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Coronavirus stoppt Arktisforscher aus Sachsen

Mit zwei Polarflugzeugen wollten Leipziger Wissenschaftler die Winteratmosphäre und das polare Meereis untersuchen. Doch jetzt ist die gesamte Flugkampagne abgesagt.

Mit diesem Polarflugzeug geht es Richtung Nordpol. Das Foto entstand von Bord des Eisbrechers Polarstern während der entscheidenden Vorexpedition vor drei Jahren.
Mit diesem Polarflugzeug geht es Richtung Nordpol. Das Foto entstand von Bord des Eisbrechers Polarstern während der entscheidenden Vorexpedition vor drei Jahren. © SZ / Stephan Schön

Dresden/Bremerhaven/Longyearbyen. Der Besuch bei der Polarstern fällt aus. Kurz vorm Nordpol driftet der Eisbrecher mit seinen Schollen weiter. Als Flugplatz sollte eine Landebahn auf dem Eis gleich neben dem Eisbrecher dienen. Doch der Flugplatz im Eis bleibt leer.

Die Scholle ist nicht das Problem. Die ist stabil genug. Doch die beiden deutschen Forschungsflugzeuge Polar 5 und Polar 6 kommen nicht dorthin. Spitzbergen, Basecamp für die Atmosphärenforscher und für fünf Wochen die Bodenstation für die Polarflieger, ist geschlossen. Die Flugzeuge können von dort aus nicht starten, und die Wissenschaftler kommen gar nicht mehr auf die Insel. Spitzbergen ist dicht und die Flugkampagne als Teil der bisher weltgrößten Polarexpedition Mosaic abgesagt. Schwer betroffen von dieser Absage sind auch sächsische Wissenschaftler der Leipziger Universität. Seit Jahren hatten sie sich auf diese Messflüge vorbereitet. Sie sind ein Teil von Mosaic, und Manfred Wendisch, der Direktor des Leipziger Uni-Instituts für Meteorologie, ist dort der Co-Chef.

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Seit September schon ist der Eisbrecher Polarstern auf Fahrt und Drift. Ein Jahr lang messen die Forscher an Bord alles um sich herum: Eis, Wasser, Luft, Wolken, Atmosphäre. Die Daten aus großer Höhe sollen eigentlich diese Messungen ergänzen. „Die große Frage ist, wie die arktische Erwärmung das Wetter bei uns in Europa beeinflusst“, hatte Manfred Wendisch noch kurz vor Beginn der Flugmission erklärt. Eiswinter in Nordamerika, extrem milde Winter wie dieser in Europa, das alles hänge mehr oder weniger mit der Erwärmung der Arktis und den veränderten Höhenströmungen zusammen.

Die Messflüge zur Erforschung von Atmosphäre und Meereis waren für Mitte März bis Mitte April geplant. Jetzt wäre es für die Leipziger Forscher besonders spannend, zu sehen, was zum Ende des Polarwinters hin in der Atmosphäre passiert. Ihre Messflüge waren daher jetzt ein Schwerpunkt. Die Sächsische Zeitung wollte davon live berichten und war selbst ein Teil vom Expeditionsteam – und auch bei Vorbereitungen seit einem Jahr dabei.

Das Virus war schneller

Die beiden Forschungsflugzeuge Polar 5 und Polar 6 sollten eigentlich schon seit dem 11. März am Flugplatz von Longyearbyen auf Spitzbergen stehen. Doch schon dieser Termin fand nicht statt. Wegen des Coronavirus hatten alle 60 Expeditionsteilnehmer einen Test machen müssen. Nachdem ein Teilnehmer jedoch positiv auf Sars-Cov-2 getestet worden war, wurde der gesamte Flugbetrieb vorerst nach hinten verschoben. Die Infektion wurde nämlich fatalerweise erst nachgewiesen, als der infizierte Forscher aus München zu einem Expeditionsmeeting in Bremerhaven weilte. Dadurch waren mit einem Male viele Expeditionsteilnehmer Risikopersonen.

Die ursprüngliche Idee, abwarten und Zeit gewinnen, war wichtig für den Schutz der gesamten Expedition vor dem Virus. Nur, das funktioniert nun nicht mehr. Spitzbergen ist dicht und die Flug-Expedition vorerst ganz ausgesetzt. Die für das Frühjahr geplanten Teilkampagnen können nun in Anbetracht der aktuellen Lage nicht mehr durchgeführt werden, teilte am Montag das Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven mit. Es leitet die internationale Mosaic-Expedition.

Ein halbes Jahr Dunkelheit liegt hinter der Polarexpedition Mosaic. Mit dem Märzlicht sollten nun auch die Polarflieger zur Polarstern kommen. Das wird erst einmal nichts.
Ein halbes Jahr Dunkelheit liegt hinter der Polarexpedition Mosaic. Mit dem Märzlicht sollten nun auch die Polarflieger zur Polarstern kommen. Das wird erst einmal nichts. © AWI / Esther Horvath

„Die derzeitige außergewöhnliche Situation lässt uns leider keine andere Wahl. Wir danken allen, die an den monatelangen Vorbereitungen beteiligt waren und die bis zum letzten Moment alles versucht haben, um die Flugkampagnen zu gewährleisten“, sagt Andreas Herber vom AWI und Chef der Flugkampagnen.

Die norwegische Regierung hatte am Donnerstag mit sofortiger Wirkung Einreisesperren festgelegt. Die Regierung von Spitzbergen hat diese nun noch einmal verschärft. Die Gouverneurin, Sysselmannen Kjerstin Askholt, hat die komplette Schließung der Inselgruppe verordnet. Ein eventueller Ausbruch von Covid 19 könne die kleine Inselgesellschaft hart treffen. Es gebe dort nur eine geringe medizinische Bereitschaft. Wer keinen Wohnsitz in Norwegen hat, wird zurückgeschickt.

Nur im Ausnahmefall wäre die Einreise mit 14-tägiger strikter Quarantäne möglich. Aus diesem Grund und wegen der schnellen Entwicklung der Corona-Pandemie hat die Mosaic-Projektleitung nun entschieden, die Messflüge im Frühjahr auszusetzen.

Bisher vom Virus nicht betroffen ist die Forschung auf der Polarstern selbst. Die beiden russischen Eisbrecher, die zur Versorgung der Expedition sich eben in der Arktis durchs Eis kämpfen, sind ebenso frei vom Coronavirus. Auch der für Anfang April geplante Crew-Austausch auf der Polarstern per Flugzeug kann wohl stattfinden. Allerdings unter harten Quarantäne-Regelungen, für die die neue Crew viel Zeit einplanen muss. Bevor sie auf das Schiff kommt, wird sie zwei Mal auf Corona getestet: einmal noch vor Abreise in der Heimat, ein zweites Mal am Ausgangsort der Expedition, um das Risiko einer Einschleppung des Virus in die Expedition zu minimieren. Für den Notfall steht auf der Polarstern eine Isolierstation bereit, sollte es zu einer Infektion an Bord kommen.

Expedition in Zeiten der Krise

„Die sich ausbreitende Infektionswelle ist eine immense Herausforderung für diese internationale Expedition“, sagt der Leiter der Mosaic-Expedition Markus Rex vom AWI. „Niemand weiß jedoch, wie sich die Lage in den nächsten Monaten entwickeln wird, und wir überprüfen und aktualisieren unser Konzept laufend. Zurzeit müssen wir auf Sicht fahren.“

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Etwas Hoffnung besteht noch, dass nicht alles, was die Flugmission betrifft, umsonst war. Man werde die Situation in den nächsten Wochen genau beobachten und Alternativen prüfen, hieß es am Montag von der Expeditionsleitung. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel eine Verlängerung der beiden für den Sommer geplanten Teilkampagnen. Dann hätten auch die Leipziger Wissenschaftler eine Chance, doch noch ihre Messungen zu bekommen. Die sind auch deshalb wichtig, weil diese Daten für den Sonderforschungsbereich AC3 zur klimatischen Veränderung der Arktis dringend benötigt werden.

Im Sommer allerdings, wird es keinen Besuch bei der Polarstern mehr geben können, nur den Vorbeiflug. Dann ist die Landebahn bereits geschmolzen und das Schiff weit vom Nordpol weg Richtung Grönland und Spitzbergen gedriftet.

2017 war die Vorexpedition. Die Polarstern hatte für zwei  Wochen an einer Scholle festgemacht. Wissenschaftlicher Fahrtleiter war damals Andreas Macke, der Direktor vom Leipziger Tropos-Institut.  
2017 war die Vorexpedition. Die Polarstern hatte für zwei  Wochen an einer Scholle festgemacht. Wissenschaftlicher Fahrtleiter war damals Andreas Macke, der Direktor vom Leipziger Tropos-Institut.   © SZ/Stephan Schön
Im Juni 2017 bereiten Forscher der Uni Leipzig und vom Polarinstitut AWI auf Spitzbergen die Flugzeuge für Messungen vor. Die sollten nun eigentlich auch wieder in der Luft sein. 
Im Juni 2017 bereiten Forscher der Uni Leipzig und vom Polarinstitut AWI auf Spitzbergen die Flugzeuge für Messungen vor. Die sollten nun eigentlich auch wieder in der Luft sein.  © SZ/Stephan Schön
Im Innern des Polarflugzeugs. 
Im Innern des Polarflugzeugs.  © SZ/Stephan Schön
Drinnen voll mit Messinstrumenten.
Drinnen voll mit Messinstrumenten. © SZ/Stephan Schön

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