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„Dann gibt’s eben Nudelsuppe“

Der Sportpsychologe Hans Schellenberger meint, das Gewinnen kann man nicht verlernen. Das gilt sogar für Dynamo.

© Robert Michael

Von Sven Geisler

Immer wieder das gleiche Bild. Seit Wochen geht das so. Sie sinken in sich zusammen, sitzen niedergeschlagen auf dem Boden, hadern kopfschüttelnd mit Gott und der Welt. Es ist die Körpersprache der Verlierer, und als solche fühlen sich die Dresdner Dynamos nach diesen drei Unentschieden in Folge. Gefühlte Niederlagen. „So muss man das empfinden, denn jedem ist doch klar: Der Punkt reicht nicht aus“, sagt Hans Schellenberger.

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Der Sportpsychologe aus Leipzig betreute Leistungssportler, unter anderem die DDR-Nationalmannschaft. Der Professor kennt sich also aus mit Rück-, Nacken- und Tiefschlägen. So einen erlebte er mit der Auswahl am 21. November 1979. Durch Tore von Rüdiger Schnuphase und Joachim Streich führte die DDR gegen die Niederlande nach einer halben Stunde mit 2:0, verlor aber 2:3 und verpasste die Europameisterschaft. „Danach kam niemand von den Freunden, Gönnern und Jublern, um die Mannschaft aufzurichten. Wir saßen allein“, erinnert sich der 70-Jährige.

Spieler geben nicht alles? Unsinn!

Das ist für ihn ein entscheidender Punkt. „Die Mannschaft braucht die Unterstützung erst recht, wenn es nicht läuft.“ Den Vorwurf, die Spieler würden nicht alles geben, hält Schellenberger für abwegig. „Das ist Unsinn. Kein Fußballer läuft auf den Platz und denkt: Heute ist mir alles egal. Sie wollen schon, aber sie können in dem Moment nicht, und das ist oftmals keine Frage der Muskeln, sondern des Kopfes.“

Doch nach zwölf Spielen ohne Dreier stellt sich die Frage: Hat Dynamo das Gewinnen verlernt? Die Antwort des Psychologen: „Nein, das kann man nicht verlernen, aber das Selbstvertrauen sinkt.“ Der Psychologe kennt das Frage-Antwort-Spiel: „Wie kann man dagegensteuern? Mit Erfolgen. Wie wird man wieder erfolgreich? Indem man sich darauf besinnt, dass man es schon bewiesen hat, dass man es kann, sich die positiven Erfahrungen wieder ins Bewusstsein ruft.“ Jeder Einzelne müsse sich fragen, was anders war, als alles gelungen ist. „In diese Situation sollte man sich zurückversetzen, daraus ein positives Gefühl ziehen.“

Der Trainer müsse die Spieler fragen: Wann bist du an deine Leistungsgrenze gegangen? Was waren die Bedingungen dafür? Manchmal, meint Schellenberger, hilft dabei sogar der Aberglaube. „Wenn damals die Oma auf der Tribüne saß, dann wird eben die Oma wieder rangeholt. Oder wenn er Nudelsuppe gegessen hat, dann gibt’s eben Nudelsuppe.“ Der im Abstiegskampf gern verwendeten These – wer unten steht, hat mehr Pech – widerspricht er. „Wenn du oben stehst, hast du nicht weniger Pech. Was weiß ich, wie oft die Bayern Pfosten oder Latte getroffen haben. Aber das ist nicht so schlimm, weil sie trotzdem ihre Tore machen. Deshalb wird das nicht so wahrgenommen. Es wird erst registriert, wenn es entscheidend ist. Dann gilt das Pech oft als Erklärung.“

Olaf Janßen argumentiert anders, spricht von einer Prüfung. Schellenberger will die Arbeit des Dynamo-Trainers aus der Ferne nicht bewerten, meint aber, es sei richtig, in einer Schwächephase die Stärken zu betonen. Das gelte erst recht vor dem Ost-Duell am Freitag in Cottbus. Während Janßen gestern Abend den nächsten Gegner in Berlin beobachtete, schauten die Spieler die Partie von Energie bei Union gemeinsam beim Abendessen im Fernsehen.

„Die Dresdner können sich doch sagen: Wer ist Cottbus? Die stehen doch hinter uns!“, meint Schellenberger. „Der Trainer sollte jeden fragen: Ist es möglich, gegen die zu gewinnen? Ja oder nein? Dann zeigt sich, wer selbstbewusst auftritt. Wenn es natürlich lauter Memmen sind, klappt das nicht. Aber davon gehe ich nicht aus, denn du schaffst es nicht in den Profi-Fußball, wenn du ein Versager bist.“

Druck habe ein Leistungssportler immer. „Damit muss er umgehen können, genau wie mit Niederlagen: abhaken, weiterarbeiten.“ Schellenberger vergleicht das mit dem Skatspiel. „Wenn du einen Grand mit Vieren verlierst, hörst du dann auf zu spielen? Du ärgerst dich, aber du sagst dir: Jetzt zeige ich es euch! Und du erinnerst dich daran, dass du auch schon einen Grand ohne Vieren gewonnen hast.“

Dass Janßen gerade wegen dieser Einstellung schon als Schönredner abgestempelt wird, hält der Psychologe für falsch und vergleicht eine Fußballmannschaft mit der Familie. „Da kann man auch nicht immer nur sagen: Alles richtig, mein Liebling. Ab und zu muss man mal auf den Tisch hauen und auch, wenn man positiv denkt, ein ernstes Wort sprechen.“ Das aber, sagt Schellenberger, „würde ich niemals nach außen bringen“.