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Coswig will Fluthäuser anheben

Eine kuriose Idee soll vor allem der Brockwitzer Kleinseite helfen – aber vielleicht auch anderen.

Von Wolf Dieter Liebschner

Das Haus hebt sich langsam aus dem Erdboden. Fast unmerklich. Zentimeter um Zentimeter. Die Bewohner leben derweil ganz normal weiter: Aufstehen, Zähneputzen, Kaffee kochen, Frühstücken. Und machen sich danach auf den Weg zur Arbeit oder in die Schule.

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Wenn der Tag sich zum Abend neigt und die Familie wieder ihr Heim betreten hat, ist das Gebäude immer noch in vertikaler Bewegung. Nur merkt es keiner. Kein Glas hat sich tagsüber in der Vitrine bewegt. Kein Bild an der Wand hängt schief. Kein Schrank musste ausgeräumt werden. Die Familie sitzt vor dem Fernseher. Kein Ausfall, keine Bildstörung, alles ist wie immer. Nur das Haus hebt sich weiter.

Nach etwa einer Woche hat das Haus sein Ziel erreicht. Es ragt nun zwei Meter höher aus dem Erdboden. Auf der Höhe, wo sich einst das Erdgeschoss befand, ist nun die Außenhaut des Kellers sichtbar.

Das ist keine Szene aus einem Science-Fiction-Film. Das ist heute schon Alltag in manchen Gebieten, in denen die Bauten von starkem Grundwasserdruck betroffen sind.

Der Coswiger Ordnungsamtsleiter Olaf Lier hält das Verfahren auch in hochwassergefährdeten Gegenden für anwendbar. Er kann sich vorstellen, dass im Ortsteil Brockwitz in absehbarer Zeit Häuser emporklettern. Dreimal in den vergangenen Jahren gingen die 25 Grundstücke der Niederseite teilweise bis zur ersten Etage unter. Zuletzt im Juni 2013. Auch damals überschwemmten die Fluten nicht nur die Keller, sondern teilweise auch die Wohnbereiche der Häuser im Erdgeschoss.

„Nachdem uns klar wurde, dass wir für Brockwitz keinen ausreichenden Flutschutz erhalten, weil wir eben in der Prioritätenliste des Freistaats nicht gerade an der Spitze stehen, haben wir uns nach Alternativen umgesehen“, sagt Lier. Er wurde im Internet fündig. Eine Firma aus dem Ruhrgebiet betreibt die Haushebung schon seit mehreren Jahren. Wie das passiert, hat sich Lier vor Ort angesehen.

Was kompliziert erscheint, hat ein einfaches Wirkprinzip. In die Bodenplatte des Kellers werden je nach Grundfläche des Hauses zwei bis drei Dutzend Löcher gebohrt, in die danach Stahlrohrpfähle gerammt werden. Beim Hebeprozess drücken hydraulische Pressen nach unten auf die Pfähle und nach oben auf Stahlplatten. An diesen sind jeweils vier Zugankerstangen befestigt, die unterhalb der Bodenplatte enden und diese durch den stets gleichbleibenden Druck nach oben ziehen. Etwa 20 Zentimeter pro Stunde kann ein etwa 1 000 Tonnen schweres Haus im günstigsten Fall gehoben werden. Gesteuert wird das vom Computer aus. Wenn das Kellergeschoss das frühere Niveau des Erdgeschosses erreicht hat, wird der darunter frei werdende Raum mit Beton verfüllt.

Vorstellbar wäre diese Lösung eben auch für Brockwitz. „Natürlich bleibt der Ort danach trotzdem in einer hochwassergefährdeten Zone“, so Lier. „Aber eine Hebung um zwei Meter würde bedeuten, dass das Wasser bei einem Ausmaß wie im Juni vergangenen Jahres lediglich den Keller erreicht. Das ist schon ein großer Vorteil für die Bewohner. Damit können sie sich arrangieren.“

Inzwischen hat die Stadt Coswig mit mehreren Brockwitzer Einwohnern gesprochen, bisher mit unterschiedlicher Resonanz. „Manche wollen nach dem letzten Hochwasser einfach nur weg“, erklärt Lier. „Falls Einverständnis vorliegt, soll für jedes Haus eine individuelle Lösung gefunden werden.“

Ungewiss ist indes noch, woher das Geld zum Anheben der Häuser kommen soll. Klar ist bis jetzt nur, dass die finanzielle Belastung erheblich niedriger ausfallen dürfte als mit dem Bau des Deiches, der ohnehin nicht kommt. Für den wären nach neuesten Schätzungen Baukosten in Höhe von über sieben Millionen Euro fällig. Das wäre pro Brockwitzer Haus ein Aufwand von etwa 300 000 Euro, die aus öffentlichen Mitteln fließen würden.

„Mit der Hebetechnik kostet das pro Haus nur 100 000 Euro“, so Lier. „Das ist doch eine gute Alternative. Damit würde Wohnen in diesem Hochwassergebiete wieder erträglich.“