merken
PLUS Weißwasser

Dankbarkeit für die friedliche Revolution

Evangelische Kirchengemeinde Schleife erinnerte feierlich an den Herbst 1989.

Im Theaterstück „Umbruch im Klassenzimmer“ spielten Lara Anna Berton, Friedrich Rösel, Niklas Hentschel, Mariann Lisa Berton und Kimberly Vivien Stuckas (v.l.n.r.).
Im Theaterstück „Umbruch im Klassenzimmer“ spielten Lara Anna Berton, Friedrich Rösel, Niklas Hentschel, Mariann Lisa Berton und Kimberly Vivien Stuckas (v.l.n.r.). © Foto: Andreas Kirschke

Schleife. Bei Gebeten und mit Liedern hielten die Teilnehmer inne: „Sonne der Gerechtigkeit“, „Dona nobis pacem“ und „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt ...“ sangen sie kraftvoll. Im Saal des Bildungszentrums erinnerte am Sonnabend die Evangelische Kirchengemeinde Schleife mit Gästen feierlich an den Herbst 1989. 

„Glaube, Liebe, Revolution. 30 Jahre friedliche Revolution“ hieß das Thema. „Gerade wir als Christen sollten einen Schritt weitergehen, als nur Erinnerung und Nostalgie zu wecken. Wir können uns fragen: Wie hat Gott in dieser Zeit 1989 gewirkt? Wie hat der Herbst 1989 in unserer Kirchengemeinde gewirkt? Wie hat er auf unseren Glauben gewirkt?“, unterstrich Pfarrerin Jadwiga Malinkowa. „Diese Dimension – die Kraft von Frieden, Kerzen und Gebeten – wachzuhalten, ist unsere Aufgabe. Wir können etwas bewegen mit unseren Gebeten. Denn Gott ist ein Gott des Friedens und ein Gott der Freiheit.“

TOP Immobilien
TOP Immobilien
TOP Immobilien

Finden Sie Ihre neue Traumimmobilie bei unseren TOP Immobilien von Sächsische.de – ganz egal ob Grundstück, Wohnung oder Haus!

Jeder erlebte den Mauerfall anders

Erinnerungen weckte der 9. November 1989. Jeder erlebte den Mauerfall anders. „In meinem Leben war er das intensivste, bedeutsamste Ereignis. Aus heutiger Sicht ein Glücksfall“, meinte Gabriele Gojowczyk, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. In Leipzig stand sie am 9. Oktober 1989 an der Nikolaikirche. Sie gehörte zu den 70.000 friedlichen Demonstranten. Der Mauerfall einen Monat später kam sehr überraschend. „Mein Mann und ich hatten Karten für den Karneval am 11.11. in Bad Muskau“, erzählte die 59-Jährige. Spontan fuhren sie nach Berlin. Bereits in Cottbus war Stau. Sie parkten am Stadtrand Berlins in einer Gartenanlage in Schönefeld. Von dort ging es zu Fuß nach Neukölln zur Grenze. „Ich habe gespürt: an so einem Tag musst du dabei sein. Spontan durften wir bei einer Bekannten in Westberlin übernachten“, erinnerte sich die Schleiferin.

Ilona Kasper arbeitete damals als Projektkoordinatorin für Bauvorbereitung und für Bauplanung. Sie war vor allem beim Bau der Erdgas-Trasse in der Sowjetunion tätig. Am 9. November 1989 weilte sie in Leipzig. „Wir hatten ein Messe-Exponat. Ich sollte das begleiten“, schilderte sie. In der Folgezeit hatte sie Glück, dass ein Bauunternehmen in Weißwasser sie einstellte. Unter anderem war sie Projektleiterin und Bauleiterin für den Bauherren bei der Errichtung der Weißwasseraner Fertigungsstätte der Olaf GmbH Fleisch- und Wurstspezialitäten. 1996, 1997 fand sie zum Glauben. Ihre Sicht auf das Leben veränderte sich. „Erst nach Jahren und durch den Glauben habe ich erkannt, dass es nicht hätte besser kommen können mit der friedlichen Revolution“, meinte sie Sonnabend dankbar im Rückblick.

„Am 9. November 1989 fuhr ich mit dem Trabi zu Bekannten. Den Mauerfall verfolgten wir im Fernsehen. Es war eine verrückte Nacht“, schilderte Sonnabend Ludwig Hetzel, Leiter der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendarbeit des Evangelischen Kirchenkreises Schlesische Oberlausitz. Nahe Osterwieck (Harz) gab er sein Begrüßungsgeld aus. Spontan fragte ihn ein Mann: „Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder?“ Er drückte Ludwig Hetzel daraufhin spontan einen Briefumschlag in die Hand. Darin waren 200 D-Mark ... Ludwig Hetzel ging zu dem Mann zurück. Der Rentner erzählte ihm, dass erst eine Woche zuvor seine Frau gestorben war. Jetzt verschenkte er ihre Lebensversicherung. „Das hat mich zutiefst getroffen. Das hat mich sehr geprägt. Dafür bin ich heute noch dankbar“, meinte Ludwig Hetzel Sonnabend in Schleife und unterstrich: „Die Empfindungen von damals können wir nicht weitergeben. Die jungen Leute von heute müssen sie sich selbst erarbeiten und sich in die Zeit 1989 hineinversetzen.“

Eben darauf zielt das Theaterstück „Umbruch im Klassenzimmer“. Es ist ein Jugendtheaterstück über die Veränderungen 1989. Jugendliche der Jungen Gemeinde Schleife zeigten es Sonnabend zum siebenten Mal. Sie gehören zur Theatergruppe der Evangelischen Jugendarbeit im Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz. Idee und Recherche für das Stück kamen von Ludwig Hetzel und Matthias Seidel (freier Theaterpädagoge). Finanzielle Unterstützung kam vom Förderprogramm „Revolution und Demokratie“, von der SAB-Förderbank Sachsen, von der Stiftung „Andere Zeiten“ und vom Evangelischen Kirchenkreis Schlesische Oberlausitz. „Die Theaterarbeit für Jugendliche im Kirchenkreis besteht seit 2016“, erläuterte Ludwig Hetzel. „Wir zeigten bereits die Stücke «Luther war nie in Schlesien» (2016 und 2017) und «Das Gestern ist das Heute von morgen» (2018) in Erinnerung an den mutigen Schleifer Pfarrer Gottfried Rösler (1902-1968). Das kam gut an. Daran wollten wir anknüpfen und ein Stück über die Öffnung der Grenze 1989 zeigen.“

Intensive Recherche zu 1989

Intensive Recherchen gingen dem voraus. Matthias Seidel als Regisseur und theaterpädagogischer Betreuer befragte 16 Zeitzeugen. Diese waren selbst 1989 erst zwischen 17 und 20 Jahre jung. Matthias Seidel befragte auch Lehrer und einige Eltern. Wie war 1989 die Lebenssituation? Wie war die Situation in der Schule? Gab es 1989 eine ausgewogene Beurteilung der Lage? Dachten die Zeitzeugen direkt an eine offene Revolution? Fühlten sie sich von der kommunistischen Ideologie vereinnahmt? Bekamen sie Probleme mit den Eltern und Bekannten auf Grund anderer und kritischer Meinungen? All diese und weitere Fragen stellte Matthias Seidel den Zeitzeugen. „Ende Februar traf sich unsere Theatergruppe zum ersten Mal. Von März bis Juni probten wir. Das nahm zwischen 80 und 90 Stunden in Anspruch“, schilderte Matthias Seidel.

Vielschichtiges Meinungsbild

„Wichtig war mir, dank der Zeitzeugen-Quellen ein vielschichtiges, differenziertes Meinungsbild zu bekommen. Es war der Grundstein für unser Theaterstück. Denn die Antworten der Zeitzeugen waren authentisch und wahrhaftig.“ Im Stück geht es um die sechs Jugendlichen Heinrich (Jeremy Vincent Stuckas), Claudia (Mariann Lisa Berton), Hedwig (Kimberly Vivien Stuckas), Silvio (Niklas Hentschel), Patricia (Lara Anna Berton) und Axel (Friedrich Rösel). Sie gehören zur Jungen Gemeinde 1989. Sie sind die „Donnerstags-Gruppe“. 30 Jahre später, im Jahr 2019, suchen die Jugendlichen Clara, Hannah, Steve, Pia und Alex in der Jungen Gemeinde nach den Spuren der „Donnerstags-Gruppe“. Sie wissen nicht viel über die DDR von damals und die Zustände 1989. Doch sie werden fündig. Sie lernen einiges über sich, über ihre Eltern und über die Geschichte kennen. Am Ende des Stücks findet ein Umbruch nicht nur vor 30 Jahren statt ... „Es ist kein historisches Stück, kein frommes Stück“, sagte Ludwig Hetzel. „Es spiegelt die Gedanken und die Suche Jugendlicher nach Wahrheit wider. Es zeigt: Jugendliche müssen Geschichte lernen. Denn nur wer die Geschichte versteht, kann die Zukunft meistern.“

Andere Ansichten respektieren

Für Kimberly Vivien Stuckas aus Schleife zeigt das Theaterstück den Wert von Toleranz und Akzeptanz. „Es zeigt: du kannst zu deiner Meinung stehen, und du kannst trotzdem die Meinung des anderen respektieren“, meinte die 20-jährige angehende Cottbuser Erzieherin. Mariann Lisa Berton (18) aus Schleife studiert heute an der TU Dresden Lehramt für die Fächer Religion und Physik. Auch ihr hat das Theaterstück viel gegeben. „Es zeigt, dass man offen bleiben sollte für Veränderungen“, meinte sie. Nach der Premiere am 8. Juni in Niesky, Terminen in Schleife, in Dortmund (zwei Mal beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019) und in Ruhland und Daubitz kam das Stück auch Sonnabend beim erneuten Auftritt in Schleife gut an.

Die Evangelische Kirchengemeinde Schleife erinnerte Sonnabend feierlich an den Herbst 1989. Mit einer Andacht, mit Gesprächen und mit dem Theaterstück „Umbruch im Klassenzimmer“ gestaltete sie den Nachmittag. Kantor Björn Sobota stimmte den mehrstimmigen
Die Evangelische Kirchengemeinde Schleife erinnerte Sonnabend feierlich an den Herbst 1989. Mit einer Andacht, mit Gesprächen und mit dem Theaterstück „Umbruch im Klassenzimmer“ gestaltete sie den Nachmittag. Kantor Björn Sobota stimmte den mehrstimmigen © Foto: Andreas Kirschke

Mehr zum Thema Weißwasser