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Landwirte: „Wir werden von der Politik vergessen“

Die Bauern in der Oberlausitz kämpfen mit Vorschriften – und jetzt auch mit der Virus-Epidemie.

Marco Habendorf in einem der Kuhställe der Lausitzer Hügelland Agrar AG.
Marco Habendorf in einem der Kuhställe der Lausitzer Hügelland Agrar AG. © Matthias Schumann

Gersdorf. Gerade sind um die 50  Kühe im Stall bei Weißbach vom Melkstand zurückgekommen und futtern sichtlich zufrieden ein Gemisch aus Mais, Rapsschrot und anderen Zutaten. Auch Marco Habendorf, Vorstand der Lausitzer Hügelland Agrar AG in Gersdorf, könnte das sein. Aber für viele Landwirte hat sich mit der Corona-Krise jetzt noch eine neue Front aufgetan, an der sie kämpfen. Zahlreiche Demos sind in Erinnerung wegen Forderungen des Bundes. 

Die sind längst nicht vom Tisch – nun kommt Corona dazu. „Wir haben zum Beispiel Desinfektionsschleusen für Dienstleister wie Besamer oder den Tierarzt eingerichtet“, sagt Habendorf. Die Engpässe bei der Lieferung von Desinfektionsspendern bereite allerdings Probleme. Was ihn bei der ganzen Krise viel mehr ärgere, dass gerade wieder die Landwirtschaft von der Politik vergessen wurde. „Wenn Kitas und Schulen schließen, betrifft das auch unsere Mitarbeiter.“  Eine Familien  habe besonders auf dem Schlauch gestanden. „Unsere Personaldecke ist dünn, der Preisdruck auf der einen Seite, immer neue Vorschriften auf der anderen Seite“, sagt der Chef. 

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Ein Stall kann nicht einfach schließen

Doch einen Stall könne man auch nicht einfach schließen: „Die Tiere müssen gefüttert und gemolken werden, die Ställe gesäubert.  600 Jungrinder und 900 Milchkühe sind zu versorgen. „Wenn ein Mitarbeiter mehr als drei Tage ausfällt, wird es immer schwieriger, das zu kompensieren.“ Offenbar finde aber die Landwirtschaft als Grundversorger in den Köpfen der Menschen gar nicht mehr statt – nicht einmal bei Politikern. 

Dieser Eindruck entstehe in der Corona-Krise einmal mehr. Die Milch komme aber nicht aus dem Regal, sagt der Landwirt voller Sarkasmus. Das bleibe ohne den Landwirt leer.  Er habe telefoniert, Landratsamt und Ministerien angeschrieben: „Zuerst habe ich per Mail nur Absagen und ein paar verständnisvolle Worte bekommen.“ Unbegreiflich für ihn. Bis sich erst jetzt die Sicht durchgesetzt habe, dass auch die Landwirtschaft systemrelevant ist. Er hoffe nun, dass das  bis zu den Kindereinrichtungen durchgestellt wird und ruft gern in Erinnerung, warum die Landwirtschaft in einer Reihe mit anderen wichtigen Bereichen stehe: „Wir versorgen die Menschen mit Grundnahrungsmitteln.“ 50 Mitarbeiter sind es mit Lehrlingen. 

Wie sensibel die Versorgung ist, das zeigten die jüngsten Hamsterkäufe. Mehl sei teilweise ausverkauft gewesen. Bei Milch in manchen Läden die Abgabe limitiert worden: „Uns soll doch nicht die Milch ausgehen oder das Mehl“, sagt Habendorf provokativ. Deutschland liege bei Weizen im Index für die Eigenversorgung bei etwa 106 Prozent. Da sei keine Reserve für Krisenzeiten. Die Epidemie sollte bewusst machen, wie fragil die Situation ist.

Am Montag hatte der Landwirt ein ernstes Gespräch mit Sachsens Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne). Das war noch ein Ergebnis der jüngsten Demos in Dresden.  Erneut ging es im Kern um neue restriktive Düngevorgaben.  Am Freitag soll sich der Bundesrat damit befassen. „Eigentlich war die Sitzung erst im April geplant“, sagt Marco Habendorf. Dass gerade in dieser Krisenzeit, in der alle den Virenschutz und die Sicherung der Produktion im Kopf haben, so eine existenzielle Entscheidung vorgezogen wurde, sei nicht zu verstehen. 

Viele Landwirte kritisieren die neuen Vorschriften. Sie fürchten hohe Einbußen bei der Ernte und  bemängeln insbesondere die Daten, die die Grundlage dafür sind. Die seien so veraltet wie die maroden Messstellen. Das Netz müsste modernisiert und ausgebaut werden, um auf der Basis  aussagekräftiger Messergebnisse Entscheidungen treffen zu können, so Habendorf. Denn auch die Landwirtschaft habe sich verändert. Die Gersdorfer bauen auf über 2.000 Hektar Getreide und Feldfrüchte an. Dort werde mit Sensortechnik gedüngt, die den Bedarf misst, damit kein Krümel zuviel auf den Acker komme. 

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Da mag die kommende Spargelernte noch das kleinste Problem sein.  Bisher habe der Landwirt  immer auf Senioren aus der Region vertrauen können. Ob das in diesem Jahr klappt sei ungewiss. Die Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner will wohl sogar Erntehelfer über geschlossene Grenzen hinweg einfliegen. Da muss der Landwirt eher schmunzeln. Er setzte lieber auf  Portale, die Arbeitskräfte vermitteln, zum Beispiel aus der Gastronomie. Beim Spargel mag das gehen, im Stall nicht. Da brauche es Fachleute. Habendorf hofft nun, dass er den Minister zum Nachdenken angeregt hat. Er habe aber auch den enormen Druck aus Brüssel gespürt, der auf der Politik lastet. „Aber wir wollen doch“, so der Landwirt, „auch künftig noch in Krisenzeiten die Grundversorgung sichern.“

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