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Dankeshymnen für Fluthelfer

Mehrere zehntausend Dresdner und ihre Gäste haben den Platz vor der Semperoper in eine beeindruckende Fernsehkulisse verwandelt. Ein Jahr nach der Flut hatte der MDR am Sonnabend zur Gala geladen. Motto: „Wir haben es geschafft.“

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Von Thilo Alexe

„Da geht noch ein bissel mehr!“ MDR-Moderator René Kindermann müht sich redlich, die Massen auf dem Dresdner Theaterplatz zum Jubeln zu bringen. Seine Aufgabe: Pünktlich zum Sendebeginn am Sonnabend um 20.15 Uhr muss das Publikum applaudieren. Begeistert, laut und genau 30 Sekunden lang.

Kindermann kalauert, verrenkt sich, rudert mit den Armen – und packt es. Als der Vorspann auf zwei Großmonitoren neben der in Orange- und Gelb-Tönen gehaltenen Bühne eingespielt wird, klatscht der Platz. Der MDR-Mann kann das Feld beruhigt für seine Kollegen Almut Rudel und Peter Escher räumen, die durch die 90-minütige Live-Sendung führen. „Hallo allerseits, wir haben‘s geschafft“, begrüßt Escher die Gäste.

Kreischen bei Kaiser

Rund 20 000 drängeln sich zwischen Oper, italienischem Dörfchen und der Kathedrale, sagt die Dresdner Polizei. Rund 35 000 sind gekommen, um Karat, die Münchner Freiheit und Tom Astor zu erleben, sagt der MDR. Egal. Wo vor einem Jahr eine braune Brühe beunruhigend schwappte, stehen jetzt „Right Said Fred“. Die glatzköpfigen britischen Brüder schmettern zur Eröffnung des Showteils ihren Hit „Stand up for the Champions“ ins Publikum, eine Hymne für die Fluthelfer, wie das Moderatoren-Duo erläutert.

14 Bands und Solisten hat der Drei-Länder-Sender für die Fernseh-Gala verpflichtet. Mit „Musik für die ganze Familie“ soll „ein Jahr des Wiederaufbaus“ gefeiert werden, heißt es in der MDR-Ankündigung. 35 Kameraleute sorgen dafür, dass die Party auch in den mitteldeutschen Wohnzimmern steigen kann. Schwenks über tausende winkender Hände sollen das Bild einer genesenden Region vermitteln.

Am heftigsten winken sie wohl bei einem in Dresden überaus beliebten Sänger. Schon als Roland Kaiser während eines Liedes der britischen-Soul-Diva Alison Moyet am Bühnenrand erscheint, bricht ein Kreischen los. Kaiser bedankt sich artig, zupft an seinem dunklen Jacket. Dann erfassen ihn die Scheinwerfer und los geht‘s: „Alles kann, wenn du es willst, morgen passieren.“ Beifallstosen ist dem Schlagerstar sicher.

Auf gemischte Resonanz stoßen die eher ernsteren Passagen der Sendung. Dresdens Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) etwa wird ausgebuht, obwohl er sich im Kurzinterview lediglich bei den rund 120 000 Fluthelfern bedankt. Kindliche Skepsis schlägt Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) entgegen, der mit einem Kuscheltier die Bühne betritt. „Du bist ein Jahr geworden, und hier ist ein Teddybär“, sagt er zu der kleinen Emma, die während des Hochwassers im Dresdner St. Joseph-Stift zur Welt kam. Das Mädchen äugt aus den Armen ihres Vaters finster auf den Politiker, so dass Escher nachhilft: „Das ist doch dein Landesvater.“ Später wird er ihn noch als Politiker mit großen Zielen würdigen, weil Milbradt davon ausgeht, dass bis Ende 2004 die meisten Schäden behoben sein werden. Völlig unpolitische Sympathie erfährt dagegen Gerti Tänzler. Die mittlerweile 80-jährige Glashütterin musste eine Nacht in ihrer Wohnung ausharren, obwohl die Wassermassen die Rückseite des Hauses fortrissen. Mit Spenden konnte sie sich in Dresden eine neues Zuhause einrichten – und fährt sogar wieder Auto. Dafür erntet die sympathische Seniorin viel Beifall. Zum Finale erscheint noch einmal Alison Moyet mit „Should I feel that it‘ s over“. Frei übersetzt: Es ist vorbei.