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Damit der Großinvestor kommen kann

Die SZ stellt eine Studie zu Kosten und Risiken für den Industriepark Großenhain vor. Ob die Fliegerei weg muss, sagt sie nicht.

Von Birgit Ulbricht

Der Stadt ist im Jahr 2010 abgeraten worden, die 230 Hektar große Nordfläche am Flugplatz vom Freistaat zu kaufen. Unternehmensberater Dr. Markus Vogel legte damals ein ausführliches Gutachten zu Kosten und Risiken vor. Sein Fazit: Das wird zu teuer für die Kommune und die Risiken sind unabschätzbar. Großenhain ließ daraufhin die Finger davon. Am 25. August 2010 hat der Stadtrat beschlossen, dass die Stadt die Fläche nicht erwirbt.

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Als die Sommerhitze zu Aufwerfungen auf der Landebahn führte, wurde der Flugbetrieb zeitweise eingestellt. Bald könnt es für immer Aus sein.Foto: Klaus-Dieter Brühl
Als die Sommerhitze zu Aufwerfungen auf der Landebahn führte, wurde der Flugbetrieb zeitweise eingestellt. Bald könnt es für immer Aus sein.Foto: Klaus-Dieter Brühl

Und noch eines ist interessant an der Studie: Die Frage, ob die Fliegerei auch mit Industrieansiedlung möglich ist, stand nie. „Das war nie unser Auftrag, das zu untersuchen“, so Dr. Vogel gestern zur SZ. Seine Aufgabe sei es gewesen, Kosten und Risiken für einen Industriepark abzuschätzen. Als Ausgangslage war der leere Flugplatz vorgegeben. Folgerichtig lautet die einzige Aussage zum Flugbetrieb, dass ein Erhalt des Verkehrslandeplatzes die bauliche Nutzung des Areals einschränken würde und daher nicht zu empfehlen sei. Mehr besagt das Gutachten in diesem Punkt nicht. Inzwischen ist es der Freistaat Sachsen, der seine Fläche selbst entwickeln will. Jetzt trägt er das Risiko. Die Zahlen und Fakten bleiben jedoch dieselben. Deshalb stellt die SZ die Studie von 2010 noch einmal vor.

Warum will der Freistaat Sachsen den Flugplatz jetzt nicht mehr verkaufen?

Es hat in den letzten Jahren einen deutlichen Sinneswandel beim Freistaat gegeben. Hintergrund ist die Konkurrenz unter den Bundesländern um Industrieansiedlungen. Vor allem bei Flächen ab 100 Hektar aufwärts hat Sachsen lange Zeit die Entwicklung verschlafen. Besonders die südlichen Industrieflächen in Sachsen-Anhalt machen Sachsen inzwischen heftig Konkurrenz. Diesem Aspekt widmet das Gutachten von Dr. Vogel ausdrücklich Raum. Dort wird sogar direkt der Vergleich zu Großenhain gesucht. Vor allem die sechs neuen Standorte, die auf internationale Investoren zielen, werden angesprochen. Im Vergleich zu Sachsen-Anhalt verfüge Großenhain selbst bei den Flächen über 100 Hektar nicht über „ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal“, so der Gutachter. Auch mit bundesweitem Blick kann der Gutachter keine „Besonderheit des Standortes“ erkennen. Gleichzeitig attestiert der Gutachter eine Nachfrage innerhalb Sachsens. Wenn sich Großenhain aber mit den vielen kleineren Gewerbegebieten in Sachsen messen muss, sinken die Chancen auf Investoren deutlich. Bei Flächen ab 50 Hektar liegt die Nachfrage für Sachsen nur bei ein bis zwei ernsten Anfragen pro Jahr, so der Gutachter. Vor diesem Hintergrund geht Dr. Markus Vogel von Ansiedlungszeiten von fünf bis zehn Jahren aus.

Sind die Hindernisse für einen Industriepark Großenhain groß?

Nein. Sie sind sogar ausgesprochen gering. Die Flugplatzflächen gehören komplett dem Freistaat Sachsen. Der Freistaat muss niemanden fragen. Im Gegensatz zu Schönborn, wo der Freistaat seinerzeit eine Gewerbefläche von 240 Hektar kaufen und vorhalten wollte. Allerdings musste er dafür mit rund hundert Landeigentümern verhandeln – und scheiterte daran.

Die Flugbetriebserlaubnis ist aus Sicht des Freistaates kein Hindernis. Die kann er jederzeit bei entsprechendem Planungsfortschritt über die Luftfahrtbehörde einziehen, wenn die Landesdirektion zustimmt. Dass das so kommt, ist bereits im Gutachten von 2010 nachzulesen. Auch die Pachtverträge stehen einer Umnutzung durch den Freistaat nicht im Wege. Der Freistaat muss den Pächtern keine Entschädigungen zahlen.

Welche Branchen kann sich der Gutachter für Großenhain vorstellen?

Keine Signifikante, vielmehr geht die Studie von einem Branchenmix aus: Solartechnik, Maschinen- und Anlagenbau, Chemie und Pharmazie, Mikroelektronik, Ernährungswirtschaft, metallverarbeitendes Gewerbe. Das bestätigt zwei Dinge: Großenhain hat erstens kein Alleinstellungsmerkmal, dass eine Branche besonders reizen könnte. Großenhain steht damit zweitens in der Gefahr, viele kleinere Gewerbe ansiedeln und sich weiterhin mit unzähligen Gewerbegebieten messen zu müssen. Der eine Großinvestor ist nicht in Sicht. Stattdessen geht das Gutachten von vier Ansiedlungen entlang der Landebahn aus. Bei 145 bebauten Hektar sind das ein Investor mit 80 Hektar, ein bis zwei Investoren mit bis zu 30 Hektar und weitere 35 Hektar als Reserve. Diese Maximalvariante brächte Einnahmen von 7,3 Millionen und Ausgaben von 7,6 bis 121,9 Millionen mit sich.

Welche Medien braucht ein Industriepark von solcher Größe?

Zur Gasversorgung müsste eine neue Reglerstation her, das jetzige Ortsnetz reicht nicht aus. Außerdem müssten 1300 Meter Hochdruckgasleitung neu gelegt werden. Genauso beim Strom. Von Süden her müssten neue Kabeltrassen gezogen werden. Ach ein neues Umspannwerk muss her. Zwei Jahre bräuchte die Enso dafür Vorlauf.

Trinkwasser: Für den Standort ist derzeit eine Kapazität von 2000 m³ pro Tag verfügbar. Gebraucht würden aber jeden Tag 27 500 m³. Dafür müsste ein Wasserwerk samt neuer Ringleitung her. Aus der nächstgelegenen Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz (Torgau) könnte – so das Gutachten – eine 50 Kilometer lange Fernleitung gebaut werden. Trotzdem müssten aufgrund der Wasserknappheit bestimmte Investoren ausgeschlossen werden.

Auch fürs Klären der Abwässer müsste einiges getan werden. Bis zu einer Menge von 1 200 m³ am Tag reicht die Kapazität noch, dann müssen branchengerechte Kläranlagen her. Auch fürs Regenwasser muss ein völlig neues Entwässerungssystem her. Dafür rechnet Dr. Vogel mit Kosten von 15 bis 22,5 Millionen. Hinzu kommen die Kosten für Anlagen zur Wasserspiegelerhöhung in Höhe von 5 bis 7,5 Millionen Euro. Zu guter Letzt zum Thema Wasser: das Löschwasser. Die Notversorgung ist da, aber den künftigen Bedarf decken nur neue Behälter und Löschteiche.

Welche Altlasten liegen in der Nordfläche in der Erde?

Basierend auf vorherigen Gutachten klassifiziert Gutachter Vogel folgende Altlastenzonen: die Flugbetriebsfläche, die alte Kerosin-Ringleitung, eine Altlastenverdachtsfläche, den ehemaligen Schrottplatz und die betonierte Fläche. Fazit: Alle bisherigen Gutachten sind Defizitanalysen, sie weisen die Flächen aus, wo erst noch genauer nachgeschaut werden muss. Für die beiden Areale „Flugbetriebsfläche“ und „Kerosin-Ringleitung“ veranschlagt der Gutachter allein 60 Millionen an Sanierungskosten.

Dr. Markus Vogel weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei dieser Zahl nur um einen Schätzwert handelt. Weitere Untersuchungen stehen noch aus. Altlasten, die über die eingegrenzten Flächen hinausgehen, wurden gar nicht betrachtet. Die Kontamination des Grundwassers – einer der größten Kosten-Posten – ist komplett außen vor gelassen worden. Gutachter Vogel moniert, dass ihm keine aktuellen Daten vom Grundwasser-Monitoring übergeben wurden und damit überhaupt keine Aussage möglich war, was die Altlastensanierung wirklich kostet.