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Da hilft auch kein Optimismus mehr

Die FDP zieht höchstwahrscheinlich nicht in den Landtag ein. Für "Macher" Zastrow könnte das Ergebnis das Aus bedeuten. 

Ist mit der FDP in Sachsen vorerst gescheitert: Spitzenkandidat Holger Zastrow.
Ist mit der FDP in Sachsen vorerst gescheitert: Spitzenkandidat Holger Zastrow. © Ralph Koehler/propicture

17.30 Uhr, Sonntagabend. Vor dem Dresdner Kongresszentrum haben sich einige Grüppchen sächsischer Liberaler zusammengefunden. Zigarettenrauch liegt in der Luft, vom Dach plätschert der Regen.

"Ich denke, wir kommen knapp rein", sagt Viola Martin-Mönnich, die FDP-Ortsverbandvorsitzende im Dresdner Westen. Zuversicht auch innen. Zwar sind die weißen Stehtische im Saal noch alle leer, doch auf der Tribüne hat sich der Bundestagsabgeordnete Jürgen Martens eingefunden.

Charlotte Meentzen
Pioniergeist und Weitblick in Naturkosmetik vereint
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Für Hautbedürfnisse gilt dasselbe wie für Beziehungen oder Arbeitssituationen: Die richtige Balance sorgt für langfristiges Wohlbefinden. Charlotte Meentzen hat schon damals verstanden, dass schöne Haut am erfolgreichsten zusammen mit dem Geist gepflegt wird.

Er trinkt Pils und scherzt, die Stimmung gleicht einem Abendkongress unter Start-Up-Unternehmern, viele Jungliberale sind gekommen, Sneaker und lockere Sakkos beherrschen das Bild. 

Dann wird der Saal urplötzlich doch noch voll. Zwei Minuten bis zur ersten Hochrechnung, alle Teilnehmer starren gebannt auf den Bildschirm. Dann der erste Schock. Die AfD liegt bei 27 Prozent, fassungslose Gesichter. Die weitere Zahlen schwirren vorbei, der gelbe Balken bleibt ganz unten stehen. "Die AfD, äh die FDP kommt auf 4,8 Prozent und würde nicht in den Landtag einziehen."

"Die Großstädte kommen noch"

Empörtes Raunen, die Emotionen aber bleiben aus, die Gesichter der Versammelten wirken seltsam neutral, so als hätte hier nicht gerade die entscheidendste Wahl des Jahres stattgefunden.

Monatelang hatte die FDP aus der außerparlamentarischen Opposition heraus Wahlkampf betrieben, die Umfragewerte bescheinigten ihr, wie schon in Bayern, dass es wieder klappen könnte.

Noch vor drei Tagen stand Parteichef Christian Lindner in der gut gefüllten Dresdner Ballsportarena. Die Motivation war da, der Wählerwille nicht.

Torsten Herbst, Landesliste Platz Zwei, muss den Medien kurz nach der Hochrechnung Rede und Antwort stehen. Holger Zastrow ist nirgendwo zu sehen, die Partei trauert zunächst ohne ihren "Macher". Beschwichtigungsversuche. "Noch ist es viel zu früh für eine Prognose", sagt Herbst. Die Großstädte kämen ja noch.

Zuerst aber kommt Zastrow, 20 Minuten zu spät steht er plötzlich auf der Tribüne, schaut kritisch, die Arme verschränkt. Auch in Brandenburg reicht es wahrscheinlich nicht, sagt der MDR auf dem Bildschirm.

"Ich stand im Stau", sagt Zastrow. Dann plötzlich eine neue Hochrechnung, nur noch 4,7 Prozent für seine Partei. Stille im Saal, es ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt, um zu sprechen.

Auf der letzten Rille

Fast unbemerkt steht er trotzdem kurz später auf der Bühne. Ärmel hochgekrempelt, läuft nach links und rechts, wie als würde er erklären, warum das neue Apple-Produkt nicht bei den Nutzern ankommt wie erhofft.

"Wir müssen realistisch sein", sagt er mit verkniffenem Gesicht. "Der Trend geht vermutlich eher nach unten. Aber die Hoffnung, diese Resthoffnung, die behalten wir. Die Großstädte kommen ja noch."

Dann wagt sich Zastrow an die Analyse: Die Leute hätten CDU gewählt, um die AfD zu verhindern, sagt er. Die wirkliche Alternative sei die FDP, aber nun sei genau die Partei weiter an der Macht, die für alles das verantwortlich sei, was in Sachsen schief gelaufen sei.

Dann bedankt sich der Wahlgastronom lange bei seinen jungen Wahlhelfern. "Ich fahr auf der letzten Rille", sagt er. "Gut, dass ihr noch jung seid, ihr müsst in der Zukunft noch viele Wahlkämpfe machen."

Die One-Man-Show der FDP in Sachsen ist vorbei

Zastrow ist sichtlich müde, nicht ganz so müde wie Michael Kretschmer, aber der feiert heute ja auch seinen Triumph. Der Werbeagenturinhaber hingegen gilt in Teilen seiner Partei als eher rauher Zeitgenosse, öfter wurde Kritik an seinem "autoritären Führungsstil" laut, manche hielten ihn für zu konservativ, zu rechts.

Doch bisher konnte der 50-Jährige vor allem mit seinem öffentlichkeitswirksamen Charme und guter Rhetorik punkten. "Dann macht's doch selber", soll er zu Parteifreunden gesagt haben, nachdem die FDP 2014 aus dem Landtag und aus der Regierungsverantwortung flog.

Doch offensichtlich fehlte ihnen der Mut, den Mann, der die Partei seit 20 Jahren als Landesvorsitzender durch alle Höhen und Tiefen geführt hat, zu stürzen.

Heute Nacht oder in den kommenden Tagen könnte die Ära Zastrow endgültig zu Ende gehen. Im Wahlkampf hatte er gegen alle ausgeteilt, radikale Opposition, Grüne und Linke waren für ihn ebenso Populisten wie die AfD, nur mit der CDU hielt er sich ein Fenster offen.

Nun muss er einstecken, mal wieder. Doch die liberale Agenda besagt schließlich, Scheitern gehöre zum Berufsweg dazu. 

Ob Zastrow nochmal politisch aufersteht, bleibt abzuwarten. Wie die Liberalen in Sachsen wieder Fuß fassen wollen auch. Eins aber ist klar: Die One-Man-Show ist vorbei.  Draußen vor dem Kongresszentrum steht ein gelber Bus an der Haltestelle. Zastrow lächelt milde über zwei Decks. In seinem Wahlkreis 54, Bautzen Drei, erhält er 13, 5 Prozent aller Direktstimmen. Es hat aufgehört zu regnen.

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