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„Da will ich wieder hin“

Dynamo-Stürmer Pascal Testroet trainiert wieder mit der Mannschaft – im Interview mit der SZ spricht er über die Zeit nach seinem Kreuzbandriss.

© Robert Michael

Pascal Testroet, wie geht es Ihnen?

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Wenn es in den Innenstädten nach gebrannten Mandeln riecht, die Tage kürzer und die Abende länger werden, dann steht die Weihnachtszeit vor der Tür.

Sehr gut. Ich bin glücklich, dass ich vorige Woche den Test bestanden habe und ins Training einsteigen konnte. Auch der Trainer hat mich direkt losgelassen, gleich mit Zweikämpfen.

Wie fühlt es sich an?

Vorher habe ich noch gedacht: Wie wird es sein, wenn du wieder einen Gegner im Rücken hast? Aber als der Ball dabei war, war das kein Thema mehr.

Die Heilung verlief optimal. Gab es trotzdem Momente des Zweifels?

Natürlich dachte ich manchmal: Das kann doch nicht sein. Als ich nach der Operation zum ersten Mal mein Bein heben sollte und es nicht hingekriegt habe. Oder als ich den Ball nur gerade zurückpassen sollte, und er ist rechts oder links an unserem Physio Tobias Lange vorbeigeflogen. Da war ich schon der Verzweiflung nahe. Aber Tobi hat das überragend gemacht, hat mich schrittweise herangeführt. Es gab keinen Punkt, an dem es nicht vorwärtsging.

Wie motiviert Tobias Lange?

Er ist ein Vorbild. Im Kraftbereich hat er alles mitgemacht und nicht, um mich zu demütigen, sondern mir zu zeigen: Hey, das geht! Vielleicht gab es Tage, an denen er mehr geplant hatte, als wir gemacht haben, weil er merkte: Okay, jetzt ist bei Paco langsam die Luft raus. Aber er hat es mir nie so gezeigt: Jetzt müssen wir abbrechen. Im Gegenteil. Super, das reicht mir für heute. Wenn es schwierig war, hat er mir das Gefühl gegeben: Das ist normal. Das hat mir unheimlich gutgetan.

Sind sie auch mal aneinandergerasselt?

Nein, kein einziges Mal. Tobi wollte, dass ich fit werde, und nicht mein bester Freund sein. Es wäre ja einfacher gewesen, mal lockerer zu machen. Aber er hat es durchgezogen: Die Spitze muss kommen, die ist medizinisch sinnvoll. Das war ein super Zusammenspiel. Er war der Kopf, ich hatte das Herz. Ich hatte keine Erfahrungen mit so einer schweren Verletzung, deshalb musste und konnte ich mich zu 100 Prozent auf ihn verlassen. Ich war ehrlich, habe gesagt, wie es mir geht. Aber ich bin willensstark, hatte dieses Ziel vor Augen.

Haben Sie auch die Szene noch im Kopf, als Sie am ersten Spieltag mit dem Duisburger Torwart Mark Flekken zusammengeprallt sind?

Ich habe sie mir anfangs mal angeschaut, aber: Ich spiele seit 23 Jahren Fußball, war ich weiß nicht wie viele tausende Male in einer solchen Situation. Und dieses eine Mal ist es wirklich dumm gelaufen, in dieser Millisekunde kam so viel zusammen: Ich bin mit den Stollen im Rasen hängengeblieben, Flekken hat den Ball nicht getroffen, dadurch meine Schulter. Das war eine bittere Szene, aber das ist meine Position. Ich muss wieder in den Fünfmeterraum.

Können Sie das ausblenden?

Ja, ich bin von Tag eins an reingegangen. Wie viel Pech sollte man haben, dass es noch mal passiert? Wir haben alles dafür getan, dass mein Knie stabil ist, in den Tests ist das linke zum Teil sogar besser. Deshalb mache ich mir keine Gedanken.

Was hat Sie bei Ihrem Kampf um das Comeback angetrieben?

Als ich nach der Operation aufgewacht bin, hatte ich direkt mein erstes Zweitliga-Tor gegen Nürnberg und den Jubel vor Augen. Ich habe mir öfter Videos angeschaut, wie ich meine Tore geschossen, wie wir gejubelt haben. Das ist es, was mich antreibt. Da will ich wieder hin, und da komme ich wieder hin.

Wie haben Sie – als Außenstehender – das Auf und Ab in dieser Saison erlebt?

Ich habe so viele Nerven verloren, das ist schlimmer, als wenn man auf dem Platz steht. Trotzdem bin ich extrem stolz auf die Jungs. Wir hatten zwei Jahre nur Erfolg. Da ist es einfach, als Team zusammenzustehen, alles super, alle verstehen sich gut. Beim Anstoß in Düsseldorf waren wir Vorletzter, haben beim Tabellenführer gespielt. Unter dem Druck so ein Spiel abzuliefern und 3:1 zu gewinnen, das war schon beeindruckend.

Gehört ein Verletzter wirklich dazu?

Die Jungs haben es mir immer wieder gezeigt. Man hat nicht an mir vorbei geredet, sondern meine Meinung war gefragt.

Sind Sie enttäuscht, dass Sie gegen Ihren Ex-Verein Arminia Bielefeld noch nicht zum Kader gehören?

Nein, ich habe natürlich noch jede Menge Nachholbedarf. Nach der Verletzung hatte ich natürlich geguckt: Wow, in sechs Monaten und einer Woche ist dieses Spiel. Aber es muss sinnvoll ablaufen. Ich bin so glücklich, wieder gesund zu sein.

Wenn der Trainer Sie gefragt hätte …

Ich würde immer sagen, dass ich kann. Der Trainer kennt mich, er weiß, was richtig ist. Irgendwann kommt der Moment.

Wie sehen Sie die Konkurrenz für den Platz in der Sturmspitze?

Das ist normal. Wir vier Stürmer unterscheiden uns extrem in der Spielweise. Die Jungs machen das gut. Ich habe mit ihnen als Fan mitgefiebert und jedem jedes Tor von Herzen gegönnt, damit wir die Spiele gewinnen. Dass wir letztlich auch Konkurrenten sind, ist gerade noch null in meinem Kopf. Ich bin froh, dass ich wieder mit ihnen rausgehen kann zum Training. Irgendwann wird der Moment kommen, in dem ich wieder dabei sein kann. Darauf freue ich mich unfassbar.

Sie sind im März Papa geworden, wie wichtig war die Familie in der schwierigen Zeit für Sie?

Wie mich meine Frau unterstützt, das ist Wahnsinn. Am Anfang, als ich unfähig war, etwas zu machen, hatte sie de facto zwei Babys zu betreuen. Emilia war noch sehr klein, und ich konnte zwar auf Krücken zum Kühlschrank laufen, aber wie hätte ich etwas transportieren sollen.

Haben Sie zu Hause auch mal durchgehangen?

Nach meinem ersten Training am Donnerstag hat mir meine Frau eine Nachricht geschrieben, dass sie stolz auf mich ist, weil ich in den sechs Monaten zu Hause nie schlechte Laune hatte oder mich meinem Schicksal ergeben habe. Die Verletzung war Mist, aber ich hatte auch eine große Aufgabe: Ich durfte Vater sein.

Das Gespräch führte Sven Geisler.