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"Dann ist die Straßenkunst in Dresden tot"

Mit seinen Seifenblasen- und Feuershows gehört der Dresdner Georg Gräßler zu den bekanntesten Figuren in der Stadt. Warum er dennoch Schluss machen will.

Ein Platz an der Sonne ist Gold wert: Georg Gräßler setzt voll auf den Neumarkt.
Ein Platz an der Sonne ist Gold wert: Georg Gräßler setzt voll auf den Neumarkt. © Christian Juppe

Dresden. Nicht zu viel Wind - aber auch nicht zu wenig. Das die die optimalen Bedingungen für eine gute Seifenblasen-Show. "Ganz ohne Wind fliegen selbst die Blasen nicht", sagt Georg Gräßler. Obwohl der 33-Jährige bei seinen Vorführungen kaum ein Wort verlieren muss, ist er alles andere als auf den Mund gefallen. 

Er hat klare Vorstellungen davon, was Straßenkunst bedeutet und wie sie vom Publikum und der Stadt gewertschätzt werden sollte. Allerdings ist das mit den Vorstellungen eben manchmal wie mit Seifenblasen...

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Gräßler stammt aus Frankfurt an der Oder, zog als Kind mit seiner Familie mehrmals um und kam 2009 schließlich von Berlin aus zum Studieren nach Dresden. Philosophie sollte es werden. Wurde es aber nicht.

Stattdessen stellte er sich irgendwann mal abends auf die Brühlsche Terrasse und spuckte Feuer. "Das würde ich heute nie mehr machen", sagt er. Dafür sei ihm seine Gesundheit zu wichtig. Stichwort: Chemische Lungenentzündung.

Der Straße und der Kunst ist Gräßler trotzdem bis heute treu geblieben. Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen reist er nicht umher, sondern tritt nur in Dresden auf. Sowohl Feuershows, ohne Spucken, als auch Seifenblasenshows hat er im Programm. "Ich habe keine Kinder, ich will auch keine Kinder, aber mag Kinder und ich freue mich, wenn sie sich freuen."  

Für seine stummen Seifenblasen-Shows braucht Gräßler keine Genehmigung der Stadt.
Für seine stummen Seifenblasen-Shows braucht Gräßler keine Genehmigung der Stadt. © Christian Juppe

Wenn er seine Stäbe mit großer Eleganz über den Neumarkt schwenkt, ist ihm die Aufmerksamkeit der Jüngsten gewiss.  Selbst jetzt, wo die Touristen noch fehlen, tanzen fast stets ein Dutzend Knirpse um ihn herum und versuchen, die meisten und größten Seifenblasen zu erhaschen. 

Um zu zeigen, dass er das nicht nur aus Spaß an der Freude macht, hat Gräßler gleich vier schwarze Hüte rings um sich aufgestellt. Er will hier nicht reich werden, aber er will durchs Leben kommen. "Die Motivation der Leute, nach dem Hut zu suchen, ist erfahrungsgemäß gering." Abends, bei seinen Feuershows beleuchtet er seine Hüte deswegen sogar. Außerdem wendet er sich nach seinen Vorstellungen  persönlich an die Zuschauer - auch wenn ihm das immer noch sehr unangenehm ist. 

"Ich will nicht als Bettler angesehen werden, sondern als Künstler, der etwas anbietet." Ohne sein kleines Sprüchlein über das Leben von Straßenkünstlern würde er aber kaum halb so viel verdienen. "Ich wünschte mir, dass den Leuten bewusster wird, was Straßenkunst bedeutet."

Die letzten beiden Wintersaisons waren für Gräßler Totalausfälle. Auch, weil sich die Weihnachtsmärkte immer weiter ausbreiten durften. In den vergangenen Monaten kam nun wegen Corona kein einziger Cent in seine Kasse. Es mag komisch klingen, aber, vielleicht spielt Georg Gräßler jetzt nur deswegen überhaupt noch auf der Straße. Ein bisschen Geld muss ja reinkommen. Das Kapitel Straßenkunst will er dennoch so bald wie möglich schließen.

Ein Lautsprecher für Lautsprecher

Die Arbeitsbedingungen für Straßenkünstler in Dresden seien zuletzt immer härter geworden, betont er. Der seit 2017 geltende Regelkatalog sei dabei mehr Fluch als Segen. Einerseits habe es das Chaos in der Straßenmusik eingedämmt - andererseits könne nun aber kaum noch jemand frei atmen. Nur wenige Plätze in der Innenstadt sind offiziell freigegeben. Jeden dürfen die Künstler täglich von 9.30 Uhr bis 22 Uhr maximal eine halbe Stunde lang bespielen. Und das auch nur mit Voranmeldung.

Seit Jahren kämpft Gräßler in Dresden wortreich für die Rechte der Straßenkünstler und damit gegen die Lobby der Anwohner, die sich auch 2019 wieder in mehr als 100 Fällen beschwerten. Allein fünf Mal sprach er seit 2015 im Stadtrat vor. 

"Leider denkt man hier sehr kulturkonservativ. Es wird praktisch nur Hochkultur gefördert." Alternative Kunst dagegen habe es immer schwerer, sich zu entfalten. "Wenn man nicht ständig dagegen halten würde, dann wären Lautsprecher sicher längst verboten", glaubt er. "Dann wäre aber auch die Straßenkunst in Dresden tot."

Viele gute Leute hätten angesichts dieser Bedingungen aufgegeben. Übrig geblieben seien vor allem die ausländischen "Bettelmusiker", die mit ihm bei der Anmeldung im Internet um die wenigen Plätze konkurrierten. 

"Für mich kommt nur noch der Neumarkt infrage", sagt Gräßler. Alle andere Plätze seien entweder zu klein oder zu weitläufig, wie Altmarkt und Theaterplatz. Da es für seine Feuershows außerdem mindestens dämmern muss und 22 Uhr bereits Schluss ist, bleiben für ihn nur wenige Möglichkeiten - und auf die sind auch andere Künstler scharf.

Bis auf Weiteres führt der Link zur Anmeldung sowieso ins Nirvana. Die Stadt hat die Seite schon vor Monaten wegen der Corona-Krise vom Netz genommen und will auch jetzt noch keine Angebote fördern, die für Menschensammlungen sorgen.

Das tun die Seifenblasen zwar auch - doch die benötigen keine Musik und sind daher von der allgemeinen Genehmigungspflicht ausgenommen. Theoretisch könnten daher auch drei Seifenblasenkünstler gleichzeitig auf dem Neumarkt auftreten, allerdings würde sich das dann für niemanden mehr lohnen.

Apropos lohnen. Man könnte meinen, als freischaffender Künstler müsse man sich selbst so gut wie möglich verkaufen. Georg Gräßler ist da anders. "Selbstorganisation ist nicht gerade meine Stärke", räumt er ein. 

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Vielleicht wird er sich demnächst diesbezüglich ein bisschen strecken müssen, denn so viel ist sicher: Wenn er die Straßenkunst erst einmal hinter sich gelassen hat, wird ihm so schnell niemand mehr einen Euro in den Hut werfen.

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