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Coswiger Tafel obdachlos

Das Gebäude an der Salzstraße wird abgerissen. Die Tafel gibt der Stadt die Schuld, dass sie jetzt schließen muss.

In der ehemaligen Küche der Kita werden die gespendeten Lebensmittel gelagert. Christa Lehmann und 18 Ehrenamtliche verteilen diese immer montags, mittwochs und freitags an Bedürftige wie Hans-Jürgen Hänßgen.
In der ehemaligen Küche der Kita werden die gespendeten Lebensmittel gelagert. Christa Lehmann und 18 Ehrenamtliche verteilen diese immer montags, mittwochs und freitags an Bedürftige wie Hans-Jürgen Hänßgen. © Arvid Müller

Coswig. Freitags ist immer am meisten los. Geduldig warten die Männer und Frauen am Eingang, bis sie aufgerufen werden. Während zwei Frauen die Waren über den Tisch reichen, sortieren drei im Hintergrund den Inhalt der Kisten, die von zwei weiteren von den Supermärkten abgeholt worden sind. Ein paar Minuten später sind die Plastiktüten der Tafel-Kunden mit Brot, Obst, Gemüse und Joghurt prall gefüllt. Drei Euro kostet so ein Wocheneinkauf für einen Erwachsenen.

Etwa 150 Coswiger – vereinzelt auch Weinböhlaer und Moritzburger – kommen jede Woche zur Ausgabestelle Coswig der Meißner Tafel in der Salzstraße. Darunter mehr als 30 Kinder. Ein Aushang informiert seit ein paar Tagen darüber, dass es hier bald keine Lebensmittel mehr gibt. Die letzte Ausgabe erfolge dann am 25. September.

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Denn das Gebäude wird abgerissen. Auf dem Grundstück will die Stadt eine Kita mit 100 Plätzen errichten. „Dafür haben wir Verständnis“, sagt Ursula Gleisberg vom Vereinsvorstand. Kein Verständnis habe sie aber dafür, dass die Stadt der Tafel keine anderen Räume anbietet. 

Zwei Briefe habe sie an die Stadtverwaltung geschrieben und auf keinen eine Antwort erhalten. Sie weiß, dass die Stadt nicht verpflichtet ist, zu helfen. „Nossen, Lommatzsch und Meißen unterstützen uns. Nur Coswig sperrt sich. Wenn sie meinen, sie brauchen uns nicht, dann soll es so sein“, sagt Ursula Gleisberg trotzig, die mit ihren 85 Jahren keine Lust habe, noch irgendwo betteln zu gehen.

Oberbürgermeister Frank Neupold (parteilos) ist verwundert über solche Aussagen. „Wir hatten immer Kontakt zur Tafel. Zweimal haben wir uns getroffen.“ Wenn die Menge der Lebensmittelspenden mal zu gering war, sei er zu den Supermärkten gegangen und habe versucht, zu vermitteln. 

„Wir haben uns immer gekümmert“, so Neupold. Und er verspricht, dass er das auch weiterhin tun wird. Allerdings richtet sich dieses Versprechen nicht an die Meißner Tafel, sondern an den Stadtrat und an die Bürger, die auf die Tafel angewiesen sind.

Seit 1998 versorgt die Meißner Tafel auch Coswiger, seit 2006 an der Salzstraße. Die Bürger liegen ihr sehr am Herzen, sagt Ursula Gleisberg. Wenn die Ausgabestelle in Coswig geschlossen ist, könnten die Leute gern nach Meißen kommen. „Da steht unsere Tür weiterhin offen.“ 

Christa Lehmann, die Leiterin der Coswiger Außenstelle, ist sich nicht sicher, ob die Menschen so weit fahren würden, sich die Fahrtkosten leisten können. Geld spielt auch bei der Suche nach einer neuen Unterkunft für die Tafel eine große Rolle. Eine hohe Miete kann der Verein nicht zahlen. Die Einnahmen durch die Lebensmittel gehen für die Nebenkosten, Sprit und Autoreparaturen drauf. Miete zahlt die Tafel in Coswig derzeit laut OB Neupold an der Salzstraße nicht. Und sogar die Nebenkosten seien gefördert. 

Ein paar Ideen, wie das Problem gelöst werden könnte, habe er schon, sagt Neupold. Gespräche habe es zum Beispiel mit der Radebeuler Tafel gegeben, wo ebenfalls eine räumliche Veränderung ansteht. Ob die Coswiger ihre Lebensmittel in Zukunft in der Nachbarstadt holen müssen oder es zwei Ausgabestellen gibt, steht noch nicht fest. 

Eine weitere Idee wäre, die Ausgabe in Containern unterzubringen. Zur Verfügung stehen die, die der SV Motor Sörnewitz nun nicht mehr braucht, seit das neue Vereinshaus steht. „Aber dafür bräuchten wir noch einen Standort“, so Neupold. Und er will einen anderen Betreiber finden. 

Neben der Radebeuler Tafel habe man deshalb auch Kontakt zur AWO aufgenommen. Ein paar Monate müssen die Betroffenen also eventuell ohne Tafel in Coswig auskommen. Neupold versteht die Sorgen, die da manche wegen der Fahrtkosten haben. Er will versuchen, die Angelegenheit noch in seiner Amtszeit zu klären. Ende des Jahres verabschiedet sich der OB in den Ruhestand.

Anfang 2020 wird das Gebäude an der Salzstraße voraussichtlich abgerissen. „Wir brauchen den Standort, weil er der einzige ist, auf dem wir sofort bauen dürfen“, so Neupold. Das Haus ist jedoch zu alt, mit Asbest belastet und die Raumaufteilung passt nicht. Deshalb muss ein Neubau für die 100 Kita- und Krippenkinder her. 

Schon zu DDR-Zeiten war in dem Haus eine Kita untergebracht, später wurde dort zeitweise unterrichtet. Haus und Grundstück befinden sich im Eigentum der Stadt. Aus diesem Grund entschied man sich für dieses Areal, auf dem neben der Tafel auch noch die Musikschule und ein Modellbahnverein untergebracht sind.

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