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Dresden

Corona: "Wir müssen weiter behandeln"

Physiotherapien sind von der Schließung ausgenommen. Wie schwer es ist, weiterzumachen, zeigt sich in den Praxen. Dort ist Erfindergeist gefragt.

Was aussieht wie ein schlechter Scherz, ist in der Praxis von Marcus Hantsch Alltag. Weil Masken fehlen, bindet er sich einen Schal vor Mund und Nase.
Was aussieht wie ein schlechter Scherz, ist in der Praxis von Marcus Hantsch Alltag. Weil Masken fehlen, bindet er sich einen Schal vor Mund und Nase. © Sven Ellger

Dresden/Radeberg. Die Praxis einfach zumachen? Das geht nicht, sagt der Dresdner Physiotherapeut Marcus Hantsch. "Wir müssen weiter behandeln." Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen will er als Therapeut für die Patienten da sein, die gesundheitlich auf ihn angewiesen sind. Nach einer Operation, einem Unfall oder weil der Rücken höllisch schmerzt. Doch Hantsch hat noch einen anderen guten Grund, weiterzumachen. 

In Sachsen gibt es keine Anordnung, dass Physiotherapiepraxen geschlossen werden sollen, um eine schnelle Ausbreitung des Coronaviruses zu verhindern. Deshalb würde Hantsch kein Kurzarbeitergeld für seine drei Angestellten bekommen. Andererseits: Freiwillig zumachen und alle Behandlungen absagen, das könnte seinen finanziellen Ruin bedeuten. Derzeit ist nicht absehbar, wie lange die Corona-Krise die Menschen noch zum Stillstand zwingt. 

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Patienten trauen sich nicht mehr in die Praxis

"Wir haben praktisch keine Wahl", sagt Hantsch, dem mittlerweile fast 70 Prozent seiner Termine weggebrochen sind. Von den vier Kursen, darunter eine Rückenschule, ganz zu schweigen, die sind komplett verboten. Auch Patienten mit Privatrezept darf er nicht behandeln. Viele würden wahrscheinlich ohnehin nicht mehr kommen. Wer traut sich noch in eine Praxis, in der andere, möglicherweise infizierte Patienten sind, unter die Hände eines Mannes, der täglich verschiedene Menschen vor sich auf der Liege hat? Zu wenige, sagt Hantsch, um die Praxis noch lange finanziell über Wasser zu halten. 

Das sei ein Dilemma. Obwohl er auch alle verstehe, die ihren Termin nun lieber absagen. Oft werde er von den Patienten nach seiner Meinung gefragt, sie wollen von ihm wissen, ob es nun gefährlich für sie sei, in die Praxis zu kommen. "Die Frage kann ich nicht beantworten", sagt Hantsch. "Ich kann nur versichern, dass wir uns an alle Hygiene-Vorschriften halten, sie jetzt sogar erhöht haben." Dazu gehört, dass er und seine Mitarbeiter sich noch häufiger die Hände waschen, Desinfektionsmittel benutzen, das er mittlerweile selbst herstellt, wie es ihm eine Apothekerin geraten hat. 

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Überhaupt sei dort, wo momentan der Nachschub fehlt, etwa bei Schutzmasken, Erfindungsreichtum gefragt. Seit diesem Montag arbeitet Marcus Hantsch mit einem Mundschutz à la Skipiste und bindet sich ein Halstuch vor Nase und Mund. "Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man eigentlich darüber lachen", sagt der 38-Jährige beim Blick in den Spiegel.

Behandeln in Schutzanzügen

Seine Kollegin näht weitere Mundschutze in heimischer Handarbeit, für den Freitag ist eine Lieferung von richtigen Masken angekündigt. Ob sie kommt, ist ebenso offen wie bei der Bestellung von Schutzanzügen, die Hantsch im Internet bei einem Händler für Berufsbekleidung geordert hat. Das alles wird später, in der Zeit nach Corona, eingelagert. "Dann sind wir in Zukunft auf so etwas vorbereitet."

Der März sei finanziell noch abgesichert - was danach kommt, weiß Marcus Hantsch nicht. Ob Ärzte weiterhin ihren Patienten Rezepte für eine Physiotherapie verschreiben, ist ungewiss, die Zahl der Behandlungen könnte weiter sinken. "Ich werde wohl um einen Kredit nicht herumkommen." Auch, wenn dieser zinsfrei ist und erst in drei Jahren zurückgezahlt werden muss, so die Zusage der Landesregierung, bleibt ein Berg Schulden, auf den Hantsch gern verzichten würde. 

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Sein Traum von der eigenen Praxis, er könnte jetzt platzen. Vor vier Jahren hat er den Schritt in die Selbständigkeit gewagt, die Räume im Unteren Gasthof Lockwitz an der Dohnaer Straße angemietet, Geräte geleast. Kosten, die nun gnadenlos weiterlaufen, sein Vermieter habe ihm schon signalisiert, dass auch er, jetzt in der Corona-Krise, auf die Mieteinnahmen angewiesen ist. "Wir müssen einfach weitermachen."

Therapeuten haben Angst vor Ansteckung

Die Radeberger Physiotherapeutin Katja Malik hat vor allem Angst, dass sie und ihre Mitarbeiter sich selbst infizieren könnten. „Ja, die Furcht, dass wir uns mit dem Coronavirus anstecken, ist zweifellos da. Wir haben ja mit vielen Menschen zu tun. Noch viel größere Sorgen bereitet uns aber, dass wir die Krankheit, ohne es zu wissen, weitergeben könnten. Denn das ist ja das Tückische an Covid-19. Eine Ansteckung ist möglich, ohne selber Symptome zu haben“, sagt die Radebergerin.

Deshalb sorgen sie und die anderen so gut es geht vor. „Hände waschen, desinfizieren vor und nach jedem Arbeitsschritt. Das ist uns schon in Fleisch und Blut übergegangen. Allerdings klappt das bei uns ja mit der 1,5-Meter-Regel nicht. Zum Massieren müssen wir nun mal ran an die Patienten. Aber wie gesagt, wir desinfizieren Hände und Einrichtung so oft es geht. Der Mundschutz ist natürlich auch Pflicht. “

Die Radeberger Physiotherapeutin Katja Malik und ihre Mitarbeiterin Kerstin Kämffe haben sich in der Not etwas einfallen lassen: Sie tragen inzwischen selbstgenähte Mundschutze.
Die Radeberger Physiotherapeutin Katja Malik und ihre Mitarbeiterin Kerstin Kämffe haben sich in der Not etwas einfallen lassen: Sie tragen inzwischen selbstgenähte Mundschutze. © René Meinig

Strenge Vorschriften gelten auch für die Kunden. Schon am Eingang steht ein Schild mit dem Hinweis: unbedingt Hände waschen und desinfizieren. „Wir haben den Ablauf bei uns so organisiert, dass die Patienten untereinander keinen Kontakt haben, entweder sie halten sich allein im Warteraum auf oder sie werden gleich in die Behandlungsräume gebeten“, sagt die Physiotherapeutin.

Sie versucht, die Besucherzahl in der Praxis nicht allzu groß werden zu lassen. „Behandlungen, die nicht unbedingt notwendig sind, sagen wir ab und verschieben sie auf einen späteren Zeitpunkt. Auch bitten wir alle, die zu Risikogruppen gehören, nicht zu uns zu kommen. Behandlungen von Kindern nehmen wir momentan ebenfalls nicht an“, sagt sie. Zusätzlich sagen etliche Patienten von sich aus ab. „Wir haben einen Rückgang von etwa 50 Prozent. Von Praxen in anderen Bundesländern, in denen die Epidemie schon eher aufgetreten ist, hören wir, dass die Quote noch steigen kann.“

Leichte Fälle werden verschoben

Allerdings gibt es natürlich Patienten, die behandelt werden müssen. „Wer beispielsweise einen akuten Bandscheibenvorfall hat, wird von uns versorgt. Wir fragen am Telefon aber vorher, ob derjenige in einem Risikogebiet unterwegs war, ob er Schnupfen oder ähnliche Symptome hat. Leichtere Fälle versuchen wir, auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen.“

Wie ihr Dresdner Kollege hat auch die Radeberger Physiotherapeutin Probleme, Mundschutze zu bekommen. „Da es keine mehr gibt, hat eine Freunden für uns welche genäht. Eine andere Kollegen hat sich selber hingesetzt und welche angefertigt. Ich weiß aber, dass viele Praxen ebenfalls dringend welche brauchen“, sagt sie. 

Deshalb der Aufruf: Jeder, der Zeit und eine Nähmaschine in der Nähe hat, soll Mundschutze herstellen. „Entsprechende Anleitungen gibt es reichlich im Internet. Ganz wichtig der Stoff muss kochbar und bügelbar sein.“ Die Schützer können in der Praxis Malik in der Dr.-Albert-Dietze-Straße 11 in Radeberg abgegeben werden. „Ich geben sie dann an den Verband der Physiotherapeuten weiter, der die Verteilung übernimmt. Natürlich kann jeder seine genähten Schutze beispielsweise an Verkäuferinnen verteilen. Auch sie brauchen sie ja dringend.“

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