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Dank an einen hilfreichen Juden

SZ-Serie. BrigitteHeidrich erinnert sich an Mordka Schwarz, der das KZ Auschwitz überlebte, aber sie und andereDeutsche unterstützte.

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Von Angelika Dornich

Sie war gerade 16 Jahre, als der mörderische Hitler-Krieg zu Ende ging. Seit April 1944 lernte Brigitte, geborene Richter, aus Niederoderwitz bei der Firma Peukert in der Inneren Weberstraße in Zittau Verkäuferin. Nach der Enteignung übernahm Mordka Schwarz, ein Jude aus Lodz, das Geschäft, das dann über Jahre als „Kaufhaus Schwarz“ in Zittau und Umgebung bekannt war.

„Er war mit seiner gesamten Familie in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt worden und musste miterleben, wie seine Frau und Kinder in die Gaskammer getrieben wurden“, erzählt Frau Heidrich. Er selbst überstand wie ein Wunder diese Hölle und kam in die Zittwerke nach Kleinschönau (jetzt Sieniawka). Von dort konnte er fliehen und ein Bauer aus Poritsch (inzwischen Porajów) versteckte ihn bis zum Kriegsende. „Eine Tat, die heute noch Respekt verlangt“, sagt die nun 76-Jährige.

„Mordka Schwartz bemühte sich sehr, dass wir im Laden wieder etwas zu verkaufen hatten.“ Natürlich wich das Sortiment total von dem des einstigen Damen- und Herrenausstatters ab. Kämme, Broschen, Kleinkram in vielen Variationen gehörten anfangs zum Angebot. „Ich musste einmal im Monat mit einem großen Leiterwagen in die Mauermann-Mühle fahren, um Mehl zu holen. Das schaffte er dann zum Bäcker und ließ sich Brot und Semmeln backen.“ Das Mehl stammte von dem Bauern aus Poritsch. Mordka Schwarz hatte dafür gesorgt, dass dieser bei der Ausweisung entschädigt wurde.

„Mein Chef wusste auch ganz genau, dass ich ständig Hunger hatte. Meine Mutter hatte nichts zum Tauschen, und mein Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft.“ Ein Vierteljahr nahm Schwarz sie mit zum Mittagessen, das seine Haushälterin kochte

. „Sie sind doch viel zu dürr“, klingen ihr noch heute seine Worte in den Ohren. „Da es mir auch an Kleidung fehlte, ließ er mir ein herrliches dunkelblaues Kostüm von einem Schneider zaubern.“

Der polnische Jude, der das schreckliche KZ Auschwitz überlebte, bereitete aber nicht nur der damaligen Oderwitzerin auf uneigennützige Weise Freude. „Ein Mädel, zwei Jahre älter als ich und aus Ostpreußen, wurde beim Flüchtlingstreck von ihrer Mutter und Schwester getrennt. Als sie eines Tages in der Zittauer Innenstadt saß, nahm sich Mordka Schwarz ihrer an, stellte sie als Verkäuferin ein, besorgte ihr eine Wohnung und suchte mit nach ihrer Familie.

Im Sommer 1946 kam er sonntags gern zu Richters nach Niederoderwitz, um sich dort im Grünen auszuruhen. „Er brachte uns stets ein Weizenbrot mit – nahezu eine Kostbarkeit in dieser Zeit.“ Auch zum Tanz in den Kretscham ging er mit. Er setzte sich jedoch immer hinter die Theke und beobachtete das Treiben.

„Montags erzählte er dann meinen Kolleginnen, wie viele Male ich getanzt und wie viele Freier ich hatte. Das gab immer einen Höllenspaß.“

Im Frühjahr 1947 kam Brigitte Richters Vater todkrank aus der Gefangenschaft zurück. Und wieder stand Mordka Schwarz hilfreich zur Seite, obwohl auch der damalige Niederoderwitzer Bürgermeister und Geschäftsleute die Familie unterstützten. „Mein Vater starb allerdings an der Leukämie.“

Als ihre Lehrzeit beendet war, nahm sie eine andere Arbeit auf. „Verkäuferin war nicht unbedingt mein Traumberuf.“ Mordka Schwarz war deswegen nicht böse. Auf die Frage, warum er sich so um Richters und andere gekümmert hat, wo er doch von Deutschen so bitteres Leid erfahren musste, sagte er sinngemäß: „Ihr seid nicht die Deutschen, die die Ermordung meiner Familie und die meiner Leidensgenossen auf dem Gewissen haben. Ihr wart verblendet und unwissend. Ich wollte einfach helfen.“