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Ein Tag in der Coswiger Walzen-Gießerei

Dem bekannten Metall-Unternehmen fehlt es nicht an Ideen, aber an Auszubildenden.

Tom Hegewald, Auszubildender zum Gießereimechaniker, bereitet in der Produktionshalle einen Sandkern vor, der später einmal einem Maschinengehäuse die Form geben wird.
Tom Hegewald, Auszubildender zum Gießereimechaniker, bereitet in der Produktionshalle einen Sandkern vor, der später einmal einem Maschinengehäuse die Form geben wird. © Arvid Müller

Coswig. Es sieht aus wie ein überdimensionaler Topf, der da an einem mächtigen Haken hängt. Ein Mann in einer silbern glänzenden Jacke dreht an einem Rad am Topf. Er hat einen hochklappbaren Gesichtsschutz auf, wie er jetzt oft zu sehen ist. Aber das hier ist nicht Corona - das ist flüssiges Eisen, etwa 1.300 Grad heiß. Langsam neigt sich der Topf nach vorn und in einem wahren Funkengewitter ergießt sich das Metall in einen Trichter. 

Für Tom Hegewald ist das Alltag. Er steht vor einem gewaltigen schwarzen Block und fährt vorsichtig mit einem langen Quader über die Oberfläche. Der Block ist aus pechschwarzem Sand und wird später einmal seine Form an flüssiges Eisen abgeben. Und Tom Hegewald schlichtet, das heißt, dass er feinste Unebenheiten an der Oberfläche beseitigt. Und irgendwann wird das Ganze einmal das Gehäuse für ein Getriebe sein.  

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Die Schmelze wird für den Guß vorbereitet, indem ein kleines Stück Holz hineingegeben wird. Dadurch entsteht eine heftige Reaktion im flüssigen Eisen, sodass unerwünschte Beimengungen aufgewirbelt werden und entweichen.
Die Schmelze wird für den Guß vorbereitet, indem ein kleines Stück Holz hineingegeben wird. Dadurch entsteht eine heftige Reaktion im flüssigen Eisen, sodass unerwünschte Beimengungen aufgewirbelt werden und entweichen. © Arvid Müller

In der großen Halle ist es laut, weil Metall auf Metall trifft. Es ist warm, weil in übereinander gestapelten Stahlrahmen Eisenguss auskühlt, und unter der Decke schnurren Laufkatzen - fahrbare Kräne - an langen Trägern entlang. Das ist noch richtige Arbeit, kein Geklimpere auf der Computertastatur, geht es einem unwillkürlich durch den Kopf. Und wirklich: "Die Arbeit macht Spaß, wenn man kein Problem damit hat, schmutzig zu werden und hart zuzupacken", sagt Tom Hegewald. Er ist im zweiten Lehrjahr Auszubildender als Gießereimechaniker bei der Walzengießerei Coswig GmbH - bei der Walze, wie die Einheimischen sagen.

Männer wie Tom Hegewald fehlen der Walze. Was für ein Unterschied: Der Bund startete in der vergangenen Woche das Programm "Ausbildungsplätze sichern" im Umfang von mehr als 500 Millionen Euro. Das Geld fließt an Unternehmen, die weiterhin so viel ausbilden wie in den drei Vorjahren, sie erhalten nach der Probezeit 2.000 Euro für jeden abgeschlossenen Ausbildungsvertrag. Betriebe, die mehr Azubis als in den drei Vorjahren ausbilden, erhalten 3.000 Euro. Betriebe, die Azubis eines insolventen Betriebes übernehmen und weiter ausbilden, erhalten 3.000 Euro Prämie für jeden Vertrag - um nur drei Punkte zu nennen.  

Flammen züngeln aus den Rahmen, in die der Eisenguss eben eingefüllt worden ist. Weil dabei Gase entstehen, die Druck erzeugen, werden die einzelnen Rahmen verklammert.
Flammen züngeln aus den Rahmen, in die der Eisenguss eben eingefüllt worden ist. Weil dabei Gase entstehen, die Druck erzeugen, werden die einzelnen Rahmen verklammert. © Arvid Müller

"Es gibt in unserer Branche einen allgemeinen Fachkräftemangel, aber für die Gießerei trifft das in besonderem Maße zu, weil man dort nach der Arbeit duschen gehen muss und körperlich gefordert ist", sagt Marco Hensel, der nicht nur Prokurist bei der Walzengießerei ist und für den Einkauf zuständig, sondern auch fürs Personal. Derzeit zählt das Unternehmen rund 250 Mitarbeiter, darunter 15 Auszubildende. Gebraucht werden auch vier bis fünf Auszubildende als Gießereimechaniker. 

Marco Hensel sagt, was das Unternehmen braucht: "Wir nehmen auch junge Leute mit nicht so guten Noten, als Gießereimechaniker kommt es vor allem auf Tugenden wie Zuverlässigkeit an. Wir bezahlen mehr als die meisten Handwerksbetriebe", erklärt er. Und er nennt noch einen weiteren Vorteil: Die zuständige Berufsschule in Freital könne vieles Praktische, worauf es in dem Beruf ankommt, nicht anbieten, sodass "wir sehr viel hier im Betrieb ausbilden". Er sei seit 2008 in der Walze, so Marco Hensel, "seitdem haben wir 90, vielleicht auch 95 Prozent der Azubis übernommen". Überhaupt gebe es in der Mitarbeiterschaft eine sehr geringe Fluktuation. 

Stillleben mit Gesichtsschutz und Schutzjacke. Beides wird von den Arbeitern in der Gießerei getragen, wenn das etwa 1.300 Grad heiße Metall in die Formen gegossen wird. Insgesamt 40.000 Tonnen Eisenguss im Jahr werden in der Walze Coswig produziert.
Stillleben mit Gesichtsschutz und Schutzjacke. Beides wird von den Arbeitern in der Gießerei getragen, wenn das etwa 1.300 Grad heiße Metall in die Formen gegossen wird. Insgesamt 40.000 Tonnen Eisenguss im Jahr werden in der Walze Coswig produziert. © Arvid Müller

Was die Corona-Zeit betrifft, muss das Unternehmen teilweise auf Kurzarbeit setzen, und die gebe es bis heute. Schon vor der Krise sei das Geschäft mit Bauteilen für die Windkraftindustrie massiv eingebrochen, erklärt der Prokurist. "Wir kommen immer mehr auf unser Kerngeschäft zurück - nämlich Walzen für die Industrie herzustellen." Da gebe es nicht mehr allzu viele Betriebe in Deutschland und außerhalb, weshalb ihm nicht bange um Aufträge sei. Bis Jahresende seien die Auftragsbücher im Walzenguss gut gefüllt, erklärt er. 

Azubi Tom Hegewald, nach dem Reiz der Arbeit gefragt, sagt: "Was wir machen, das kann nicht durch Maschinen erledigt werden, das wird noch lange Zeit von Hand gemacht werden müssen." Was auf den ersten Blick wie aus der Zeit gefallen scheint, begründet auf den zweiten den Erfolg des Unternehmens. Im Motto der Walze liest sich das so: "Zukunft aus einem Guss."

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