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Leben und Stil

In Dresden kommt was ins Rollen

Die US-Firma Lime startet in Dresden den ersten Verleih von Elektrorollern in Sachsen. Manager Jashar Seyfi erklärt, wie er die Mobilität in der Stadt verändern will.

Jashar Seyfi (35) ist gebürtiger Kölner und seit Montag Deutschland-Chef des US-
Mobilitätsanbieters Lime. Jetzt verleiht seine Firma E-Scooter in Sachsen.
Jashar Seyfi (35) ist gebürtiger Kölner und seit Montag Deutschland-Chef des US- Mobilitätsanbieters Lime. Jetzt verleiht seine Firma E-Scooter in Sachsen. © Ronald Bonß

Elektrotretroller erobern die deutschen Städte. Nun ist auch Sachsen dran: Als erster Anbieter startet heute der kalifornische Mobilitätsdienstleister Lime einen Scooter-Verleih in Dresden. Konkurrenten wie Tier oder Circ dürften bald folgen. Die SZ sprach mit Lime-Manager Jashar über die neue Art der Fortbewegung.

Herr Seyfi, was genau planen Sie für Sachsen?

Wir helfen Händlern in Chemnitz
Wir helfen Händlern in Chemnitz

Corona ist bedrohlich. Für die Gesundheit, aber auch für Händler und Gewerbetreibende vor Ort. Hier können Sie helfen – und haben selbst etwas davon.

Wir beginnen zunächst mit einer kleineren Flotte von Leih-Scootern in Dresden. Kleiner heißt: wenige Hundert Fahrzeuge. Wenn es gut läuft und die Auslastung stimmt, werden wir vergrößern.

Wie weit?

Die Stadt Dresden hat uns für die verschiedenen Nutzungsgebiete bestimmte Obergrenzen vorgegeben, die wir nicht überschreiten werden.

An wie vielen Standorten?

Von Standorten kann man nicht sprechen. Wir definieren ein Geschäftsgebiet, von dem wir denken, dass es gut ausreicht, um die meisten Fahrten abzudecken. Es wird einige Quadratkilometer umfassen und damit von Beginn an ausreichend groß sein, damit die Leute sich Schritt für Schritt an den neuen Service gewöhnen. Generell müssen Nutzer 18 Jahre alt sein und bestimmte Verhaltensregeln befolgen.

In Berlin hat sich gezeigt, dass die Hauptzielgruppe Touristen sind und nicht Berufspendler...

Ich halte das für eine Momentaufnahme, die mehreren Kriterien geschuldet ist. Es fängt damit an, dass wir mit kleinen Flotten in Innenstädten starten. Dort ist der Touristenanteil größer als in Außenbezirken. Dazu kommt, dass im Sommer viele Berufstätige verreist sind. Wir gehen nach wie vor davon aus, dass E-Scooter sehr wohl ihren Beitrag dazu leisten werden, wesentlicher Bestandteil urbaner Mobilität zu werden. Natürlich wird niemand nur noch Scooter fahren – das ist nicht unser Ziel.

Wann werden Sie in andere sächsische Städte expandieren?

Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Bevor ich zu Lime kam, war ich für Mobilitätsdienstleister tätig, unter anderem im Car-Sharing. Da gab es öfter Anfragen von sächsischen Städten, ob wir nicht bei ihnen starten könnten. Das Problem war immer, dass ein solcher Service bestimmte Anforderungen erfüllen muss, damit er profitabel betrieben werden kann. Beim Car-Sharing liegt die Messlatte etwas höher als beim Scooter-Sharing. Was ich damit sagen will: Ich bin optimistisch, dass wir in vielen Städten an den Start gehen können. In erster Linie geht es darum, eine gute Kooperationsvereinbarung hinzubekommen. Wir wollen dort sein, wo eine Stadt versteht, was wir machen, und wo wir Unterstützung für unser Vorhaben erfahren. Worum es nicht geht, ist, überall die Ersten zu sein.

In Leipzig sind die Gespräche mit der Stadt noch nicht so weit gediehen?

Genau.

Und Chemnitz? Dort hat es noch nicht mal eine unverbindliche Anfrage eines Verleihers gegeben.

Dass noch keine Gespräche mit Chemnitz stattgefunden haben, heißt nicht, dass wir pauschal kein Interesse an dieser Stadt hätten. Wir sind ja erst seit einem Monat in Deutschland aktiv und müssen Schritt für Schritt vorgehen. Lime ist jetzt weltweit in über 100 Städten vertreten. Ich persönlich denke, dass Deutschland das Potenzial hat, zu einem der größten und wichtigsten Märkte für Mikromobilität aufzusteigen.

Welche Spezifikationen haben die Roller, die Sie verleihen?

Lime stellt eigene Scooter her. Wir sind also in der Lage, sie so zu konstruieren, dass sie im Sharing-Betrieb gut funktionieren. In Deutschland ist das Höchsttempo der elektrischen Tretroller auf 20 km/h limitiert. Sie wiegen 15 Kilo, die Reichweite pro Akkuladung liegt bei etwa 50 Kilometern. Zur Ausstattung gehören unter anderem noch zwei Bremsen, Reflektoren, Licht und eine Versicherungsplakette. Jede Fahrt ist haftpflichtversichert.

Was kostet das Ausleihen?

In Dresden starten wir mit einem Euro für das einmalige Freischalten des Scooters per App. Dazu kommen 20 Cent pro Fahrtminute. Womit wir uns im Schnitt im Preisrahmen einer Bus- oder Straßenbahn-Fahrkarte bewegen.

Welche Distanz legt ein Leihroller-Fahrer im Schnitt zurück?

Dazu haben wir noch keine belastbaren Daten vorliegen.

Wie wollen Sie verhindern, dass Roller irgendwo achtlos abgestellt werden oder kaputt liegen bleiben?

Wir haben Teams rekrutiert, die jeden Tag patrouillieren und prüfen, ob die Fahrzeuge ordnungsgemäß abgestellt sind. Wenn nicht, parken sie sie um. Zum anderen werden unsere Crews Leute aktiv ansprechen, die sich nicht an unsere Regeln halten – etwa zu zweit auf einem Scooter fahren oder den Bürgersteig benutzen.

In Deutschland hat die geplante Zulassung der E-Tretroller auf Gehwegen auch zu Sicherheitsbedenken geführt.
In Deutschland hat die geplante Zulassung der E-Tretroller auf Gehwegen auch zu Sicherheitsbedenken geführt. © Eric Lalmand/BELGA/dpa

Sind diese Crews auch für das Laden der Scooter-Akkus zuständig?

Nein. Das machen die Juicer. Das sind Mitarbeiter, die die Fahrzeuge abholen und in ein zentrales Lager bringen, um dort die Akkus aufzuladen. Danach verteilen sie sie wieder in der Stadt. Darüber hinaus wollen wir aber auch Gewerbetreibende und Kleinunternehmer ermutigen, uns als Juicer zu unterstützen und Scooter bei sich zu Hause zu laden. Damit können sie einen Nebenverdienst erzielen.

Wenn dann Leute mit einem Dieseltransporter durch die Stadt fahren, um Roller einzusammeln, ist das aber nicht im Sinne des Erfinders, oder?

Ich finde es berechtigt, darauf hinzuweisen. Wenn man aber wie wir mit einem völlig neuen Konzept und neuer Technologie an den Start geht, dann ist es schwierig, vom ersten Tag an perfekt zu sein. Unser Anspruch ist, emissionsfrei entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu arbeiten. Es ist eine Frage der Zeit, bis wir unsere eigenen E-Transporter einsetzen werden.

Es gibt mehrere Wünsche der Dresdner Stadtverwaltung, die die Leih-Scooter-Nutzung betreffen – etwa ein 6-km/h-Tempolimit für bestimmte Areale und „rote Zonen“, in denen keine Roller abgestellt werden sollen. Diese Vorgaben wollen Sie alle einhalten?

Was die roten Zonen betrifft: absolut. Das pflegen wir so ins System ein, dann können Personen ihren Scooter dort nicht mehr abstellen, also die Miete nicht beenden. Beim Tempolimit ist es komplizierter: Technisch umsetzbar wäre es, rechtlich ist es nicht final geklärt. Die Frage ist, ob man derart in den Straßenverkehr eingreifen darf. Das ist ja so, als würden Sie ein Auto fahren, das dann plötzlich, ohne dass Sie es wollen, von selbst bremst. Solange hier keine juristische Klarheit herrscht, werden wir diese Tempolimits nicht umsetzen.

Halten Sie das Dresdner Fahrradwege- und Straßennetz für geeignet für elektrische Tretroller?

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Ich würde behaupten, in keiner deutschen Stadt ist die Infrastruktur für Fahrrad- und Scooterfahrer perfekt. Trotzdem muss man irgendwann anfangen, Veränderungen anzustoßen. Seit ich in Berlin lebe, habe ich schon viel Positives wahrgenommen – etwa die Verbreiterung von Radspuren oder die Umwidmung von öffentlichen Parkplätzen zu Abstellflächen für Fahrräder. Es ist in unserem Interesse, jede Stadt bei dieser Mobilitätswende zu unterstützen.

Das Gespräch führte Andreas Rentsch.

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