merken
PLUS Deutschland & Welt

Was man noch gegen den Coronavirus tun kann 

Das Coronavirus breitet sich in Europa aus. Wann erreicht die Epidemie Deutschland? Welche Maßnahmen sind jetzt nötig? Ein Überblick.

Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums beobachten die Einreise am Flughafen Fiumicino in Rom. Das Coronavirus Sars-CoV-2 breitet sich in Europa weiter aus.
Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums beobachten die Einreise am Flughafen Fiumicino in Rom. Das Coronavirus Sars-CoV-2 breitet sich in Europa weiter aus. © Petra Kaminsky/dpa

Von Sascha Karberg und Thomas Trappe 

Spätestens seit dem Wochenende, seit das neue Coronavirus Sars-CoV-2 auch in Italien umgeht, muss sich die Welt bewusst sein: Die Bemühungen, Erkrankungen auf China und einzelne Länder zu beschränken, sind gescheitert.

Eine weltweite Ausbreitung, eine Pandemie, ist wohl nicht mehr zu verhindern. Jetzt sei die Frage nur noch, welche Gegenmaßnahmen zu treffen sind, schreibt der Epidemiologe Marc Lipsitch von der Harvard University.

Oppacher Mineralquellen
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Oppacher füllt Heimat in Flaschen ab und überzeugt seine Kunden mit regionalem Mineralwasser in ausgezeichneter Qualität.

Wann erreicht die Epidemie Deutschland?

Noch kann hierzulande nicht von einer Epidemie gesprochen werden. Durch die jüngsten Ausbrüche in Südkorea, Iran und vor allem in Italien ergibt sich für die Bundesrepublik aber eine neue Lage. 

Auch auf Teneriffa wurde nun ein erster Fall bekannt. Auf der spanischen Urlaubsinsel ist nach einem bestätigten Coronavirus-Fall ein großes Hotel unter Quarantäne gestellt worden.  Rund 1.000 Touristen seien in dem Ort Adeje im Südwesten der Kanareninsel von der Maßnahme betroffen, berichtete das spanische Fernsehen am Dienstag. Darunter sind vermutlich auch Deutsche. "Wir müssen davon ausgehen, dass sich unter den von den Quarantänemaßnahmen Betroffenen auch deutsche Staatsangehörige befinden", hieß es am Dienstag aus dem Auswärtigen Amt. 

Ein Polizist setzt eine Sperre, die den Zugang zum Hotel H10 Costa Adeje Palace auf Teneriffa blockiert. 
Ein Polizist setzt eine Sperre, die den Zugang zum Hotel H10 Costa Adeje Palace auf Teneriffa blockiert.  © dpa

Das Hotel werde von der Polizei bewacht, bis alle Menschen darin getestet worden seien. Zuvor war ein Besucher aus Italien positiv auf das neue Virus getestet worden, wie das spanische Gesundheitsministerium mitteilte. Bei dem Mann handelt es sich den Angaben zufolge um einen 69-Jährigen aus der Lombardei. Die Region ist das im Moment am stärksten von dem Virus betroffene Gebiet in Norditalien.

Auch auf dem spanischen Festland gibt es einen Fall. In Barcelona wurde eine Frau nach Angaben des spanischen Gesundheitsministeriums positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Sie soll ihren Wohnsitz in Barcelona haben und kürzlich von einer Reise nach Norditalien zurückgekehrt sein, wo das Virus sich besonders stark ausgebreitet hat, berichtete die Zeitung "La Vanguardia".

Grund für die schnelle Verbreitung der Viren ist, dass offenbar schon Infizierte, die noch nicht krank sind und keine erkennbaren Krankheitssymptome wie Fieber zeigen, bereits infektiös sind.

Eine Studie, an der Forscher des Imperial College London und des WHO-Zentrums für die Modellierung von Infektionskrankheiten beteiligt war, ergab, dass wohl zwei Drittel der aus China exportierten Erkrankungen unentdeckt geblieben sind und wohl zu vielen bislang unerkannten Übertragungsketten außerhalb Chinas geführt haben.

Was jetzt in Italien und auch dem Iran passiert, ist demnach wohl auch bald in anderen Ländern zu erwarten. Entscheidend ist, ob solche asymptomatischen Übertragungen selten oder häufig sind. Lipsitch zufolge spricht einiges dafür, dass die asymptomatische Übertragung eher die Regel ist.

Welche Maßnahmen sind jetzt nötig?

Wie ein derart infektiöses Virus aufzuhalten ist, sei die „am schwierigsten zu beantwortende Frage zurzeit“, so Lipsitch. Das Abriegeln ganzer Städte und der Rückgang von Neuinfektionen danach sei zwar von einigen Experten als Beleg für die Wirksamkeit dieser Methode interpretiert worden.

Doch man müsse skeptisch sein, ob die Zahlen aus China korrekt sind. Es sei zwar wahrscheinlich, dass die Übertragung dadurch erschwert wird, aber es sei unklar, in welchem Ausmaß.

Ist die Erkrankung schlimmer als Grippe?

Die Experten verwenden für die jetzige Erkrankungswelle das Kürzel Covid-19 und für das Virus selber Sars-CoV-2. Da Sars-CoV-2 so wie Influenza-Viren auch den oberen Rachenraum befallen, ist zumindest die Art und Weise der Verbreitung vergleichbar.

Ob eine Covid-19-Pandemie am Ende mehr oder weniger Erkrankungen und Todesfälle verursacht, ist mit den bisherigen Daten nicht vorherzusagen – auch weil sich die Viren im Zuge der Pandemie immer verändern können. Die Ähnlichkeit zu Influenza-Viren kann aber auch ein Vorteil sein, um sinnvolle Eindämmung zu betreiben.

Ein Blick auf Forschung, die sich mit der Wirksamkeit von 1918 getroffenen Gegenmaßnahmen beschäftigt hat, zeigt, dass es in Städten, die früh Kirchen, Theater, Schulen und andere öffentliche Versammlungsorte geschlossen hatten, weniger Erkrankte und Opfer des Influenza-Virus gab.

Was ist sinnvoller: Hygiene oder Isolation?

Auch Eindämmungsbemühungen, die eine Pandemie nicht völlig stoppen, sind hilfreich, weil weniger Ansteckungen in kurzer Zeit auftreten und die Gesundheitssysteme auf diese Weise nicht überlastet werden. Der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sagte, dass man sich bemühe, die jährliche Influenza-Welle und die zu befürchtende Covid-19-Welle zu „entkoppeln“, um die Kliniken zu entlasten.

Darüber hinaus gewinnen Forscher Zeit, um neue Medikamente und Impfstoffe entwickeln. „Verzögerung ist gut“, sagt Lipsitch, allerdings nicht zu jedem Preis. Man müsse berücksichtigen, dass Quarantäne, Abriegelungen und andere „soziale Distanzierungsmaßnahmen“ zwar Menschenleben retten können, aber auch ökonomische und auch psychologische Nebenwirkungen haben.

Wie sind die Kliniken vorbereitet?

Sollte sich das Virus in Deutschland zu einer Pandemie auswachsen, dürfte es zwar genug Akutbetten geben, aber zu wenig Pflegepersonal zur Betreuung aller Patienten. Zu diesem Schluss kommt Bernd Mühlbauer, der an der Westfälischen Hochschule Gesundheitsmanagement lehrt.

„Bei maximaler Auslastung aller verfügbaren Krankenhausbetten und einer Isolationsdauer infizierter Patienten von etwa zwei Wochen können in Deutschland theoretisch fast zwei Millionen Patienten im Jahr versorgt werden“, erklärt Mühlbauer. „Tatsächlich ist es aber nur ein Drittel davon, wenn die Patienten in Einzelzimmern isoliert werden müssen.“

Der Coronavirus-Krisenstab der Bundesregierung wird am Montag beraten, ob weitere Maßnahmen erforderlich sind. „Wir haben die Lage im Blick“, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums am Sonntag auf Tagesspiegel-Anfrage.

Weiterführende Artikel

Eingesperrt im Traumhotel

Eingesperrt im Traumhotel

Ein italienischer Urlauber und seine Frau sind auf Teneriffa positiv auf Covid-19 getestet worden. Jetzt steht sein Hotel mit rund 900 Gästen unter Quarantäne.

Sieben Sachsen in freiwilliger Coronavirus-Isolation

Sieben Sachsen in freiwilliger Coronavirus-Isolation

Eine Chemnitzerin, ein Mann aus dem Erzgebirge, zwei Dresdner und drei Meißner dürfen ihre Wohnungen vorerst nicht verlassen. Bisher ist keiner erkrankt.

Corona-Verdacht: Was heißt das für Dresden?

Corona-Verdacht: Was heißt das für Dresden?

Die beiden Betroffenen bleiben noch eine Woche isoliert. Das sagen Unternehmen, Ärzte und Schulen zu möglichen Notfallplänen.

So bereitet sich Sachsen auf das Coronavirus vor

So bereitet sich Sachsen auf das Coronavirus vor

Im Freistaat ist noch keiner erkrankt, doch der Ernstfall wird bereits geprobt. Ein Infektiologe erklärt, wie man sich schützt.

Thema im Krisenstab dürfte die Ausweitung der Kontrollen auf Flügen sein, wie sie bereits für Chinareisende gelten. Für Italien, aus dem Menschen auch über den Landweg einreisen, kämen weitere Sofortmaßnahmen infrage. Im Auswärtigen Amt sagte eine Sprecherin, dass Reisehinweise für Italien fortlaufend aktuell gehalten würden.

>> Abonnieren Sie den täglichen Newsletter "Politik in Sachsen - Die Morgenlage". Damit sind Sie immer bestens über das Geschehen in Sachsen informiert.<<

Mehr zum Thema Deutschland & Welt