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„Dann bleibt die Brache liegen“

Projektentwickler Enrico Wilde erklärt, warum er Globus trotz Protests bauen will und was im Fall einer Absage geschieht

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© Jörn Haufe

Globus will auf der Fläche am Alten Leipziger Bahnhof ein SB-Warenhaus errichten. 2010 hat es bei der Stadt die Erarbeitung von Baurecht beantragt. 2012 stimmte der Stadtrat mit klarer Mehrheit zu. Globus hat das Grundstück erworben und entsprechende Gutachten beauftragt. Das Bauprojekt schließt die Sanierung der denkmalgeschützten Bahnhofsgebäude ein. Nach einer ersten öffentlichen Auslegung der Unterlagen wurden die Pläne überarbeitet. Nun soll der Stadtrat am Donnerstag über eine erneute Offenlegung entscheiden. Doch es gibt viel Kritik. Was plant Globus genau? Bereichsleiter Enrico Wilde beantwortet die Fragen.

Herr Wilde, Dresden hat viele Lebensmittelanbieter. Warum sollte der Stadtrat dem Bau eines weiteren großen Marktes zwischen Elbepark und Edeka-Markt am Albertplatz zustimmen?

Weil wir ein besonderes, für Dresden neues Konzept haben und nicht das ewig Gleiche bieten. Wir sind nicht der hundertzwanzigste Discounter, sondern unterscheiden uns durch eigene, frische Produkte. Wir haben eine Fleischerei und eine Bäckerei am Standort. Wir listen mehr regionale Produkte als die anderen. Die Wurst in Hoyerswerda schmeckt bei uns anders als die in Zwickau. Unsere Marktleiter listen selbst. 300 feste Arbeitskräfte werden bei uns Zeit für die Kunden haben. 100 Dienstleister kommen hinzu.

In einem neuen Gutachten werden Umsatzverluste zwischen 15 und 17 Prozent für die Oschatzer/Leipziger Straße sowie die Innere und Äußere Neustadt sowie das Aus für zwei Konsum-Märkte und starke Beeinträchtigung für Edeka und Rewe vorausgesagt. Müssen die Händler um ihre Existenz fürchten?

Natürlich nicht. Das Gutachten ist ein neunseitiger Schnellschuss, ohne erkennbare Datenbasis und voller Widersprüche. Der Handelsverband hat es im Auftrag unserer Wettbewerber machen lassen. Ein erheblicher Teil der Kaufkraft wird aus den heute bereits täglich rund 70 000 vorbeifahrenden Autos kommen. Diese Kunden stammen nicht aus der Neustadt oder Pieschen. In der Oschatzer Straße gibt es bis auf ganz wenige Ausnahmen keine Lebensmittelhändler. Ein tiefgehendes Gutachten, das von der Stadt verlangt wurde und das auf Dresdner Daten beruht, sagt, dass Konsum, Edeka und Rewe mit weniger als zehn Prozent Auswirkung rechnen müssen. Das gilt als unschädlich. In der Neustadt und in Pieschen wachsen zudem Bevölkerung und Kaufkraft besonders stark.

Sie wollen 8 800 Quadratmeter bauen, da würden zwölf Aldi-Märkte reinpassen. Geht es nicht etwas kleiner?

Unser Konzept ist, dass wir eben kein Großflächen-Discounter wie etwa Kaufland sein wollen, das es in Dresden schon elfmal gibt. Wir präsentieren unsere Angebote völlig anders. Wir haben beispielsweise eine 150 Quadratmeter große Käsetheke, sechs Meter breite Gänge. Theken mit Bedienung brauchen Fläche. Wir planen neuerdings Sushi-Bars. Aus all dem ergibt sich eine reine Regalfläche von 22 Prozent der Verkaufsfläche. Bei anderen Handelsunternehmen liegt dieser Wert bei 33 Prozent.

Wird es damit nicht auch viel teurer für den Kunden?

Überhaupt nicht, wir produzieren ja vieles selber und können es deshalb zu moderaten Preisen anbieten.

Ihre Kritiker schlagen vor, lieber Wohnungen auf dem Gelände zu bauen und berufen sich auf den Masterplan der Stadt. Ist das eine Alternative?

Der Masterplan sieht ein gemischtes Quartier mit Kultur, Handel, Gastronomie, Dienstleistungen vor. Wir wollten eine Kindertagesstätte schaffen, mussten die Pläne aber wegen zu hoher Lärmbelastung aufgeben. Wohnungsbau wird dort kaum funktionieren. Zu dem Bahn- und Straßenlärm kommt der Alte Schlachthof mit seinen Veranstaltungen noch hinzu. Wir planen deshalb jetzt an der Leipziger Straße ein Ärztehaus.

Wie viel will Globus investieren, und wie viel haben Sie schon ausgegeben?

Bisher haben wir elf Millionen Euro für den Grundstückskauf und die Entwicklung ausgegeben. Wir haben nach dem Aufstellungsbeschluss gemäß Anforderungen der Stadt zehn Gutachten anfertigen lassen. Am Ende rechnen wir mit 60 Millionen Euro für das Gesamtprojekt.

Der besondere Charme besteht darin, dass Sie die denkmalgeschützten Bahngebäude sanieren. Was kostet das?

Etwa 15 Millionen Euro. Das geht nur, weil wir als Familienunternehmen langfristig rechnen. Die Bahnbögen sollen kreativ genutzt werden. Das wird ein lebendiges und grünes Gesamtensemble in der Leipziger Vorstadt.

Wenn eine Fläche so lange brachliegt, wie das Areal Alter Leipziger Bahnhof, hat sich ein Biotop entwickelt. Was bedeutet das für Ihr Projekt?

Wie bei den Einzelhandelsfragen haben wir nach Vorgaben der Stadt ein Gutachten machen müssen. Geschützte Tiere von Fledermaus bis Zauneidechse wurden nachgewiesen. Für sie müssen wir einen Ausgleich schaffen. Die Eidechsen wurden vier Monate lang gezählt. Die Anzahl von 181 wird mal drei genommen. Wir müssen für sie 30 Jahre lang eine Fläche vorhalten und pflegen. Mit dem Umweltamt haben wir eine ehemalige Deponie in Lockwitz gefunden. Die müssen wir jetzt herrichten und dann werden, immer in Abstimmung mit dem Umweltamt, die Tierchen eingesammelt und umgesiedelt. Das kostet uns rund eine Million Euro. Für jede Eidechse brauchen wir eine Fläche von 150 Quadratmetern.

Sie sprechen davon, dass Ihr Markt ästhetisch anspruchsvoll und Dresdentypisch sein soll. Was bedeutet das?

In einem Workshop mit mehreren Architekturbüros und dem Stadtplanungsamt wurde eine gute Lösung für die Fassade gefunden. Insgesamt tritt der Markt zurückhaltender auf. Auch die Einbeziehung der Bahnhofsgebäude und Plätze wird eine ganz andere Atmosphäre schaffen als bei unseren bisherigen Märkten.

Zu den strittigen Punkten gehört auch der Verkehr. Wie wollen Sie den regeln?

Die Verkehrsprobleme wurden gelöst. Die Stadt hat zwei Zufahrten gefordert. Wir bieten eine dritte von der Erfurter Straße an. Wir errichten zusätzliche Ampelanlagen und eine neue Straßenbahnhaltestelle, wir bauen die Eisenbahnstraße aus, schaffen zusätzliche Fuß- und Radwege.

Was machen Sie mit dem Grundstück, wenn der Stadtrat das Projekt ablehnt?

Wir sind keine Projektentwickler, sondern ein altes Familienunternehmen, das Handel betreibt. Was anderes haben wir nicht im Sinn. Dann bleibt die Brache so liegen.

Das Gespräch führte Bettina Klemm.