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Crystal Meth: „Wir haben nichts gemerkt“

Mit 19 Jahren beginnt ein junger Mann, Drogen zu nehmen. Mit tragischen Folgen für ihn und seine Familie.

Petra Höpfner liest in Roßwein aus ihrem Buch „Zwölf Monate bis zur Endlichkeit“. In dem berichtet sie über den Drogenkonsum ihres Sohnes und die Folgen.
Petra Höpfner liest in Roßwein aus ihrem Buch „Zwölf Monate bis zur Endlichkeit“. In dem berichtet sie über den Drogenkonsum ihres Sohnes und die Folgen. © Lars Halbauer

Von Dagmar Doms-Berger

Sie zerfrisst Leib und Seele, sie verändert die Persönlichkeit. Wer ihr nicht entkommt, dem bringt sie den Tod – die Rede ist von Crystal Meth, der Superdroge mit unglaublicher Anziehungskraft und mörderischer Wirkung.

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Als Petra Höpfner im Frühling 2012 ein Tütchen der Droge bei ihrem Sohn Patric findet, war er bereits seit fünf Jahren abhängig. Ein Jahr später nimmt er sich das Leben. Über das letzte Jahr ihres Sohnes und über den gemeinsamen Kampf gegen die Droge hat Petra Höpfner ein Buch geschrieben: „Zwölf Monate bis zur Endlichkeit“.

Verarbeitet hat sie darin auch seine Gedanken aus seinem Tagebuch, dass er in seinen letzten Lebensmonaten führte. Am Freitag las sie im Roßweiner Rathaus und stellte sich anschließend der Gesprächsrunde. Franziska Riedel vom Bürgerhaus Roßwein, das den Abend gemeinsam mit dem Flexiblen Jugendmanagement des Landkreises Mittelsachsen und dem Jugendhaus Roßwein organisiert hatte, moderierte.

Hoffnung und Unsicherheit

Patric Höpfner wuchs in einem kleinen Ort bei Reichenbach im Vogtland auf. Scheinbar ganz normal. Er absolvierte die Oberschule, machte eine Ausbildung zum Dachdecker, arbeitete, zog mit seiner Freundin Karolin zusammen. Mit 19 kam er mit Crystal Meth in Kontakt. Petra Höpfner wird später erfahren, dass er eine Phase hatte, in der er sich schlapp und lustlos fühlte. Das war der Anstoß für ihn, Drogen zu nehmen. Sein Einstieg begann mit Cannabis. „Wir haben nichts gemerkt, sagt Petra Höpfner.

Als ihr Sohn sich dann von seiner Freundin trennte und wieder zu Hause einzog, merkte sie erst, wie er sich verändert hatte. Er trank viel Alkohol, war trotz seiner Nachtaktivitäten niemals müde und wurde immer unnahbarer. Der Zugang zu ihm wurde schwieriger. Ansprechen konnte sie nicht, was mit ihm los ist. Dass er Drogen nehmen könnte, darauf kam sie nicht. „Wir wohnen auf dem Dorf“, erzählt sie. Das Thema Drogen hatte sie in die Großstadt verortet, weit weg. Erst als sie ein Tütchen Crystal Meth in seiner Hosentasche fand, wurde ihr klar, was mit ihm los ist. Das war im April 2012.

Petra Höpfner holte sich Rat von der Suchtberatung. Für viele sei der Weg dorthin schwierig, weiß sie heute. Für sie war es nicht so, und sie kann jedem Angehörigen von Süchtigen diesen Schritt empfehlen. Dort sagte man ihr, dass Patric nicht dem typischen Drogenabhängigen entspricht. Denn er ging noch zur Arbeit, verdiente Geld, so dass er seine Drogen bezahlen konnte, hatte noch seine Fahrerlaubnis. Das machte ihr Mut. Sie schöpfte Hoffnung, dass ihr Sohn es schaffen kann.

Es folgten Monate voller Zuversicht und Niedergeschlagenheit. Nach einem körperlichen Zusammenbruch bei der Arbeit, hatte sich Patric freiwillig zur Entgiftung in eine Klinik einweisen lassen. Es dauerte nicht lange und er brach die Therapie wieder ab. „Der schnelle Stimmungswechsel ist markant für Drogenabhängige“, erläutert Petra Höpfner. Heute weiß sie, dass Rückfälle bei der Suchtbewältigung dazu gehören.

In der Suchtberatung konfrontierte man sie mit dem Thema „Loslassen“. Das sei ganz schwierig für sie gewesen. „Welche Mutter lässt ihr Kind mit dem Problem allein?“ Auch das Thema der Scham spielte eine Rolle. Fremden mitzuteilen, dass ihr Sohn drogenabhängig ist, kam für sie nicht infrage. Sie offenbarte sich nur nahen Freunden. Ohne Hilfe lieber Mitmenschen hätte sie das alles aber nicht verarbeiten können.

Zunehmende Depressionen

Im August 2012 bezog Patric wieder eine eigene Wohnung, zu dem Zeitpunkt war er seit einem halben Monat clean. Er hatte eine neue Freundin, motivierte sich und trainierte für einen sportlichen Wettkampf. Obwohl er Fortschritte und Erfolge für sich verbuchen konnte, quälte ihn aber weiterhin die fehlende Selbstmotivation. In seinem Kopf ging es drunter und drüber. Er kam nicht zur Ruhe. Widersprüche, Freude, Selbstzweifel, Wut, Verachtung – seine Depressionen nahmen zu.

Er arbeitete noch bis Dezember, dann ließ er sich einweisen. Er konnte nicht mehr. Er kam aus seiner Negativstimmung nicht mehr heraus. Er kämpfte nun an zwei Fronten: zum einen gegen den Suchtdruck, der Versuchung, rückfällig zu werden, zum anderen gegen die Depression, eine Folge des jahrelangen Crystal-Konsums.

Am 25. Mai 2013 nahm sich Patric das Leben. Er wusste nicht mehr weiter, sprang von der Göltzschtalbrücke in den Tod. Für die Mutter bleibt die quälende Frage: Warum hat es Patric nicht geschafft? „In der Polizeistatistik wird sein Tod unter Suizid geführt“, sagt Petra Höpfner. Für sie gehöre er zu den Drogentoten. Bei der von ihr beauftragten Obduktion ihres Sohnes seien Amphetamine in seinem Körper nachgewiesen worden.

"Er konnte sich nicht retten."

Der Tod ihres Sohnes war für Petra Höpfner der Auslöser, in der Suchtprävention zu arbeiten. „Er konnte sich nicht retten. Aber vielleicht können seine Aufzeichnungen anderen helfen.“ Sie hat in Reichenbach eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von suchtkranken Menschen gegründet. Außerdem ist sie seit vier Jahren an vielen Schulen unterwegs, in denen sie immer auf interessierte Schüler stieß.

Unter den 30 Zuhörern in Roßwein saßen nicht nur interessierte Jugendliche und Eltern, auch Angehörige von Drogenabhängigen hörten Petra Höpfner zu. So berichtete eine Mutter in der offenen Gesprächsrunde über ihren erwachsenen Sohn und seinen Psychosen aufgrund des Drogenkonsums, darüber, dass er nicht allein sein könne, über ihre Ängste und der Verzweiflung darüber, keine ärztliche Betreuung für ihren Sohn zu finden.

Die Droge

Crystal sieht aus und fühlt sich an wie Eiskristalle oder kleine Glassplitter. Die Kristalle sind meist milchig-weiß, können aber beliebig eingefärbt sein, zum Beispiel rosa oder blau.

Manchmal wird Crystal auch in feiner, pulvriger Form, seltener in Tabletten- oder Kapselform angeboten.

Ob Ice, Crystal Speed, Piko, Tic, Meth oder Crystal alle meinen den selben Stoff Methamphetamin.

Die Droge bewirkt, dass mehr Neurotransmitter ausgeschüttet werden. Folge: Aktivierung des Nervensystems, Steigerung der Herzfrequenz. Die Augen weiten sich. Konsumenten werden euphorisch und spüren eine Leichtigkeit. Das Selbstvertrauen wächst.

Nebenwirkungen: keine Müdigkeit oder Hunger, sie schlafen, essen und trinken nicht. Schmerzen werden unterdrückt. Langfristig: Schlafstörungen, Depressionen, Wahnvorstellungen, Abmagern, trockene Haut, Karies und Zahnausfall. (ddb/suchtinfo.Sachsen.de)

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