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Damit das Dreiländereck grüner wird

Ein EU-Projekt untersucht, wie mehr Natur in der Region gelingen kann. Auf Straßen verzichten soll dabei niemand.

© www.foto-sampedro.de

Von Irmela Hennig

Zittau. Ein paar Pflanzenkübel, einige kleine Bäumchen, die sich ihren Platz zwischen Kopfsteinpflasterwürfeln erkämpfen müssen. Ein bisschen Löwenzahn an den Grundmauern der alten Häuser. So richtig grün ist es nicht auf dem Zittauer Marktplatz oder vorm Salzhaus in der Altstadt. Aber es gibt ja den Grünen Ring, der den historischen Stadtkern umschließt. Mit meterhohen und jetzt üppig belaubten Bäumen, mit gerade verblühendem Rhododendron, mit Hecken, in denen Vögel zwitschern, mit Büschen, Rasen und kleinen Insektenschwärmen in den frühen Abendstunden.

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Aber geht da noch mehr in Sachen „Grüner Infrastruktur“? Und wenn ja, wie? Das zu prüfen ist Anliegen eines Projekts mit dem Namen „Magic Landscapes“, zu Deutsch „Magische Landschaften“. Finanziert mit 2,2 Millionen Euro durch die Europäische Union wird dabei in neun ausgewählten europäischen Regionen untersucht, wie grün sie wirklich sind, was verbessert und ausgebaut werden könnte und welchen Nutzen, welche Leistung die Pflanzen, Tiere, Wasserstraßen für den Menschen erbringen. „Und das kostenlos“, sagt Anke Hahn. Sie arbeitet an der Technischen Universität Dresden (TU). Und sie kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit für jenes der neun Projekte, das dem Dreiländereck gewidmet ist. Beziehungsweise einem geografischen Ausschnitt der Region Oberlausitz-Niederschlesien-Nordböhmen. Auf deutscher Seite gehört das Gebiet von Zittau bis Ostritz dazu. Auf böhmischer Seite sind der Raum Liberec (Reichenberg) und der Ausläufer der Böhmischen Schweiz einbezogen, auf polnischer nur der kleine sogenannte Zittauer Zipfel.

Die Grundidee ist es, der „Grauen Infrastruktur“ aus Straßen, Parkplätzen, Häuserzeilen und Industrieanlagen etwas gegenüberzustellen. Und zwar zunächst in den ausgewählten Gebieten, zu denen neben dem Dreiländereck unter anderem das Riesengebirge, der Naturpark Dübener Heide, die Poebene im italienischen Piemont oder auch der Nationalpark Thayatal in Österreich gehören.

Bis jetzt wurde – anhand von Satellitenaufnahmen – ausgewertet, wie grün die Region wirklich ist. Zittauer Gebirge, Böhmische Schweiz – so schlecht dürfte es doch da gar nicht aussehen? „Scheinbar ist es hier schon sehr grün. Aber beispielsweise an der Neiße gibt es Stellen, für die das gar nicht zutrifft“, sagt Henriette John vom Leibnitz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden. Das Institut ist einer von zehn Partnern für „Magic Landscapes – Dreiländereck“. Henriette John kümmert sich im zweiten Schritt um die Sammlung von Daten. Welche Tier- und Pflanzenarten konkret hier zu finden sind, wird dabei nicht eigens untersucht. Dazu gebe es schon viele Daten.

Stattdessen schauen die Wissenschaftler, welche Leistung die Natur für die Menschen, die Städte und Dörfer bringt. „Lärmschutz, Staubfilterung, Hochwasserschutz, Freizeitangebot, Erholung. Eine Grünanlage in Hausnähe kann sich zudem positiv aufs Raumklima auswirken, sodass bei sommerlicher Hitze nicht künstlich gekühlt werden muss. Und dann ist die Natur auch immer Lebensraum für Tier- und Pflanzenarten.

In einem dritten Projektschritt wollen die Verantwortlichen mit den Einheimschen gemeinsam überlegen, wo und wie sich die „Grüne Infrastruktur“ verbessern lässt. Dabei rufen sie ausdrücklich dazu auf, sich mit Ideen und Anliegen an das Team zu wenden. Die Neiße ist ihnen dabei ein wichtiger Ort. Aber auch andere Naturräume – erste Ansatzpunkte gebe es schon. Mit dem regionalen Landschaftspflegeverband könne man beispielsweise etwas für den Schutz der Haselmaus tun. Der winzige Nager hat es nicht leicht, weil sein Lebensraum mit Büschen und kleinen Bäumen selten wird.

Geld, um konkrete Projekte zu finanzieren, hat das Team nicht. Doch es kann beraten und auch helfen, entsprechende Fördertöpfe zu finden. Was „Magic Landscapes“ nicht will und wird, betont Projektkoordinator Christopher Marrs von der TU Dresden. „Wir sollen und wollen die Landwirtschaft nicht ausbremsen. Aber wir würden zum Beispiel mit den Landwirten zusammen überlegen, wie sie mit Elementen wie Hecken, Blühstreifen oder Feldrainen ihre Agrarflächen strukturieren können.“ Auch um Korridore für Großwild von Wolf bis Bär gehe es nicht. Auf diese Befürchtungen sind die Projektverantwortlichen bei ersten Gesprächen schon gestoßen. Sie werden auch die Fertigstellung der Bundesstraße 178 nicht verhindern. Aber Tipps geben, wie man sie unter anderem mit Grünbrücken für die Tierwelt verträglicher gestalten kann.

Die Ziele des Gesamtprojektes, das bis Ende Juni 2020 läuft, sind: Bewusstsein für den Wert der „Grünen Infrastruktur“ stärken, Verbesserungen schaffen, wo das möglich und nötig ist, und Entscheidern in der Politik und den Behörden eine Informationsgrundlage zu bieten.

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Die Bevölkerung zum Mitmachen zu bewegen, das ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Etwas erschwert wird das dadurch, dass die Hauptinternetseite nur auf Englisch erscheint. Allerdings kann man über diese Seite auch Grundinfos auf Deutsch herunterladen. Zudem lässt sich ein deutschsprachiger Newsletter abonnieren.

www.interreg-central.eu/magiclandscapes