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„Dafür würde meine Mutter mich schlagen“

Ein Gespräch über Hitze, Kälte und Energiesparen mit Axel Viehweger, Ex-Minister und Verbands-Chef der sächsischen Wohnungsgenossenschaften.

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© Sven Ellger

Dresden. Der ehemalige Minister empfängt ohne Jackett. Zwar steht sein Ventilator neben den dunkelbraunen Büromöbeln noch still, aber allmählich staut sich die Wärme im Chefbüro des Verbandes Sächsischer Wohnungsgenossenschaften. Eine Klimaanlage gibt es nicht bei Axel Viehweger, der seine Doktorarbeit über Fernwärme-Havarien schrieb, 1985 Stadtrat für Energiefragen in Dresden wurde und 1990 für die FDP als Bauminister ins Kabinett Lothar de Maizières eintrat. Lobbyist für die Wohnungswirtschaft wurde Viehweger 2001. Von seiner Verbandszentrale am Bahnhof Dresden-Neustadt aus fährt er immer gern zu Terminen, bei denen es Neues aus der Energiewirtschaft gibt. Aufregen kann er sich, wenn jemand dicke Wanddämmungen verlangt – und damit steigende Mieten.

Herr Viehweger, lassen Sie uns über den nächsten Winter sprechen.

Gerne, es ist gerade ziemlich warm.

In wenigen Monaten werden Heizkosten und Strompreise wieder steigen. Müssten Sie nicht jetzt alle Wohnungsgenossenschaften aufrufen, Wände zu dämmen und neue Fenster zu kaufen?

Wir haben ja schon viel saniert und damit seit der Wende den Energiebedarf in unseren Genossenschaftswohnungen um rund 40 Prozent verringert. Es sind kaum noch unsanierte Wohnungen dabei.

Das klingt gut, reicht aber längst nicht für die Energiewende mit ihren großen Einspar-Zielen. Gerade beim Heizen wird weiterhin viel verschwendet ...

Deswegen ist Wärmedämmung ja auch notwendig – aber nicht gleich 21 Zentimeter dick, wie es in manchen Richtlinien für Neubauten steht. Solche Regeln mit großen Zahlen sind Tonnen-Ideologie, das hatten wir ja schon mal. Das nützt nur der Baustoff-Industrie. Das ganze feuerfeste Dämm-Material muss übrigens in ein paar Jahrzehnten wieder ersetzt werden und ist dann auch noch Sondermüll.

Und wie sieht es mit Dreifachverglasung aus?

Die Fenster-Lobby ist auch sehr erfolgreich. Wir brauchen aber nicht überall Drei- und Vierfachgläser, das kostet viel und bringt eher wenig. Den größten Spareffekt bringt eine neue Heizung. Oft verbrauchen die Pumpen zu viel Strom. Die meisten Heizungen sind vor rund 15 Jahren modernisiert worden und bald wieder fällig. Also muss in vielen Orten jetzt entschieden werden: neue Heizungen für die nächsten 15 Jahre oder doch lieber gleich ein regionales Energiekonzept.

Wieso noch mehr Konzepte und nicht einfach neueste Technik?

Es muss nicht jeder einen eigenen Heizkessel haben. Kohle, Gas und Öl sind nicht unbegrenzt vorhanden und werden teurer. In großen Städten lohnen sich Fernwärmenetze, in vielen kleinen Orten ist ein anderer Weg besser: gemeinsame Energie-Erzeugung. Damit kann eine ländliche Gemeinde sich so gut wie unabhängig von teuren Brennstoffen machen.

Machen Wohnungsgenossenschaften bei solchen Plänen mit?

In Lohmen in der Sächsischen Schweiz gibt es ein energetisches Quartierskonzept – nicht für den ganzen Ort, aber für 180 Wohnungen, die Schule, die Gemeindeverwaltung und zwei Mehrfamilienhäuser. Sie wollen gemeinsam Strom aus dem Wasserkraftwerk der Gemeinde nutzen, dazu Solaranlagen auf einen Teil der Dächer montieren und ein Blockheizkraftwerk in die Schule stellen. In anderen Orten wird es statt Wasserkraft vielleicht Windkraft oder Geothermie geben – man muss es nur rechtzeitig und gemeinsam planen.

Wieso gibt es bisher kaum Solaranlagen auf Genossenschaftswohnungen?

Wir dürfen den Strom aus Solaranlagen nicht verkaufen wie andere – sonst müssen wir Gewerbesteuer zahlen, und dann gleich für die ganze Genossenschaft.

Diese Regel müsste sich doch ändern lassen, wenn es mit der Energiewende ernst gemeint ist.

Leider nicht, darüber wird seit Jahren vergeblich gesprochen. Auch die geplanten Solaranlagen in Lohmen sollen nur Strom für den Eigenverbrauch liefern.

Wollen Sie auch dem Vorbild von Passivhäusern und energieautarken Häusern folgen?

Da gibt es schicke Lösungen für Einfamilienhäuser, aber die sind teuer. Ich muss an Mieter denken, die im sächsischen Durchschnitt 4,55 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter bezahlen, in Dresden 4,70 Euro. Das gilt für sanierte Genossenschaftswohnungen. Jeder neue Sanierungsschritt kostet Geld. Daran denken leider Abgeordnete oft nicht bei ihren Entscheidungen, denn sie wohnen oft in Einfamilienhäusern.

Trotzdem könnten Sie sich doch einige Tricks abgucken, auch wenn die bisher nur für kleine Häuser üblich sind.

Ich bin viel unterwegs und schaue mir Neuentwicklungen gerne an. Aber manches davon möchte ich unseren Mietern nicht zumuten, zum Beispiel Passivhäuser mit automatischer Belüftung. Da soll der Mieter möglichst kein Fenster mehr öffnen. Oder es werden 19 Grad Zimmertemperatur im Winter in die Berechnung einbezogen – das ist zu wenig. Auch für 20 Grad würde meine Mutter mich schlagen.

Werden denn nun rasch die letzten unsanierten Wohnungen auf den neuesten Stand gebracht?

Wirklich unsaniert sind noch 3,4 Prozent unserer Genossenschaftswohnungen. Einige werden noch abgerissen. Ich muss aber auch einige Wohnungen für die ganz Armen anbieten können, die sich nur 3,50 Euro Miete leisten können.

Die verschwenden dann aber Energie durch ihre dünnen Wände.

Ja, für sie bezahlt das Amt die Energierechnung. Das Geld kommt aus einem anderen Topf, also gibt es da leider keinen Anreiz zum Sparen. Insgesamt sind wir in Sachsen aber ziemlich vorneweg bei der energetischen Sanierung.

Wenn Genossenschaften ihren Strom zunehmend selbst erzeugen, verstärken sie ein Problem der Energiewende: Solar- und Windstrom fließen nicht ständig, also können sie konventionelle Kraftwerke nicht ersetzen.

Doch, wenn es gute Speicher für den Strom gibt. Es muss doch möglich sein, Energie aus Sonne und Wind einige Tage zu speichern. Autobatterien halten doch auch lange. Ich vermute, dass gute Speicherlösungen schon erfunden sind, aber zurückgehalten werden. Die großen Energieversorger haben kein Interesse daran.

Immerhin kommen immer mehr Elektroautos auf den Markt, deren Batterien einen Teil der Stromproduktion aufnehmen könnten. Aber wo bleiben die Steckdosen vor Ihren Häusern?

Wenn die Mitglieder in den Genossenschaften bei der Versammlung solche Steckdosen wünschen, dann werden die kommen. Noch ist das kein Thema. Aber nach Elektrofahrrädern wird zunehmend gefragt und nach abschließbaren Carports für elektrische Fahrhilfen für ältere Menschen.

Wird in ein paar Jahren auch eine Klimaanlage zum Standard einer Genossenschaftswohnung gehören?

Da muss es wohl noch ein paar Grad heißer werden, bisher jedenfalls spüre ich keine Nachfrage. Wir schauen uns aber Projekte in Norddeutschland an, bei denen Eisspeicher eingebaut werden. Und ein lokales Fernwärmenetz kann auch genutzt werden, um Kälte zu übertragen.

Das Gespräch führte Georg Moeritz.