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„Da muss sich jetzt keiner wundern“

In Großdubrau fährt die AfD mit 42,4 Prozent ihr bestes Ergebnis im Landkreis Bautzen ein. Eine Wahl mit Ansage?

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

Grußdubrau. Der Brunnen am alten Marktplatz plätschert leise vor sich hin. Fröhliche Kinderstimmen dringen vom Spielplatz der Kita herüber. Irgendwo in der Nähe kräht ein Hahn. Dorfidylle, wie man sie sich vorstellt. Großdubrau im Oberlausitzer Heide- und Teichland: 20 Ortsteile, reichlich 4 000 Einwohner, schön sanierte Häuser, steuerzahlende Unternehmen, Schule, Kindertagesstätten, Hausärzte, Einkaufsmöglichkeiten, sogar eine Post.

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© Grafik: Gernot Grunwald

Beinahe jeder zweite hat hier am Sonntag die AfD gewählt. Und das ist für Bürgermeister Lutz Mörbe nicht mal eine Überraschung. „Da muss sich jetzt keiner wundern“, sagt der 46-Jährige ganz ohne Umschweife. Er hätte sich auch über 50 Prozent und mehr nicht gewundert. Mörbe, parteilos, ist einer, der redet mit den Leuten, einer, der ihnen zuhört. „Das haben die anderen verpasst“, sagt er. Die etablierten Politiker in ihrer Ignoranz hätten gar kein Ohr mehr gehabt für die Sorgen der Menschen hier im ländlichen Raum. Sie hätten sie einfach nicht hören wollen.

Wahlergebnis ist die Quittung

Und es gibt so vieles, was den Leuten in Großdubrau und den anderen 19 Ortsteilen auf der Seele brennt: Die Flüchtlingspolitik, vor der sie sich fürchten, die Rentenpolitik, von der sie nicht wissen, was ihnen mal bleibt, die Leuchtturmpolitik, von der sie sich abgehangen fühlen, die Sicherheitspolitik, die ihnen fehlt, die Europapolitik, die ihnen niemand richtig erklärt.

Das Wahlergebnis ist jetzt ganz einfach die Quittung, sagt der Bürgermeister. Das habe sich hier schon lange angedeutet. Man hätte nur richtig hinhören müssen. Und er hätte seine Amtskollegen im Landkreis auch schon lange gewarnt. Wie er selber gewählt hat, das sagt Lutz Mörbe nicht. Das geht niemanden etwas an, findet er.

Andere im Ort sind da offener und nehmen auch gar nicht erst ein Blatt vor den Mund. „Die AfD, wen denn sonst“, sagen die beiden Frauen, die gerade am Brunnen auf dem Marktplatz vorbeikommen. „Wegen der Ausländer“, erklärt auch gleich die ältere, die 49 Jahre alt und ohne Arbeit ist.

„Wie soll denn das gehen mit der Intergration?“

Großdubrau selbst hat gar keine Ausländer. Als im großen Flüchtlingsansturm 2015/16 dringend Unterkünfte gesucht wurden und der Landkreis im Ortsteil Zschillichau eine passende Immobilie gefunden hatte, lehnte die Gemeinde den Verkauf geschlossen ab. „Wir haben die Einwohner gefragt – das ist Demokratie“, erklärt der Bürgermeister. Und trotzdem macht die Entwicklung den beiden Frauen Angst. „Wie soll denn das gehen mit der Integration? Das geht überhaupt nicht“, sagt die jüngere, 37 Jahre, Arbeit im Familienbetrieb. „Das müssen die doch endlich mal zugeben in Berlin.“

Der Gasthof „Zur Sonne“ gegenüber vom Marktplatz bröckelt vor sich hin. Längst gibt es hier keinen Gasthof, keine Fleischerei und keine Lichtspiele mehr, wie die alten Schriften an der Hauswand noch verkünden. Eine Jungunternehmerin verkauft in der ehemaligen Fleischerei jetzt jeden Donnerstag Wild. Wild gibt es aber auch nicht mehr viel in den Wäldern um Großdubrau. Dafür Wölfe, die sich schon am helllichten Tag bis in die Orte wagen. Ein Wolf hätte mal in seiner Einfahrt gestanden, erzählt ein Einwohner. Und dass die zwei großen Schafzüchter hier inzwischen aufgegeben haben. „Es kann doch nicht sein, dass sich die Menschen einschränken müssen, weil jetzt hier Wölfe leben“, sagt der Mann. Auch das trägt bei zum Frust über die etablierte Politik.

Der Frust ist groß

Und es trägt zum Frust bei, dass hier außer dem Schülerverkehr so gut wie keine Busse mehr fahren. Oder dass jedes Sanierungsvorhaben im Ort immer eine Geldfrage ist. Oder dass die Leute im Ortsteil Sdier seit 20 Jahren darauf warten, dass endlich die Bundesstraße 156 saniert wird. Drei Planfeststellungsverfahren hat es inzwischen gegeben – und nichts, aber auch gar nichts ist passiert. „Wir wollen die Straße und nicht die Frösche“, sagt der Mann. „Aber uns fragt ja niemand.“

Ein 60-jähriger AfD-Wähler erzählt, dass er EU-Rentner ist und gar nicht leben könnte ohne das Einkommen seiner Frau. „Es kann doch nicht sein, dass jemand 40 Jahre lang arbeitet, und dann als Rentner Flaschen sammeln muss. Das darf es doch nicht geben in Deutschland“, findet er. Deswegen hat er die AfD gewählt, einfach aus Protest. Die Frau ohne Arbeit stimmt ihm zu. Auch sie sei eine Protestwählerin, wie viele andere hier im Ort. „Warum können sich die Flüchtlinge auf so vielen Sozialleistungen ausruhen?“, fragt sie. „Oder warum kriegt eine Altenpflegerin bei uns so wenig Geld?“ Das wird man doch mal fragen dürfen, sagt sie. Das hat doch nichts mit rechts zu tun.

Ob die AfD es aber nun richten kann in Berlin? Die Frau zuckt mit den Schultern. Dann hat sie es eilig.