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Dä Infaulenzsche abwenden

Der Tagesablauf läuft wie immer. Dennoch bangen viele um ihre Zukunft. Teil 21 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Sebastian Gollnow/dpa/SZ

Am Morgen kommt der Klavierstimmer. Bin überrascht, denn den Termin hatte ich vergessen. Das Piano kaufte ich 1988 als Student für 300 DDR-Mark. Dreißig Monate stotterte ich jeweils zehn Mark ab. „R. Hanf“ steht auf dem Holz über der Klaviatur, die Marke eines 1919 gegründeten Unternehmens, das bis heute existiert. Er werde die Saiten nicht zu hoch ziehen, sagt der Klavierstimmer, denn der Stimmstock sei teilweise gerissen. Für Hausmusik aber würde das Instrument taugen. Mehr muss es nicht sein. Als er die Klaviatur abnimmt, um darunter den Staub abzusaugen, findet er einen Pfennig von 1981, auf der Rückseite Hammer, Zirkel und Ährenkranz.

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Meine Tochter freut sich später über die gute Stimmung und spielt spontan Walzer Nr. 2 aus der Jazzsuite von Schostakowitsch. Meine Kinder lernten auf dem Piano das Spielen. Ich wage mich nur gelegentlich an die Tasten und auch nur, wenn keiner in der Wohnung ist. Den anderen mute ich meine Improvisationen nicht zu. Aber es beruhigt mich, Melodien zu erfinden und vor mich hin zu sinnieren. Wir stoßen später gemeinsam auf das Klavier an, denn es feiert immerhin seinen 100. Geburtstag.

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Die Beständigkeit der Dinge erkenne ich ebenfalls an einer alten Taschenuhr, die ich von der Reparatur abholen will, aber der Laden hat geschlossen. Meine Tochter brachte mir den Zeitmesser aus Argentinien mit, wo sie ihn auf einem Markt erstand. Mit deutschen Soldaten gelangte die Taschenuhr vermutlich im Ersten Weltkrieg nach Lateinamerika. Jedenfalls erfahre ich das von der Uhrmacherin, wo der Zeitmesser seit Wochen liegt. Es handle sich um einen Vorläufer der Marke Omega, gegründet 1848. Es beruhigt mich, dass Langlebigkeit weiterhin als Wert gilt. Oft genug produzieren Firmen heute Waren und bauen Chips ein, um deren Funktion zeitlich zu begrenzen.

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In meinem Mailfach landen nach dem Aufruf zum Einsenden von sächsischen Wörtern massenhaft Vokabeln. Erika Heymann etwa schlägt „belämmerd“ und „gägsch“ vor, um den Gemütszustand der Sächsinnen und Sachsen zu beschreiben. Die sehen aber auch „hiefrich“ und „mau“ aus, fühlen sich „malad“, „mang“ oder „miesebedrisch“. Sylvia Kirsch erinnert mit ihrem Vorschlag an das Wort „libberlabsch“, das ihre Mutter aus Neukirch sagte, um ihre Abgeschlagenheit bei einem sich anbahnenden Infekt auszudrücken. Elke Münnich schlägt als Bezeichnung für den sächsischen Mundschutz „Schnudenkladsche“ vor. Vielleicht, so denke ich, sollten wir demnächst statt des Semperopernballs einen Maskenball vor der Oper im Freien veranstalten. Meine Nachbarin sagte kürzlich zu mir: „Se müssn ma was offwendn und innewändsch was anwendn, damid Se dä Infaulenzsche abwendn.“ Das werde ich wohl machen, aber vor allem freue ich mich auf weitere sächsische Vokabeln.

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Eine Bekannte aus dem Erzgebirge ruft am Nachmittag an und erzählt, dass sie ihre alte Nähmaschine aus dem Keller geholt habe, um sich und ihrer Tochter einen Mundschutz zu nähen. Die alte „Singer“ stamme noch von ihrer Großmutter. Unten muss die Näherin auf einem Metallrost die Füße wippen, um einen Riemen anzutreiben, der oben die Nadel in Gang setzt. Der Keilriemen aus Leder sei aber porös gewesen und nach kurzer Zeit gerissen. Also sei sie auf den Boden gekrochen, um die Nähmaschine ihrer Mutter runterzuholen. Die „Veritas“ sei verdammt schwer, weil sie sich auf einem Tisch befinde, wo sie eingeklappt werden könne. Als sie den Elektro-Motor anstellte, sei der gelaufen wie damals, als die Mutter ihr ein Kleid zur Jugendweihe genäht habe.

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Mein Tagesablauf ist inzwischen so strukturiert, wie er vor Corona nie war. Nach dem Frühstück arbeite ich am Schreibtisch, lese und beantworte Mails, recherchiere im Internet und telefoniere, dann beginne ich, die Kolumne zu schreiben. Es folgt das Mittagessen. Danach schreibe ich weiter, auch Texte für andere Zeitungen und Magazine sowie den MDR, ich lese Texte ein. Am Nachmittag versuche ich, an der frischen Luft zu laufen, dann nochmal Arbeit bis 19 Uhr. Danach gemeinsames Singen, Abendbrot und später mit der Familie den Abend verbringen. Ich empfinde das als angenehm, die Zeit mit meinen Kindern, die ja eigentlich in anderen Städten leben. Ja, ich habe Glück, mache mir aber Sorgen, denn das ist ein Ausnahmezustand. Im Theater in Pirna ruht alles, wir bangen um die Zukunft.

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

Peter Ufer liest aus dem „Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“:

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