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Wie eine Görlitzerin im Corona-Hotspot Lima lebt

Zunächst hatte ganz Peru nur 71 Fälle – und sofort Quarantäne. Daniela Schröter fühlte sich sicher. Doch dann breitete sich das Virus rasant aus.

Das Foto zeigt Daniela Schröter am Dienstag beim Einkauf in Lima – und überall Uniformierte mit Waffen.
Das Foto zeigt Daniela Schröter am Dienstag beim Einkauf in Lima – und überall Uniformierte mit Waffen. © Foto: privat

Das Klatschen ist längst verstummt. „Hier in Peru sind die Leute in den ersten Wochen der Quarantäne jeden Abend um 20 Uhr auf ihre Balkone gegangen und haben geklatscht“, sagt Daniela Schröter. Der Applaus galt dem Gesundheitspersonal, diente aber auch als generelles Zeichen für Zusammenhalt und gegenseitige Aufmunterung – und er sollte Zustimmung für die von der Regierung ergriffenen Maßnahmen zeigen. Nach etwa zwei Monaten aber war es dann vorbei mit dem Jubel.

Seit fast acht Jahren in Lima

Daniela Schröter hat das alles miterlebt. Sie stammt aus dem Görlitzer Ortsteil Schlauroth, ist Kulturwissenschaftlerin und Umweltpädagogin und wohnt seit fast acht Jahren in der peruanischen Hauptstadt Lima – auch in der Corona-Zeit. In der Metropolregion Lima lebt ein Drittel der 31 Millionen Einwohner Perus auf engstem Raum zusammen. Dadurch ist die Situation dort am schlimmsten. Am Anfang waren die wohlhabenderen Viertel am meisten von Corona betroffen. „Das Virus wurde vermutlich von Touristen und Vielreisenden eingeschleppt“, sagt Daniela Schröter.

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Doch die Regierung handelte schnell: Obwohl Peru nur 71 bestätigte Fälle hatte, wurde sofort der Notstand ausgerufen. „Alle Linien-Flüge von und nach Peru sind seit 13. März eingestellt, seit 11. März sind wir in Quarantäne und haben eine strenge Ausgangssperre“, sagt die Görlitzerin, die am zweiten Tag der Quarantäne 30 Jahre alt wurde und auf eine große Feier verzichten musste. Trotz des schnellen Handelns sind die Fallzahlen während (!) der strikten Quarantäne bis zum 20. Mai von 71 auf über 90.000 angestiegen, bis heute gar auf über 280.000. Fast 10.000 Menschen starben.

Virus konnte sich ausbreiten

Betroffen sind mittlerweile vor allem die ärmeren Peruaner. Trotz Quarantäne konnte sich das Virus gut ausbreiten: In den Schlangen, in denen die Leute an den Banken nach Geld angestanden haben, auf den großen Obst- und Gemüsemärkten, wo die Hygienemaßnahmen oft nicht eingehalten werden. „Frisches Obst und Gemüse wird von vielen Händen angefasst, meist um die Qualität zu prüfen“, berichtet Daniela Schröter. Auch das Bargeld gehe durch dieselben Hände: „Ich habe auch viele Menschen gesehen, die ihre Maske nicht richtig tragen und die Nase herausgucken lassen, oder sogar die Maske abnehmen, um in den Ellenbogen zu niesen.“

Sie möchte sich über ihre persönliche Situation nicht beschweren: „Ich habe mich ja bewusst entschieden, hierzubleiben.“ Natürlich sei es nicht schön, monatelang zu Hause eingesperrt zu sein, ohne wenigstens mal in den nahegelegenen Park zu dürfen: „Aber dann denke ich immer an die Menschen, denen es viel schlechter geht.“ Millionen Peruaner müssen in vier- bis fünfköpfigen Familien in einem Zimmer hausen, ohne fließendes Wasser oder eine saubere Toilette: „Ich bin deshalb sehr dankbar für das schöne kleine Mietshaus, in das ich erst Anfang des Jahres gezogen bin und wo ich zu dritt mit einem deutsch-peruanischen Paar lebe.“ Dort ist genug Platz, um der Arbeit beziehungsweise dem Online-Studium nachzugehen. Zudem hat die Görlitzerin einen schönen, kleinen Blumentopf-Garten auf der Terrasse angelegt.

In Umweltschutz-Bildung tätig

Wie viele Görlitzer durch ihre Vorträge im Humboldthaus wissen, hat sie in Lima den Verein „Nubes“ („Wolken“) gegründet. Er widmet sich der Umweltschutz-Bildung und hat sich auf Workshops und Bildungsreisen spezialisiert. „Seit Beginn der Quarantäne mussten wir umdenken und haben deshalb mehrere Online-Seminare und Workshops gegeben und einen YouTube-Kanal eingerichtet“, sagt Daniela Schröter. Dennoch habe sie der Wegfall der wichtigsten Projekte hart getroffen: Alle Bildungsreisen mit Studenten wurden von den Unis abgesagt und auch die geplanten Veranstaltungen und Workshops müssen auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Der Tag beginnt bei ihr jetzt meist mit einem gemütlichen Frühstück auf der Terrasse: „Dann fange ich direkt an, Nachrichten und E-Mails zu beantworten.“ Sie arbeitet acht bis zwölf Stunden täglich am Computer. „Ich habe in den vergangenen drei Monaten fast so viele Veranstaltungen und Seminare organisiert wie im kompletten vorigen Jahr“, sagt Daniela Schröter. Sogar ein paar Videos für das peruanische Umweltministerium hat sie produziert.

Telefonate in die Heimat

„Vormittags plane ich meist den Tag und mache ein paar Publikationen für die sozialen Netzwerke. Wenn ich einen nicht ganz so stressigen Tag habe, rufe ich meine Eltern oder Großeltern an und arbeite etwas im Garten“, berichtet sie. Am Nachmittag hat sie fast jeden Tag virtuelle Treffen, um Veranstaltungen mit anderen Institutionen zu organisieren oder neue Projekte zu planen. „Es gab Momente, in denen ich wenig Zeit hatte, um mit Freunden oder der Familie zu telefonieren, aber generell gehört das natürlich schon zu meinem Alltag“, sagt sie. Vermisst hat sie vor allem Umarmungen, das Essengehen mit Freunden und ganz normalen sozialen Kontakt.

Inzwischen wird die Quarantäne etwas gelockert, seit Mittwoch sind alle Läden wieder offen, die Wirtschaft wird Stück für Stück reaktiviert. Seit Kurzem ist auch Sport an der frischen Luft wieder erlaubt, zum Beispiel joggen gehen – allerdings mit Maske und nur im Drei-Kilometer-Radius und für maximal eine Stunde. Trotz allem: Daniela Schröter hat es nie bereut, in Peru geblieben zu sein. Wann sie das nächste Mal in die Heimat kommt, ist allerdings offen: „Mein Flug im August wurde gestrichen und ich werde nicht wie geplant beim 80. Geburtstag meiner Oma dabei sein können.“ Auch der übliche Weihnachtsbesuch wird vielleicht ausfallen. Aber nächstes Jahr wird es schon klappen, hofft sie.

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