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Da blüht nicht mal die Hoffnung

Lukas Rietzschel schreibt einen Roman über Frust und Zorn in der sächsischen Provinz: das Buch der Stunde.

© Thomas Kretschel

Von Karin Großmann

Dieses ganze System ist am Arsch. Es braucht mal wieder einen richtigen Krieg. Dumme Menschen und Ausländer pflanzten sich schneller fort als normale und überhaupt Deutsche. – Solche Sprüche gibt es sonst nur bei eifernden Rechtsradikalen, bei Pegida oder am Stammtisch. Nun also auch in der Literatur. Wer ist der Autor, der diese Sprüche in einen Roman holt? Und warum gibt es dort nicht eine einzige Figur, die für das Wahre, Schöne und Gute streitet?

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Wäre es nach der Tradition gegangen, hätte Lukas Rietzschel nach der zehnten Klasse einen Job in der Kamenzer Fahnenfabrik gelernt, hätte beim Dorffest ein hübsches Mädchen gefunden und hätte vielleicht auf ein Häusel gespart. Ein Buchregal wäre dort nicht nötig gewesen, denn die Bedienungsanleitung der Heckenschere hätte überall Platz gefunden.

Nun kommt es anders. Er hat seinen ersten Roman verfasst. Es ist das Buch zur Stunde. Hier wird erzählt, warum viele Leute vor allem in der Provinz die Nase voll haben vom Staat. Namhafte Verlage bewarben sich um das Manuskript. Zuletzt, sagt Rietzschel, schwankte er zwischen Hanser und Ullstein. Um diese Chance würden ihn viele Schreiber beneiden. Er gab Ullstein und dem neuen Verlagschef den Vorzug, das hat auch mit Sympathie und Vertrauen zu tun. Außerdem ist er in diesem Haus, das zum schwedischen Medienkonzern Bonnier gehört, nicht einer von vielen Debütanten. Er ist der Spitzenmann im Programm. Der Verlag schlägt die ganz große Trommel und feiert den Autor als „den jüngsten Meistererzähler aus Sachsen“.

Lukas Rietzschel, dunkle Augen und dunkles Haar, Brille und Bärtchen, ist 24 und wirkt eher versonnen als laut. Mal ähnelt er Philipp und mal Tobias in seinem Roman. Die Brüder wachsen in einem Dorf in der Lausitz auf. Dieses Neschwitz in den Jahren zwischen 2000 und 2015 ist nicht das konkrete Neschwitz mit Schloss und Park, es soll als Teil fürs Ganze stehen nach dem Wendeherbst. Da blüht nicht einmal mehr die Hoffnung. „Keine Sparkasse mehr, kein Bäcker, keine Apotheke, kein Arzt“, die Schüler sind täglich stundenlang mit dem Bus unterwegs. „Alles geht vor die Hunde“, sagt einer. „Und dann will ich auf alles einschlagen, mit der Faust, bis alles blutet.“

Die bedrohlichen Sprüche werden zur Tat, die dann Untat heißt. Es hätte nicht viel gefehlt, sagt Lukas Rietzschel, und er wäre bei solchen Aktionen dabei gewesen. „Irgendwann bin ich abgebogen.“

Was muss passieren, dass einer beim Dorffest Ausländer anrempelt oder der muslimischen Familie frisches Schweinefleisch vor die Haustür kippt? Und warum spielt einer da nicht mehr mit? Der Roman ist ein Versuch, genau das herauszufinden.

Lukas Rietzschel spricht ohne Zögern und ohne Kalkül, man hört ihm die Lausitzer Herkunft nicht an. Seine Lebensstationen heißen Räckelwitz, Kamenz, Demitz-Thumitz. In Görlitz will er bleiben, in der Stadt, die so viel Tristesse hat und so viel Potenzial, und beides, sagt Rietzschel, kann er verstehen. „Ich weiß, wo hier der Schuh drückt. Ich komme aus der sächsischen Provinz, aus der unteren Mittelschicht, und das wird mich immer prägen.“ Er erzählt, wie der Vater nach der Schule zum Fachabitur riet, denn da würde er später mal mehr verdienen. Damit ist der Sohn noch nicht fertig. Daran grübelt er noch herum. Eltern wollen eine bessere Zukunft für ihre Kinder und riskieren damit die Entfremdung.

Der Autor hat den Roman seinem Bruder Elias gewidmet. Der wollte es gar nicht glauben, dass die Widmung nicht nur in seinem Exemplar steht, sondern in jedem Buch.

Hochgeschossen von null auf hundert. Das macht den „Meistererzähler“ spürbar beklommen. Einmal nennt er sich im Gespräch einen Hochstapler und Verräter angesichts seiner Herkunft. „Warum habe ich mir erlaubt, mehr zu wollen? Das war für mich nicht vorgesehen.“ Nun fühlt er sich fremd dort, wo er herkommt, und dort, wo er gelandet ist, im hochliterarisch möblierten Gelände. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie es funktioniert.

Rietzschel studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Kassel. Doch das, was er sein Erweckungserlebnis nennt, erfuhr er mit 16. Eine verrückte Geschichte. Er erzählt, wie die erste Liebe zu Bruch ging und er verzweifelt durchs Internet trieb, bis er auf eine Empfehlung gegen Liebeskummer stieß: „Anna Karenina“. Danach las er von Tolstoi gleich noch „Krieg und Frieden“ und dann die modernen Amerikaner. Das war ein ordentlicher Schritt für einen, der die Hamburger Lesehefte im Unterricht am liebsten unter den Stuhl legte, um besser kippeln zu können. Mit Autoren wie Faulkner, Salinger und Truman Capote im Rücken begann Lukas Rietzschel zu schreiben. „Literatur lehrt, sich in andere hineinzuversetzen. Sie lehrt Mitgefühl.“

Journalistisch hatte er sich bereits ausprobiert. Als Praktikant in der Kamenzer Lokalredaktion der SZ berichtete er über Bioladen, Jugendklub und Volleyballmeisterschaft. „Mich hat schon immer interessiert, wie die Leute in ihrem Alltag klarkommen.“ Einen Tag pro Woche arbeitet er in der Suppenküche und einen Tag im Görlitzer Stadtmuseum. Er engagiert sich für Soziokultur und protestierte mit gegen das Neonazi-Festival im April in Ostritz.

Im Roman erzählt er auch von der Elterngeneration, die 1989 aus der Bahn gekippt wurde. Die Väter trifft es besonders. Sie verlieren mit der Arbeit zugleich das Ansehen in der Familie. Die Mittfünfziger tun sich schwer mit einem neuen Anfang. Einer wird als Stasizuträger verdächtigt und ausgegrenzt. Einer macht sich selbstständig und verkauft Energie-Riegel, deren Restbestände der Sohn essen muss. Einer verwahrlost, weil die Ehefrau ihrer Arbeit in den Westen folgte. „Wie können solche Väter ihren Kindern helfen, in Bewerbungsgesprächen zu brillieren?“, fragt Lukas Rietzschel. „Die neue Hartz-IV-Generation wächst längst nach.“

Seine Romanfiguren wursteln sich durch und scheitern häufig brachial. Der Vater von Tobias und Philipp findet zwar nach der Umschulung eine Arbeit als Elektriker und baut mit der Familie am Ortsrand ein Haus. Doch als er in der neuen Nachbarin eine alte Jugendliebe entdeckt, geht er weg. Alles zerfällt.

Rietzschel erzählt, wie sich aus individuellen Verlusten und gesellschaftlichen Brüchen ein brisanter Sprengstoff entwickelt. Er will zeigen, was ist. Und weil er in der Realität keine Hoffnungszeichen sieht, gibt es sie auch im Roman nicht. Niemand fällt den Zündlern ins Wort. Keiner opponiert gegen die Behauptung: „Offene Grenzen versprochen, und jetzt kommt nur noch Dreck ins Land.“

Eine milieugetreue Sprache gehört zur Wahrhaftigkeit. „Literatur muss wehtun, für einfache Lösungen ist sie nicht zuständig“, sagt der Autor. Er transportiert Parolen voll Hass und Verachtung – auch auf die Gefahr hin, den falschen Beifall zu kriegen. „Das Risiko gehe ich ein.“ Es wäre ihm verlogen vorgekommen, sagt Lukas Rietzschel, wenn er etwa einen netten Deutschlehrer als Korrektiv eingebaut hätte. Auch dem netten Lehrer hätten wohl die Argumente gefehlt angesichts von Abriss, Leerstand und öder Tagebaulandschaft. „Für Griechenland war Geld da gewesen und für unnötige Umgehungsstraßen, Schnellstraßen, damit niemand mehr durch die traurigen Orte fahren musste.“ So heißt es im Roman, und so erklärt es der Autor im Gespräch. „Die kleineren Orte lebten oft von einer einzigen Firma. Dort hat der Opa gearbeitet, der Vater, der Sohn. Die Mutter war im Betriebskindergarten und die Schwester in der Kantine – da fiel mit dem Aus der Firma nicht nur das Einkommen weg, sondern auch der gemeinsame Gesprächsraum, der Platz, mit dem man sich über Generationen hinweg identifizierte.“

Mit diesem Unbehagen ist Lukas Rietzschel ganz bei seinen Figuren. „Sie dachten, ein starker Staat habe die DDR zu Fall gebracht, und sahen nun, dass dieser Staat nichts auf die Reihe bekam.“ Er ahnt, warum es damals kaum Widerstand gab. „Die Leute waren mit Überleben beschäftigt. Die DDR hatte keine soziale Unterschicht, nun waren sie plötzlich dort gelandet.“ Weil sie die Schuldigen nicht dingfest machen können, entlädt sich der Zorn gegen andere. Im Roman richtet er sich zunächst gegen Sorben. „Da war auch viel sozialer Neid dabei, weil sie in ihrer Gemeinschaft einen Halt haben und ihr Selbstbewusstsein verteidigen“, sagt Lukas Rietzschel. „Als Schüler fühlte man sich ausgegrenzt, wenn sie beieinanderstanden. Man kam in ihre Partys nicht rein, und dabei hatten doch die sorbischen Mädchen die größten Brüste. Na ja, so hieß es zumindest in Kamenz.“

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Im Roman richtet sich der Zorn später auch gegen Flüchtlinge. Erst da, als es radikal und brutal wird, geht Lukas Rietzschel als Autor auf Distanz. Sein Literaturagent hatte das Manuskript just einen Tag nach der Bundestagswahl herumgeschickt, als alle nach Ursachen für den Zulauf zur AfD suchten. Rietzschel liefert einige frappierende Antworten. Anfang September ist Buchpremiere in Görlitz. Der Titel: „Mit der Faust in die Welt schlagen“.