merken
PLUS

Deutschland & Welt

Coronavirus: Das ist keine Hysterie

Vorsichtsmaßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 sind vernünftig. Vieles davon geht noch nicht weit genug - ein Essay.

© Symbolbild: Sebastian Schultz

Von Sven Siebert

Wir werden alle sterben. Das steht fest. Aber so, wie es aussieht, wird bei den allermeisten von uns das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 und die davon ausgelöste Krankheit Covid-19 nicht die Todesursache sein. Wir sterben – wie bisher – an Herz- und Kreislauferkrankungen, Krebs und Altersschwäche. 

JABS – Euer Zukunftsportal

Auf JABS erfahrt ihr alles, was für eure Zukunft wichtig wird und wie ihr euch am Besten darauf vorbereitet.

Diese Erkenntnis ist auch nicht so schön, sie wirkt aber in der heraufziehenden Coronakrise beruhigend. Sie schützt vor Panik. Aber sie verführt auch dazu, die Krise nicht ernst zu nehmen. Und das wäre gefährlich. Corona ist keine große Bedrohung für den Einzelnen, aber für die Gesellschaft.

Man trifft in diesen Tagen Menschen, die sich über die „Corona-Panik“ ärgern, die sich über Hamsterkäufe lustig machen, sich über die Absage der Leipziger Buchmesse ärgern – und sowieso alles für die übliche Übertreibung „der Medien“ halten, die nicht an Aufklärung, sondern an Klicks und Verkäufen interessiert seien.

Diese Reaktionen sind verständlich. Sie sind auch ein Schutz vor den eigenen Ängsten. Verläuft die Krankheit nicht in den meisten Fällen harmlos? Werden wir nicht einfach nur eine Erkältung bekommen? Sterben nicht Jahr für Jahr sehr viele Menschen an der Grippe, ohne dass wir davon viel Aufhebens machten?

Die Antwort lautet: Ja, vieles ist so wie sonst auch. Aber manches ist doch ganz schön anders.

Andere Ausgangslage als bei der Grippe

Sars-CoV-2 trifft auf eine Weltbevölkerung, die noch nie mit diesem Virus in Kontakt gekommen ist. Das Virus ist wahrscheinlich irgendwann im Dezember oder ein bisschen früher von Tieren – wahrscheinlich Hufeisennasenfledermäusen – auf den Menschen übergesprungen. Kein Mensch hatte zuvor Gelegenheit, Antikörper gegen Sars-CoV-2 zu bilden. Es gibt keine Immunität in der Bevölkerung, die die Verbreitung des Virus abbremst.

Es gibt keinen Impfstoff. Es gibt bisher auch keine Medikamente, die die Krankheit wirkungsvoll abschwächen oder abkürzen oder gar eine Infektion verhindern. Impfstoffe und Medikamente müssen entwickelt, sorgfältig getestet und in Massen produziert werden. Das dauert.

Das bedeutet, dass sich Sars-CoV-2 ziemlich ungehindert verbreiten kann. Und das wiederum heißt, dass sehr viele Menschen in Kontakt mit dem Virus kommen werden, ehe sich eine natürliche Immunität ausbildet und Impfungen und Therapien greifen. Das ist eine andere Ausgangslage als bei den saisonalen, zum Teil heftigen Grippe-Epidemien der vergangenen Jahre. 

Unser Autor: Sven Siebert, Jahrgang 1965, ist Diplombiologe und Journalist. Er arbeitete unter anderem 16 Jahre lang als Hauptstadtkorrespondent der Sächsischen Zeitung. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Klartext: Impfen!“.
Unser Autor: Sven Siebert, Jahrgang 1965, ist Diplombiologe und Journalist. Er arbeitete unter anderem 16 Jahre lang als Hauptstadtkorrespondent der Sächsischen Zeitung. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Klartext: Impfen!“. © Robert Michael

Viele Eigenschaften des aktuellen Virus sind noch nicht genau bekannt. Wie hoch ist der Anteil schwerer Verläufe? Wie hoch ist die Todesrate? Wie schnell breitet sich das Virus aus? Die Grundlage zur Ermittlung dieser Daten ist noch wackelig. In China, Iran und Italien wurden wahrscheinlich sehr viele Fälle nicht registriert. Bei uns ist die Zahl der Infektionen zur verlässlichen Berechnung dieser Werte noch zu klein.

Aber auch bei optimistischer Schätzung wird die Covid-19 zu sehr vielen zusätzlichen Behandlungen, Notfällen und Krankenhausaufhalten führen.

Man muss beim Umgang mit dem Coronavirus „Maß und Mitte“ finden, hat Bundeskanzlerin Angela Merkel geraten. Das klang vergangene Woche noch so, als würden alle maßlos übertreiben. Gesundheitsminister Jens Spahn ist inzwischen sehr ernst geworden und warnt vor „einer Herausforderung unseres Gesundheitssystems“. Was das aber wirklich bedeuten kann, dazu sind Spahn und die Bundesregierung immer noch sehr zurückhaltend.

Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC ist da offener. Unter der Überschrift „Was passieren könnte“, schreiben die Zentren für Seuchenkontrolle und Vorbeugung: „Eine weitverbreitete Übertragung von Covid-19 würde dazu führen, dass eine große Anzahl von Menschen gleichzeitig medizinische Versorgung benötigt.“ Schulen, Kitas und Unternehmen wären von einem hohen Krankenstand betroffen.

Viel hängt vom Ausbreitungstempo ab

„Das öffentliche Gesundheitswesen und die Gesundheitssysteme könnten überlastet werden, was zu einer erhöhten Zahl von Krankenhauseinweisungen und Todesfällen führen könnte“, warnen die CDC. Kritische Infrastrukturen wie Strafverfolgung, medizinische Notfalldienste und der öffentliche Personen- und Güterverkehr können ebenfalls betroffen sein.

Überfüllte Krankenhäuser mit wenig Ärztinnen und Pflegern, geschlossene Kitas, weniger Polizei, ausfallende Straßenbahnen, unterbrochene Lieferketten … Das wäre bei uns nicht viel anders als in den USA. Und wir reden nicht von den wirtschaftlichen Folgen …

Das könnte passieren. Es muss nicht.

Ob Covid-19 zu einer ernsten Krise führt, hängt vor allem von seiner Ausbreitungsgeschwindigkeit ab. Verlangsamen, verlangsamen, verlangsamen, predigt Spahn jetzt. Denn es macht einen Riesenunterschied, ob sehr viele Menschen in sehr kurzer Zeit krank werden oder über einen längeren Zeitraum – auch wenn es am Ende ebenso viele sind. Deswegen ist es richtig, dass bei uns und anderswo alles getan wird, um den Ausbruch zu verlangsamen. 

Es ist die Mühe wert, Infizierte zu isolieren, Infektionswege aufzuklären und unnötige Kontakte – zum Beispiel auf Messen oder Konzerten – zu verringern. Und jeder Einzelne übernimmt Verantwortung für die Gesellschaft, wenn er den Nachbarn nicht anniest und sich häufig die Hände wäscht. Das ist nicht albern oder hysterisch, sondern vernünftig.

Es hat keinen Sinn, jetzt die Schwächen unseres Gesundheitssystems zu beklagen und sich mehr medizinisches Personal zu wünschen. Tatsächlich hat Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Nie wird man auf plötzliche Naturereignisse wie Tsunamis, Erdbeben oder gefährliche Pandemien perfekt vorbereitet sein. 

© Paul Zinken/dpa (Symbolbild)

Es hat auch keinen Sinn, sich über vertane Chancen der Eindämmung zu beschweren. Ja, es wäre wahrscheinlich besser gewesen, Chinesen würden weniger merkwürdige Tiere essen. Ja, es wäre gut gewesen, die chinesischen Gesundheitsbehörden hätten noch schneller reagiert. Am Ende aber haben die chinesischen Behörden und die Bürger von Wuhan Bemerkenswertes geleistet. Sie haben uns Zeit verschafft.

Diese Zeit können wir nutzen, um das Mögliche zu tun. Und zwar jetzt. Auch wenn wir noch nicht genau wissen, wie schnell es wie schlimm wird. Wir können überlegen, wie besonders gefährdete Verwandte und Freunde in der Hochsaison der Epidemie so unterstützt werden können, dass sie nicht so oft unter Leute müssen. Wir können Pläne aufstellen, wie Unternehmen und Betriebe, Feuerwehr und Polizei funktionieren, wenn der Krankenstand ungewöhnlich hoch ist oder Kollegen ausfallen, die unersetzlich erscheinen. 

Wir können die Abläufe und Zuständigkeiten in Krankenhäusern und Notaufnahmen klären, verbessern und einüben, damit nicht beim ersten Coronakontakt die Hälfte des medizischen Personals erkrankt oder in Quarantäne muss (wie es vor ein paar Tagen in einer Notaufnahme in Berlin passiert ist).

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Sachsen nimmt weitere Corona-Patienten auf

Flugzeuge aus Italien und Frankreich gelandet. Erntehelfer dürfen unter Auflagen doch einreisen. Jetzt 2.411 infizierte Sachsen: unser Newsblog.

Symbolbild verwandter Artikel

Ist die Corona-Angst ansteckend?

Warum selbst Menschen in ihren Bann gezogen werden, die nüchtern und sachlich denken, erklärt ein Psychotherapeut.

Symbolbild verwandter Artikel

Coronavirus stoppt Arktisforscher aus Sachsen

Mit zwei Polarflugzeugen wollten Leipziger Wissenschaftler die Winteratmosphäre und das polare Meereis untersuchen. Doch jetzt ist die gesamte Flugkampagne abgesagt.

Symbolbild verwandter Artikel

Bringt uns die Corona-Krise näher?

Das Coronavirus trennt die Menschen, so scheint es. Trotzdem kann es uns auf eine ganz eigene Weise zusammenführen. Ein Leitartikel.

Symbolbild verwandter Artikel

Sachsen ordnet unterrichtsfreie Zeit an

Die Kinder sollen ab Montag zu Hause bleiben. In den Schulen wird es Betreuungsmöglichkeiten geben. Unterricht findet aber nicht statt.

Symbolbild verwandter Artikel

7 Tipps um sich gegen Viren zu stärken

Viele Tipps zur Stärkung des Immunsystems funktionieren nicht. Ärzte und Wissenschaftler aus Sachsen sagen, was wirklich gegen Viren wie Corona hilft.

Symbolbild verwandter Artikel

Lachen in Zeiten von Corona

Ist angesichts der weltweiten Krise Humor angebracht? Unbedingt. Denn Humor stärkt das Immunsystem des Geistes in Krisen.

Symbolbild verwandter Artikel

Coronavirus behindert Arbeit des Terrorabwehrzentrums

Bei einem in Berlin stationierten BKA-Beamten ist das Virus festgestellt worden. Das Terrorismusmusabwehrzentrum sagt deshalb einige Sitzungen ab.

Symbolbild verwandter Artikel

Drei neue Corona-Infektionen in Dresden

Damit tragen jetzt fünf Menschen in der Stadt den Erreger. Wie das Virus das Leben in Dresden beeinflusst.

Symbolbild verwandter Artikel

Roland-Kaiser-Konzert in Riesa abgesagt

Laut dem Landratsamt findet die Veranstaltung nicht statt. Die Meißner Behörde nennt die Gründe.

Symbolbild verwandter Artikel

Corona-Patient kurzzeitig in Döbeln

Ein Fernfahrer aus Italien kam mit dem dringenden Verdacht ans Klinikum Döbeln. Die Ärzte überwiesen ihn nach Leipzig.

Symbolbild verwandter Artikel

Wegen Corona: Krankschreibung bei Erkältung jetzt am Telefon

Wer Erkältungssymptome aufweist, kann sich jetzt für sieben Tage am Telefon krankschreiben lassen.

Symbolbild verwandter Artikel

Wie Corona eine Ratssitzung durcheinanderbringt

Ein Punkt kann bei der Veranstaltung am 19. März in Markersdorf nicht behandelt werden. Das hängt mit dem Virus zusammen.

Symbolbild verwandter Artikel

Wegen Corona isoliert – so funktioniert das

Tagebuch, Telefonate, Tests: Etwa 90 Menschen aus dem Landkreis Bautzen sind in Quarantäne. Aber was bedeutet das eigentlich praktisch?

Symbolbild verwandter Artikel

Dieses Coronavirus ist tödlicher als Grippe

Was kommt da auf uns zu? Ein Gespräch mit dem Leipziger Virologen Uwe Liebert zu Risiken, Schutz und Vorsorge in Zeiten einer nicht fassbaren Bedrohung.

Es kann sein, dass die Krise weniger heftig wird als befürchtet. Oder dass sie erst im kommenden Herbst wirklich eintritt, weil sich die Epidemie in einer „Sommerpause“ vorübergehend abgeschwächt hat. Eine vage Hoffnung. Sich vorzubereiten, bleibt sinnvoll. Und wer das nüchtern tut, hat weder Maß noch Mitte verloren.

>> Abonnieren Sie den täglichen Newsletter "Politik in Sachsen - Die Morgenlage". Damit sind Sie immer bestens über das Geschehen in Sachsen informiert.<<