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Feuilleton

Corona: Zwischen zwei Übeln

Der Dresdner Theologe Christian Schwarke spricht über Chancen, den richtigen Weg im aktuellen Dilemma zu finden.

Beim Abwägen zwischen Leben und Tod geht es nicht nur um sachliche Argumente.
Beim Abwägen zwischen Leben und Tod geht es nicht nur um sachliche Argumente. © Malte Mueller/fStop Images/fotofinder.com

Es sind vertrackte Entscheidungen, die in diesen Tagen gefällt werden müssen. Oft sieht es aus wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Das gilt fürs Private wie für die Politik. Gibt es Auswege aus dem Dilemma? Darüber sprach Sächsische.de mit Christian Schwarke, Professor für Systematische Theologie an der TU Dresden. Ethische Konflikte gehören zu seinem Forschungsschwerpunkt. Der gebürtige Hamburger, 59, war zehn Jahre lang Mitglied in der Ethikkommission der Charité.

Wir hören von Ärzten in Italien, die entscheiden müssen, wer behandelt wird und wer stirbt, weil die Ressourcen nicht für alle reichen. Lässt sich für dieses entsetzliche moralische Dilemma eine Lösung finden, Herr Schwarke?

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Eigentlich nicht. Das fällt in anderen Situationen leichter, wenn man sich auf Verträge oder Haftungsregeln berufen kann. Dann gilt das Prinzip der Güterabwägung. Aber jemanden sterben zu lassen, der das nicht will, ist immer falsch. Man hat dann nur die Chance, das vermeintlich kleinere Übel zu wählen. In der jetzigen Situation wird man trotzdem Kriterien finden müssen, wie etwa das Alter eines Patienten. Die Entscheidung sollten wir nicht allein den Ärztinnen und Ärzten aufbürden.

Das heißt, in einem moralischen Dilemma wird man immer schuldig, egal, wie man sich entscheidet?

So ist es, wenn man nur zwischen zwei Übeln wählen kann. Das haben zum Beispiel die Diskussionen um den Schwangerschaftsabbruch gezeigt. Allerdings kann es auch hilfreich sein, wenn man gezwungen wird, sich mit den beiden Seiten eines Konflikts auseinanderzusetzen. Dann vertritt man nicht eine Position mit dem Hochmut, dass man unfehlbar auf der richtigen Seite steht. Außerdem lebt niemand, ohne schuldig zu werden, sowohl, wenn man einer Verantwortung aus dem Weg geht, als auch, wenn man – wie zurzeit die Ärzte und Pflegekräfte – Verantwortung übernimmt. Ich finde, es entlastet uns, das zu wissen.

Beim Abwägen zwischen Leben und Tod geht es nicht nur um sachliche Argumente. Welche Rolle spielen die Gefühle?

Gefühle lassen sich nicht leugnen. Es gibt zwar im medizinischen Alltag eine professionelle Distanz zu den Patienten. Bei aller Empathie brauchen helfende Berufe diese Distanz, um den Kranken beizustehen und die eigene Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Es wird ja oft beklagt, dass die Medizin so nüchtern daherkommt. Aber das ist in Wahrheit hilfreich. Dennoch sind Gefühle bei jeder unserer Entscheidungen sehr wichtig, auch in der Medizin. Es kommt aber darauf an, sich die eigenen Gefühle bewusst zu machen. Nur dann kann ich sicherstellen, dass ich die Menschen gerecht behandle. 

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Hilft es dem Einzelnen bei der Entscheidung, wenn er sich auf eine Autorität berufen kann, hilft dem italienischen Arzt eine Anweisung der Regierung?

Das hilft – wenn er die Autorität über das eigene Gewissen stellt. Aber so ist nicht jeder gestrickt. Unsere moralische Bildung ist spätestens seit 1945 darauf ausgerichtet, dass wir nicht jedem Befehl blindlings folgen. Wir können uns dagegen wehren. Wir sind angehalten zum Selberdenken. Das stürzt uns freilich oft in ein neues Dilemma.

Wovon hängt es ab, wie man sich in einem Dilemma entscheidet?

Es hängt davon ab, wie stark die Entwicklung zur eigenen Persönlichkeit in der Erziehung angelegt wurde. Das lässt sich an einem alltagspraktischen Beispiel erklären. Wir wollen, dass Kinder zu selbstständigen Individuen erzogen werden, die gern widersprechen und eigene Entscheidungen treffen. Trotzdem müssen wir ihnen manchmal etwas verbieten, wenn sie klein sind, etwa andere Kinder zu hauen. Da fragen wir uns nicht jedes Mal, ob das gut ist oder nicht. Wir erwarten, dass sie tun, was wir sagen. Beide Pole prägen sich in der individuellen Entwicklung unterschiedlich stark aus – so kommt es zu unterschiedlichen Entscheidungen in einer Dilemma-Situation.

Verstärken sich in einer Krisenzeit die Signale für ein moralisches Dilemma?

Sie werden sichtbarer, weil es um mehr geht als sonst, es geht um Leben und Tod. Die Entscheidung, wer ein Atemgerät bekommt und wer nicht, ist existenziell. Andere Entscheidungen sind auch nicht leicht, wenn etwa eine Landesregierung entscheiden muss, ob sie eine Müllverbrennungsanlage im Ort A oder im Ort B ansiedelt. Das ethische Dilemma ist das gleiche. Nur die Folgen sind andere.

Kann man Leuten mit ethischen Fragen kommen, die einander das Klopapier aus dem Einkaufswagen stehlen? Sinkt die moralische Schmerzgrenze nicht seit Jahren?

Absolut. Aber jene, die das tun, empfinden diese Schmerzgrenze gar nicht. Wer einem anderen im Auto an der Kreuzung den Stinkefinger zeigt, denkt nicht darüber nach, ob das mit seinem Gewissen vereinbar ist. Die emotionalen Impulse werden ungebremst losgelassen. Das sehen wir auch auf den montäglichen Demonstrationen. Für manche Menschen scheint eine moralische Grenze nicht mehr zu existieren.

Christian Schwarke ist Professor für Systematische Theologie an der TU Dresden. Ethische Konflikte gehören zu seinem Forschungsschwerpunkt. 
Christian Schwarke ist Professor für Systematische Theologie an der TU Dresden. Ethische Konflikte gehören zu seinem Forschungsschwerpunkt.  © privat

Warum ist das so?

Da kann ich nur spekulieren. Und man muss hier verschiedene Ebenen unterscheiden. Ich nehme wahr, dass sich junge Leute im Alltag ziemlich höflich verhalten. Es sind eher die Menschen meines Alters, die niemandem mehr die Tür aufhalten. Jenseits des Alltags gibt es aber unter jungen Menschen eine Unsicherheit in ethischen Fragen. Es heißt dann oft: Das muss jeder für sich entscheiden. Falsch oder richtig, das gilt dann immer nur für den Einzelfall. Daran ist ja auch etwas Wahres. Und trotzdem muss sich eine Gesellschaft auf einige moralische Maßstäbe einigen. Diese Einigung ist nötig, wenn es um die Frage geht, ob wir stehlen wollen oder nicht.

Oder wenn es um das jetzt nötige solidarische Verhalten geht.

Auf Solidarität kann man offenbar nicht immer bauen, sonst müsste die Regierung nicht drastische Maßnahmen anordnen bis hin zur Ausgangssperre. Andererseits hat gerade Dresden in der Flutkatastrophe 2002 ein hohes Maß an gegenseitiger Solidarität erfahren. Darauf könnte man sich jetzt besinnen.

Fällt es uns auf die Füße, dass moralische Werte in der öffentlichen Diskussion kaum noch eine Rolle spielen?

Ich weiß nicht, ob das so stimmt. In den Kindergärten und Schulen wird nach wie vor darauf geachtet, dass die Kinder vernünftig miteinander umgehen. Dort werden Werte vermittelt. In den Schulen spielt der Ethikunterricht eine wachsende Rolle. Umso irritierender ist es, dass mancher später alle moralischen Hemmungen verliert, und sei es auch nur verbal. Was wir Älteren quasi mit der Nahrung vermittelt bekommen haben – dies und jenes gehört sich nicht, das tut man nicht –, geht offenbar verloren. Vielleicht haben wir zu vieles für zu selbstverständlich genommen. Wir haben moralische Prinzipien des täglichen Umgangs gar nicht mehr thematisiert.

Umso mehr zwingt uns nun die Corona-Pandemie dazu. Wir müssen abwägen, ob wir die alte Mutter in ihrer Wohnung allein lassen oder sie versorgen und dadurch gefährden. Ob wir Kinder ins Freie lassen oder zu Hause quengeln. Was raten Sie?

Wir sollten überlegen, welche Folgen unser Tun hat. Das sollten wir aufschreiben, mit Pro und Kontra. Solche Listen vor Augen machen den Kopf klarer und zwingen zum genaueren Nachdenken. Doch wir sollten nicht nur unsere eigenen Gedanken hin und her wälzen, wir sollten uns beraten, mit Nahestehenden, mit den Betroffenen. Manchmal kann man sich eine Fachmeinung übers Internet holen. Bei Kindern ist das schwieriger, ein Kind will, was es will. Da hilft es oft, die Situation zu umschiffen und die Entscheidung in eine andere Richtung zu lenken. Man kann sie verschieben, um Zeit zu gewinnen. Mir persönlich hilft ein Spaziergang, um aus einem Dilemma herauszufinden. Das Denken wird freier an der frischen Luft.

Ihr Fach ist die Theologie, Sie haben als Pfarrer gearbeitet. Wird die Religion in der jetzigen Lage wieder wichtiger?

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Jetzt reißt euch mal zusammen!

Nun gibt es in Dresden eine Ausgangsbeschränkung. Es ist ein massiver Eingriff in die Freiheit der Bürger. War das wirklich nötig?

Religion kann für Einzelne in dieser Situation ein wichtiger Anker werden. Aber ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass die Religion gesamtgesellschaftlich wieder an Bedeutung gewinnt. Es gibt eine Menge Leute, die wirklich helfen können, in den Krankenhäusern. Wir können gut zureden und trösten. Es kann sein, dass in dramatischen Situationen wie in Italien ein Wort etwas bewirkt. Aber es muss das richtige sein. Wir dürfen nicht fromm tun und von der Ehre Gottes reden, sondern müssen das in unsere Alltagserfahrung übersetzen. Wir müssen Worte finden, die wirklich dabei helfen, den Kopf aus dem Sand zu strecken.

Das Gespräch führte Karin Großmann.