern ist nicht zu rechnen, denn Touristenströme sind nicht in Sicht. Außerdem sind die meisten Museumsbesucher ältere Herrschaften und gehören zur Risikogruppe. 

Zunächst müsste wohl geklärt werden, wie die Bestimmungen des Sozialministeriums umzusetzen sind. Wie organisiert man Hygiene? Wie viele Aufsichten braucht man, um zu garantieren, dass nicht mehr als – ein? zwei? drei? – Personen gleichzeitig vor einem Kunstwerk stehen? Kunstfreunde werden es vermissen, ihre Lieblingsbilder im Original zu sehen. Aber sie werden die Abstinenz verkraften. Vorfreude soll ja die schönste Freude sein.

Die Filmnächte planen ein Autokino, doch das muss erst genehmigt werden.
Die Filmnächte planen ein Autokino, doch das muss erst genehmigt werden. © (c) Christian Juppe

Konzerte und Festivals abgeblasen

Weder Udo Lindenberg noch Peter Maffay im Dresdner Harbig-Stadion, kein Live-Doppelschlag von Rammstein in Leipzig – Rodney Aust bläst alle Konzerte ab, die er bis einschließlich 31. August veranstaltet hätte. Dennoch bewahrt er sich einen Rest Optimismus: „Wir wollen nichts ausfallen lassen, sondern bemühen uns gerade in allen Fällen um neue Termine im nächsten Jahr.“ Heißt konkret für die Besitzer von Eintrittskarten: Tickets bleiben für die – bislang noch nicht final geplanten – Ersatzshows gültig und werden daher nicht erstattet. Aust: „Es soll ja alles stattfinden, nur eben später.“

Die Macher großer wie kleiner Festivals halten sich bislang mit klaren Ansagen meist zurück. Während etwa das „Fusion“-Team bereits am 11. April den 2020er-Durchgang absagte, Tickets nun entweder vollständig erstattet oder fürs nächste Jahr gelten lässt, tun sich andere immer noch schwer. Egal, ob Wacken, Highfield oder Rock am Ring – alle sagen ihre Festivals zwar ab, jedoch nicht, was mit den Eintrittskarten geschieht. 

Einhelliger Tenor: „Wegen der Details über die weitere Abwicklung werden alle Ticketkäufer noch um ein wenig Geduld gebeten. Die Veranstalter und ihre Teams arbeiten an konkreten Informationen über die genaue Vorgehensweise, die im nächsten Schritt bekannt gegeben werden.“

Ebenso unklar ist, wie es in diesem Jahr mit den Dresdner Filmnächten am Elbufer läuft. Die Organisatoren wollen nach eigenen Aussagen auf eine Art Auto-Kino umschalten, bekommen dabei aber unerwartete Konkurrenz von der Agentur FK Events. Im Gespräch sind ein Flughafen-Parkplatz sowie die Flutrinne im Ostragehege. Wer wann und wo am Ende tatsächlich Filme zeigen wird, ist offen.

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Seit Donnerstag ist nun auch klar: Es wird in dieser Saison keine Klassikkonzerte geben. Die Dresdner Philharmonie hat wegen der Corona-Pandemie alle Konzerte bis zum Saisonende abgesagt. Das betrifft auch alle Veranstaltungen Dritter im Kulturpalast. Zudem sind auch die Dresdner Musikfestspiele abgesagt worden. Zum Schutz von Künstlern und Publikum fallen alle vom 12. Mai bis 12. Juni geplanten Konzerte aus. Intendant Jan Vogler will einige Programmhöhepunkte im nächsten Jahr nachholen. Zudem plant der Intendant und Cellist ein 24-Stunden-Marathon-Livestream-Festival. Die genauen Termine für das Online-Programm werden Anfang Mai bekannt gegeben. 

Über das Coronavirus informieren wir Sie laufend aktuell in unserem Newsblog.

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