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Meißen

„Dann muss ich eben sterben“

Insgesamt 21 Mal fuhr der Angeklagte schwarz mit der Bahn. Das ist aber längst nicht sein größtes Problem.

Zwei bis drei Flaschen Schnaps trinke er täglich, gibt der Angeklagte zu. In der Entzugsklinik in Radebeul ist er Stammkunde. Allerdings hält er es dort nicht lange aus.
Zwei bis drei Flaschen Schnaps trinke er täglich, gibt der Angeklagte zu. In der Entzugsklinik in Radebeul ist er Stammkunde. Allerdings hält er es dort nicht lange aus. © Soeren Stache/dpa

Meißen. Irgendwie sind der Angeklagte und sein Kumpel richtig gut drauf. Man lacht und scherzt vor dem Gerichtssaal.

Auch die Verhandlung nimmt der 45-Jährige offenbar nicht so richtig ernst. „Entschuldigen Sie, Herr Richter“, sagt er mindestens zehnmal und meint wohl, damit habe es sich erledigt. Was sofort auffällt: Schon nach sehr kurzer Zeit riecht es im Gerichtssaal wie in einer Schnapsbrennerei. 

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Es ist offensichtlich, dass der Angeklagte Alkohol getrunken hat, und zwar nicht bloß Bier, sondern harte Sachen. Betrunken ist er aber nicht. Der Mann ist Alkohol gewöhnt, braucht seinen Pegel, um normal zu sein. Dass er Alkoholiker ist, darum macht der Deutsche, der aus Kasachstan stammt und seit 1992 in Deutschland lebt, keinen Hehl. Zwei bis drei Flaschen Schnaps trinke er täglich, gibt er zu. 

In der Entzugsklinik in Radebeul ist er Stammkunde. Allerdings hält er es dort nicht lange aus. Nach zwei, drei Tagen ist er meist wieder verschwunden, hat sich selbst entlassen. Erst zwei Tage vor der Verhandlung wurde er wegen akuter Alkoholvergiftung in die Notfallambulanz in Meißen eingewiesen. 

„Ich möchte eine Therapie machen, kriege aber keine mehr. Seit 2013 habe ich Leberzirrhose. Was soll ich machen, dann sterbe ich eben“, sagt er resigniert. Dabei sei er mal vier Jahre und zehn Monate trocken gewesen. 

„Ich hätte dich verknackt“

2018 dann der Rückfall. „Es ist eben passiert“, sagt er. Er wolle eine Betreuerin haben, sagt der Angeklagte, doch die Betreuungsrichterin habe das abgelehnt, beklagt er. Doch da ist er beim Strafrichter an der falschen Stelle. Er kann eine Betreuung nicht anordnen.

Sein Traum von einem besseren Leben in Deutschland hat sich nicht erfüllt. Der Mann, der neun Jahre in Kasachstan die Schule besuchte, eine Kochlehre anfing, nach einem halben Jahr aber rausflog, war fünf Jahre obdachlos, hat jede Menge Schulden angehäuft. Frau und Kinder hat er nicht.

Vor diesem Hintergrund wird die Anklage fast zur Nebensache. 21 Mal soll der Mann ohne Fahrschein mit der Bahn gefahren sein, mitunter zweimal am Tag, obwohl er schon auf der Hinfahrt erwischt wurde.

Meist betrug der Fahrpreis 2,40 Euro, mitunter auch 4,30 Euro einmal 6,50 Euro. Insgesamt entstand ein Schaden von 65,90 Euro. Weil er schon einmal wegen Schwarzfahrens verurteilt wurde, fordert die Staatsanwältin eine Geldstrafe von 750 Euro.

„Entschuldigen Sie, Herr Richter, ich kann nur 20, 30 Euro im Monat zahlen“, sagt der Angeklagte. Außerdem sollen die 65,90 Euro, die er sich an Fahrtkosten sparte, als Wertersatz eingezogen werden. Die Staatsanwältin kreidet dem Mann besonders an, dass er, nur zwei Monate nach seiner letzten Verurteilung wegen Schwarzfahrens, erneut ohne Fahrschein in den Zug stieg.

Der Richter zeigt sich gnädig, verhängt eine Geldstrafe von nur 300 Euro. Die darf er in Monatsraten von 20 Euro abstottern. Wenn der Angeklagte weiter so trinkt, dürfte er aber mit seiner kaputten Leber die 15 Monate, die er zahlen muss, nicht überleben.

Sein Kumpel hat die Verhandlung die ganze Zeit verfolgt. „Da hast du aber Glück gehabt. Ich hätte dich verknackt“, sagt er ihm. Das freilich wäre völlig unangemessen gewesen und hätte letztlich wohl im Haftkrankenhaus geendet.

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