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Dresden

Damit’s im Ruhestand entspannt wird

Mehr Zeit für sich und die Familie – das erhoffen sich angehende Rentner. Doch der Übergang kann zum Problem werden. 

Tom Motzek (l.) hat sich wissenschaftlich mit dem Älterwerden beschäftigt. Nun gibt er Dresdnern wie Roland Frickenhaus (r.), die in den Ruhestand gehen, Tipps, damit der Übergang nicht zum Albtraum wird.
Tom Motzek (l.) hat sich wissenschaftlich mit dem Älterwerden beschäftigt. Nun gibt er Dresdnern wie Roland Frickenhaus (r.), die in den Ruhestand gehen, Tipps, damit der Übergang nicht zum Albtraum wird. © René Meinig

In das berühmte Loch zu fallen, das ist seine größte Angst. Von einem Tag auf den anderen nicht mehr gebraucht zu werden, von Hundert Prozent auf null, vom stressigen Berufsalltag in ein Leben ohne richtige Aufgabe – diese Gedanken macht sich Roland Frickenhaus schon seit einiger Zeit. Der 62-Jährige wird in elf Monaten in den Ruhestand gehen. „Ich habe im Bekanntenkreis gesehen, was mit Menschen passiert, die sich damit vorher nicht beschäftigen.“

Das größte Problem sei für viele, dass sie plötzlich ohne Orientierung, ohne Sinn, ohne Alltagsstrukturen im Leben dastehen. Das will Frickenhaus vermeiden und sucht Hilfe bei Tom Motzek, der sich als Wissenschaftler im jungen Alter von 33 Jahren schon länger mit diesem Thema befasst. In einem neuen Kompetenzzentrum der Arbeiterwohlfahrt berät er angehende Rentner in Dresden, worauf sie beim Übergang in den Ruhestand achten sollten.

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Das fängt schon mit einem gut geplanten Abschied aus dem Berufsleben an, sagt Motzek. „Das kann einfach nur eine Feier mit Kollegen und Wegbegleitern sein.“ Abschied nehmen – das geht aber etwa auch mit einem Besuch der beruflichen Stationen. Was dann kommt, ist eine ganz individuelle Angelegenheit: „Es gibt unterschiedliche Typen: Für die einen ist es gut, sich einfach ein halbes Jahr auszuruhen, um dabei zu überlegen, was noch zu tun sein könnte im Leben“, sagt der Wissenschaftler. Andere wiederum identifizieren sich sehr stark mit ihrer Arbeit. „Ihnen fehlt die Struktur, die Anerkennung, das Selbstwertgefühl.“ Mit schlimmen Folgen, im Extremfall bis hin zu Depression, Sucht, sogar Suizid.

Studie: Wer plant, ist zufriedener

In jedem Fall, rät Motzek, sind diejenigen zufriedener und gesünder, die schon vor der Rentenzeit Pläne schmieden. In einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung gaben 57 Prozent der Befragten an, dass sie Pläne für den Ruhestand hatten. Dazu gehörten mit 60 Prozent am häufigsten Reisen, 38 Prozent widmen sich einem Hobby, 23 Prozent einem Ehrenamt. 43 Prozent der Deutschen gehen ohne Pläne in Rente, immerhin 22 Prozent fühlen sich durch den Eintritt belastet. Um das zu verhindern, bespricht Motzek mit seinen Workshop-Teilnehmern auch, welche Interessen sie haben, welche Projekte, welche Ziele sie umsetzen wollen. „Es geht um ein erfülltes Leben, auch nach dem Beruf.“ Doch es ist längst nicht nur die fehlende Aufgabe, sondern häufig auch die Partnerschaft, die zum Problem werden kann. Neue und ungewohnte Nähe, viel Zeit miteinander – was für den einen geradezu paradiesisch klingt, wird für den anderen zur Belastung. Dazu kommt bei vielen die Angst vor dem Älterwerden im Allgemeinen, vor gesundheitlichen und auch vor finanziellen Problemen, wenn die Rente nicht so üppig ausfällt. Für all das gibt Tom Motzek Tipps, für Dresdner, die den Ruhestand noch vor sich haben und auch für jene, die schon mittendrin sind.

Trotz seiner Ängste wird es für Roland Frickenhaus nun aber auch Zeit, dass er aus dem Hamsterrad – damit vergleicht er seinen Job – aussteige. „Ich konnte es früher nicht verstehen, dass jemand Rentner wird und plötzlich Rosen züchtet.“ Mittlerweile kenne er das Gefühl gut, dass die Kraft, die Lust fehlt, sich im Berufsalltag mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. In seinem jetzigen Beruf kämpft er um Geld für soziale Träger, die sich etwa darum kümmern, dass behinderte Menschen an der Gesellschaft teilhaben können. Seit 1980 ist er schon in der Behindertenhilfe bei verschiedenen Institutionen tätig, nun vertritt er deren Interessen in einem Verband. „Ich stehe zwischen den Sozialbehörden, die nicht genug Geld geben wollen, und den Trägern, die Geld brauchen, um gut arbeiten zu können.“ Es ist gut, wenn er diese Herausforderung bald hinter sich lassen kann, sagt Frickenhaus.

Denn er habe das Phänomen der „zornigen, alten Männer“ beobachtet, wie er es nennt. Das seien Menschen, die sich aufreiben, die etwas erreichen wollen, dafür unheimlich viel Energie aufbringen und letztlich doch frustriert sind. Auch er selbst zähle sich mittlerweile zu den Zornigen, drei Magengeschwüre habe ihm sein Job schon beschert. Nun freut er sich auf mehr Ruhe, mehr Zeit für die Familie. Er will Opa sein und sich um sein Enkelkind kümmern. „Aber nicht ständig“, räumt er ein. Am meisten werde er die Freiheit genießen, sagen zu können, was er meint. Viel arbeiten will Frickenhaus nicht mehr, aber er hat vorgesorgt, um nicht doch in das „Loch“ zu fallen: So schreibt er weiterhin einen Blog für einen Behindertennachrichtendienst, künftig nur „ungeschminkter“, sagt er augenzwinkernd. Und dass er Rosen züchtet, will er auch nicht ausschließen.

Das Awo-Kompetenzzentrum für den Übergang in den Ruhestand gibt es seit 2018 und es wird durch die Landeshauptstadt gefördert. Die Workshops sind kostenlos, die beiden nächsten finden mittwochs, 26. Juni, 3. und 10. Juli jeweils von 9 bis 12 Uhr, Herzberger Straße 2-4, statt sowie dienstags, 1., 8. und 15. Oktober, 9 bis 12 Uhr, Volkshochschule, Annenstraße 10.

Anmeldung: [email protected]