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Kamenz

„Wir werden keine Waren vernichten“

Supermärkte bleiben geöffnet, Wochenmärkte sind verboten – für Bauernhöfe wie Domanja in Wittichenau ist das ein Desaster.

Verkäuferin Sonja Lehmann zwischen den Produkten, die sie normalerweise auf den Wochenmärkten verkauft.
Verkäuferin Sonja Lehmann zwischen den Produkten, die sie normalerweise auf den Wochenmärkten verkauft. © Matthias Schumann

Wittichenau. Eigentlich wäre an diesem Donnerstagmorgen die Verkaufshängerflotte vom Domanja-Hof in Wittichenau gerollt. Mit im Gepäck frisches Gemüse, Kartoffeln aus Lausitzer Erde,  Fleisch- und Wurstwaren aus eigener Schlachtung, Eier von glücklichen Hühnern. Eigentlich! Doch die neuesten Regelungen der sächsischen Landesregierung haben dem einen Riegel vorgeschoben. 

Viele der Verkäuferinnen sind seitdem in Kurzarbeit. Denn sämtliche Wochen- und Frischemärkte der Region fallen nun bis auf Weiteres aus. Gähnende Leere allerorts. In Kamenz beispielsweise zieht nur ein vereinzelter Fleischerwagen auf dem Markt am Donnerstag die Kundschaft an. Ordentliches Einreihen mit Sicherheitsabstand inklusive. 

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Lebensmittelgeschäfte, Drogerien, Apotheken und Tierfachgeschäfte haben für Sie weiterhin geöffnet. Hier stehen Ihnen 5.000 Parkplätze zur Verfügung.

Stadt- und Gemeindeverwaltungen im Landkreis reagieren mit der Absage auf eine Vorgabe des sächsischen Sozialministeriums, wonach auch die Wochenmärkte von den gültigen Ausgangsbeschränkungen betroffen sind. Dies gilt  vorerst bis zum 5. April. Einigen erscheint das sinnvoll, vor allem weil sich auf den Wochenmärkten immer noch viel ältere Kundschaft  einfand. 

Keine Abnehmer für Tausende Eier

Chef Matthias Domanja (42) zwischen den Tomatenpflanzen, deren Erträge er eigentlich in drei Wochen auf den Wochenmärkten  zwischen Kamenz und Dresden, Königswartha und Hoyerswerda verkaufen wollte.
Chef Matthias Domanja (42) zwischen den Tomatenpflanzen, deren Erträge er eigentlich in drei Wochen auf den Wochenmärkten  zwischen Kamenz und Dresden, Königswartha und Hoyerswerda verkaufen wollte. © Matthias Schumann

Für den Bauernhof Domanja in Wittichenau ist das Ganze allerdings ein Schlag vor den Kopf. Von heute auf morgen bleibt das Unternehmen auf seiner Ware sitzen. Ein Desaster, denn immerhin legen 1.000 Hühner im Freiland jeden Tag etwa 1.000 Eier. In einer Woche sind das 7.000 Stück, die nicht an den Kunden gebracht werden können. Dazu kommen an die 70 Schweine und 80 Rinder, die in der Regel für die Schlachtung gezüchtet werden.  Doch wenn niemand mehr die Produkte braucht - was dann?

"Plötzlich sind wir nicht mehr systemrelevant. Vor einigen Tagen haben wir diesen Affentanz schon einmal in Hoyerswerda durchgemacht. Nachdem wir uns an die Regierung gewandt hatten, gab es eine Lösung", erzählt Seniorchef Michael Domanja. Nun scheint das Problem sich über die nächsten 14 Tage auszuwachsen.

Der Diplom-Landwirt ist fassungslos. Mit seinen 85 Jahren arbeitet er noch immer täglich auf dem familiengeführten Hof und unterstützt Sohn Matthias tatkräftig, der den Betrieb leitet. Für 25 Mitarbeiter haben die Domanjas Verantwortung. Keine leichten Zeiten für Arbeitgeber. 

Ostern wäre Hauptsaison

Auch das Saisongemüse bleibt in der Warteschleife. Kartoffeln, Rosenkohl, Möhren, Petersilie - nichts geht. "Wir haben unseren Hofladen in Hoske, doch dort verkaufen wir nur ein Hundertstel der Gesamtmenge", sagt Michael Domanja. Auch eine Bäckerei in der Nähe nimmt noch 600 Eier pro Woche ab. Dazu kommt ein Großkunde in Cunewalde, den man mit Gemüse beliefert.

Doch sämtliche Gaststätten, die Stammkunden waren, haben seit Tagen geschlossen. "Bald beginnt die Spargelzeit. Auch Ostern wäre Hauptsaison. Da nun alles geschlossen hat, wird es schwierig für alle Seiten", so Domanja. 

Während viele der Verkäuferinnen mittlerweile in Kurzarbeit sind, müssen andere Kollegen den Betrieb auf dem Bauernhof  aufrecht erhalten. 
Während viele der Verkäuferinnen mittlerweile in Kurzarbeit sind, müssen andere Kollegen den Betrieb auf dem Bauernhof  aufrecht erhalten.  © Matthias Schumann

Die vordringlichste Aufgabe dieser Tage lautet: Abnehmer für die eigenen Produkte zu finden. "Wir werden auf keinen Fall Ware vernichten", heißt es kategorisch. Eier halten sich ein paar Wochen, das Fleisch aus hofeigener Schlachtung  kann vorübergehend für haltbare Dinge, wie die beliebten Wurstkonserven, genutzt werden. Doch die Hühner hören weder auf zu legen, noch die Schweine zu wachsen. 

"Auch dem Gemüse kann man nicht sagen: Warte jetzt noch einmal 14 Tage, bis wir dich brauchen. Hinzu kommt der Fakt, dass wir jetzt eigentlich neue Ware bestellen müssen für das, was in ein paar Monaten auf den Feldern wachsen soll. Die neuen Kartoffeln müssen gelegt werden, auch Blumenkohl und Kohlrabi sollen ins Beet", zählt der Bauer auf. Da  nicht einmal Experten derzeit sagen können, wie sich  die Lage mit dem Coronavirus weiter entwickelt, könnte das für noch mehr Einbußen sorgen. 

Woanders dürfen Wochenmärkte stattfinden

"Bis zuletzt  hatten wir uns den strengen Hygienemaßnahmen angepasst. Da wäre auch weiter nichts passiert." Noch unverständlicher sei die Entscheidung des Ministeriums, wenn man hört, dass in Krisengebieten wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen Märkte weiter laufen und die Bauern dort gelobt werden für ihren Einsatz. "Die  Gurken und Tomaten werden wir in unseren Gewächshäusern herausreißen müssen, während Ware aus Spanien, Italien und Holland  -  wo es auch Corona gibt - weiter in den Supermärkten verkauft wird", sagen die Wittichenauer.

Viele Menschen nutzen den Wochenmarkt für den Einkauf. "Die Ansteckungsgefahr dort ist auf keinen Fall größer als im Supermarkt. Daher überwiegt bei  vielen unserer Kunden Unverständnis für die Entscheidung Sachsens", sagt Matthias Domanja. Es sind solche Entscheidungen, die Domanjas sprachlos machen. Witterungsbedingt liegen bereits zwei schlechte Jahre hinter ihnen. Trotzdem: Jammern wollen sie nicht. Eher kämpfen!

Der Hofladen Domanja in Hoske hat weiterhin geöffnet. Doch nur ein geringer Teil der Ware wird hier verkauft. Das meiste geht normalerweise auf Wochenmärkten über den Ladentisch.
Der Hofladen Domanja in Hoske hat weiterhin geöffnet. Doch nur ein geringer Teil der Ware wird hier verkauft. Das meiste geht normalerweise auf Wochenmärkten über den Ladentisch. © Matthias Schumann

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