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Dresden

"Ich rechne mit einem Corona-Sprung"

Dresdens Gesundheitsbürgermeisterin rechnet mit deutlich mehr aufgedeckten Infektionen, wenn die Tests ausgeweitet werden. Wie die Kliniken vorbereitet sind.

Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann warnt vor Panik. Im Interview mit Sächsische.de erklärt sie, warum es in den Krankenhäusern genügend Betten und Personal für den Ernstfall geben wird.
Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann warnt vor Panik. Im Interview mit Sächsische.de erklärt sie, warum es in den Krankenhäusern genügend Betten und Personal für den Ernstfall geben wird. © Sven Ellger

Dresden. Zwölf Menschen haben sich in Dresden mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Stand: Freitag. Neue Zahlen werden im Laufe des Sonnabends erwartet. Über Operationen, die wahrscheinlich ab kommender Woche verschoben werden müssen, strenges Vorgehen gegen "illegale" Veranstaltungen und die Versorgung von isolierten Dresdnern mit Lebensmitteln hat Sächsische.de mit Gesundheitsbürgermeisterin Kristin Kaufmann (Linke) gesprochen.

Frau Kaufmann, wie schätzen Sie die Lage in Dresden ein?

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Wir haben ein hochdynamisches Geschehen. In Sachsen gibt es noch recht wenige mit Corona infizierte Menschen. Aber es werden in nächster Zeit deutlich mehr werden. Wir hoffen, dass sich die Test-Kapazität nächste Woche erhöhen wird, es also mehr Test-Kits für Rachen- und Nasenabstriche gibt. Die Tests werden dann ausgeweitet, sodass ich mit einem Corona-Sprung rechne. Zwar ändert sich damit nichts an der Sachlage, es werden aber mehr Fälle aufgedeckt.

Was heißt das für Dresden?

In einer Tolkewitzer Kita gibt es einen Erkrankungsfall. Die Einrichtung bleibt ab Montag bis 23. März 2020 geschlossen. Es bleibt spannend, wenn eine zweite und dritte Kita schließen muss und die Schulen dazukommen. Das wirkt sich auf die Arbeitsfähigkeit der Eltern aus. Es wird aber auch Folgen für den Nahverkehr haben, wenn Schüler und Eltern zu Hause bleiben. Dann müssen wir uns fragen, ob diese Taktung noch notwendig ist. Das ist eine Kette an Kausalitäten, die das gesamte Leben in der Stadt verändern wird.

Seit Freitagmorgen gilt in Dresden außerdem eine Allgemeinverfügung. Das heißt, dass jegliche Veranstaltung im Freien und in geschlossenen Räumen, an der zwischen 100 und 1.000 Personen teilnehmen, 72 Stunden vorher angezeigt werden muss und vom Gesundheitsamt einer Risikobewertung unterzogen wird. Wir beraten die Veranstalter dann. Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen müssen laut Erlass des Freistaats generell abgesagt werden.

Wie wird kontrolliert, dass es keine „illegalen“ Partys gibt?

Das ist wie mit dem Schwarzfahren. Wir werden nicht das gesamte Ordnungsamt nachts in die Äußere Neustadt, zur Straße E oder in den Hecht schicken, um zu schauen, ob dort geheime Partys stattfinden. Aber wir werden punktuell kontrollieren. Hier geht es auch um die Selbstverpflichtung der Veranstalter. Ich verstehe, dass er ein wirtschaftliches Interesse hat. Aber es geht um die Gäste, die sich dort einer besonderen Gefahr aussetzen.

Wie gut sind die Dresdner Krankenhäuser vorbereitet?

Wir haben in Dresden noch keinen Corona-Fall, der im Krankenhaus untergebracht ist. Bei den meisten Infizierten verläuft die Krankheit milde und sie werden in häuslicher Isolation gut begleitet. Man geht davon aus, dass etwa 14 Prozent der Infektionen kritischer verlaufen, insbesondere bei Vorerkrankten, Älteren und Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Wenn es uns gelingt, die Ausbreitung des Virus zeitlich zu strecken, werden wir eine ausreichende Kapazität an Intensivbetten haben. Wir verfügen aktuell über 20 Isolationsbetten im Städtischen Klinikum und könnten im Grunde morgen für 40 normale und 12 Beatmungspatienten aufstocken. 

Seit Donnerstagabend haben wir außerdem von der Bundesgesundheitsminister-Konferenz die klare Anordnung, elektive Eingriffe, also nicht unbedingt dringende Operationen wie eine Hüft-OP, abzusagen. Sollte ein schwer erkrankter Covid-19-Patient kommen, wäre das Bett frei. Wir bereiten uns auf die Umsetzung vor. Ich gehe davon aus, dass der Landeserlass nächste Woche erfolgt. Notfallpatienten und Schwerstkranke wird das Städtische Klinikum weiter bestmöglich versorgen.

Was passiert, wenn Ärzte und Pfleger erkrankten oder wegen ihrer Kinder zu Hause bleiben müssen. Gibt es dann eine Urlaubssperre für kinderlose Mitarbeiter?

Patienten mit verschiebbaren Eingriffen machen einen Großteil aus. Wenn diese nicht mehr kommen, können die Kliniken das Personal anders einsteuern. Engpässe ergeben sich jetzt noch nicht, sodass auch Urlaubssperren kein Thema sind.

Fehlt in den Krankenhäusern Mundschutz und Schutzkleidung?

Das Städtische Klinik ist noch gut ausgestattet. Wir stehen außerdem mit dem Vorstand des Universitätsklinikums in Kontakt, um über deren Kontakte Nachschub zu ordern. Wir haben für einen Monat Reserven, es gibt also noch keinen Engpass. Aber dieser eine Monat ist schnell rum. Und die Schiffe, die aus China Medikamente, Schutzkleidung und Masken bringen, sind noch nicht da, beziehungsweise ist das letzte Schiff noch nicht einmal angekommen. Die globale Vernetzung ist jetzt unterbrochen. Alle Länder suchen nach Materialien. Wir haben Bestellungen ausgelöst. Die ursprüngliche Idee von Bund und Ländern, alles zentral zu beschaffen, funktioniert wohl nicht, sodass jeder auf sich selbst gestellt ist.

Mehrere Menschen befinden sich zu Hause in Isolation. Was dürfen diese überhaupt noch?

Die klare Order ist: Bleib in deiner Wohnung. Die Quarantäne ist verpflichtend und Verstöße können sanktioniert werden. Die Patienten dürfen sich zu Hause frei bewegen. Kontakt zu anderen Menschen müssen sie strikt meiden. Alle Dresdner, die das bisher betraf, haben sich vorbildlich daran gehalten. Der Fokus liegt darauf, die Infektionsrate zu verlangsamen.

Wie kommen diese Menschen an Lebensmittel?

Das funktioniert bisher sehr gut. Zum Glück gibt es viele gute Menschen in der Nachbarschaft, die die Einkäufe erledigen können und sie dann vor der Tür abstellen. Es gibt Lebensmittelhändler wie Rewe, die ein Online-Bestellsystem haben und vor die Tür liefern.

Wie sieht es aus, wenn auch Kinder zu Hause isoliert bleiben müssen?

Das wird sicherlich eine Herausforderung werden. Kinder dürfen dann auch keine Freunde treffen. Sie sollten aber nicht nur vorm Fernseher oder Computer abhängen. Wie wäre es mit telefonieren mit Freunden, mit Oma und Opa?

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Das Gespräch führten Julia Vollmer und Sandro Rahrisch.

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