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Dann saß ich plötzlich im Bundestag

Ex- Bürgerrechtler Christian F. Schultze spricht über die Vereinigung vor 25 Jahren, über blühende Landschaften und wie er nach Pulsnitz kam.

© René Plaul

Von Reiner Hanke

Auf dem schweren Schreibtisch mit den eisernen Beschlägen stapeln sich Aktenordner. Derzeit arbeitet Christian Friedrich Schultze intensiv am letzten Band einer autobiografischen Lebenstrilogie seiner Generation mit dem Helden Martin Wauer im Zentrum. In den Ordnern sortiert er seine Notizen. Manchmal sind es nur kleine Zettel mit Gedanken. Schnell mit dem Bleistift hingeworfen, bevor sie verfliegen. Der Autor und frühere Bürgerrechtler hat es sich im Schreibtischsessel bequem gemacht und legt den Kopf in den Nacken: „Wann war das genau?“ überlegt er. Die Gedanken schweifen 25/26 Jahre zurück. Der Rentner kneift die Augen zusammen. Er ist nicht mehr dabei, wenn in diesen Tagen der Bundestag das deutsche Einheits-Jubiläum feiert. Er hat mit der Politik abgeschlossen. Naja, nicht ganz. Denn seine Bücher und Texte befassen sich schon damit. Zum Beispiel die jüngsten kritischen Glossen zum Thema Wiedervereinigung oder Flüchtlinge.Doch schon 1991 stieg er ganz aus dem Politik-Betrieb aus. Geboren bei Chemnitz lebt der 71-Jährige jetzt seit zehn Jahren in Pulsnitz und schreibt. In der Stadt war er etliche Jahre als Friedensrichter bekannt. Oft kann man ihn bei Lesungen erleben oder als sachkundigen Stadtführer. Dabei war der Sohn eines Pfarrers eigentlich Holzingenieur.

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Herr Schultze, vom Holzingenieur zum Bürgerrechtler und Autoren – das ist schon eine verblüffende Entwicklung. Wie lief das damals?

Fangen wir mit der Schriftstellerei an. Die Autoren in der DDR schrieben über ein Land, das es in meinen Augen so nicht gab. Es war doch letztlich nichts anderes als eine sowjetische Kolonie. Es gab keine wirklich kritische Literatur. In der Situation dachte ich, ich muss ein Buch schreiben. Das heißt „Nachtmahre“. Es beschäftigt sich mit dem real existierenden Sozialismus und entstand 1983. Das Buch dreht sich um einen erst überzeugten, später desillusionierten DDR-Bürger, der schließlich in den Westen abhauen will. Dann gerät er in den Wendestrudel. Es ist das erste Buch meiner Generationentrilogie. Das Buch erschien aber erst nach der Wende.

Fehlte letztlich doch der Mut, das Buch in die Öffentlichkeit zu tragen. Hatten Sie Angst vor Repressalien?

Damals schon. Ich habe das Manuskript auf dem Ebersbacher Friedhof versteckt und in den Wendewirren wieder herausgeholt.

Das Buch trägt autobiografische Züge. Wie sind Sie in die Politik geschlittert?

Daran hatte mein Sohn eine große Aktie. Er wollte 1989, gerade 18-jährig, in den Westen gehen. Ich musste mir Vorwürfe anhören: „Papa du redest nur und tust auch nichts, damit sich hier etwas ändert.“ Das war für mich der Weckruf. Ich habe damals in Berlin gelebt und mich auf den Weg zur Wohnung von Bärbel Bohley gemacht und mich dem Neuen Forum angeschlossen. Es war ein dunkler Abend. Vier verdächtige Ladas standen vor dem Haus mit Stasileuten. Ich dachte: nur schnell rein. In der Wohnung war es chaotisch. Dort drückte mir jemand einen Packen Zettel für eine Unterschriftenaktion in die Hand. Damit war ich auch in der Oberlausitz unterwegs. Es war sehr spannend zu erfahren, dass auch viele brave Kirchenleute aus Angst vor dem System nicht unterschrieben.

Hatten Sie denn keine Angst mehr?

Die hatte ich in der Zeit, als „Nachtmahre“ entstand. Weswegen ich das Buch heimlich auf dem Friedhof verbuddelte. Als ich völlig desillusioniert war von der DDR. An dem Abend vor dem Haus von Bärbel Bohley war die Angst wie weggeblasen.

Warum blieb das Neue Forum nicht ihre Heimat?

Es ging dort nicht viel los. Dabei war auch viel Angst vor der Stasi im Spiel. Da hörte ich Anfang Oktober ’89 von der geplanten Gründung einer sozialdemokratischen Partei Ostberlins. Ich bin an dem Abend hin, in ein Predigerseminar. Da machten gerade Informationen über Verhaftungen die Runde und man wollte mich zuerst gar nicht reinlassen. 40 Leute waren da, alle redeten durcheinander. Keiner hatte Ahnung, wie man eine Partei gründet. Da kam mir mein Fernstudium zum Juristen zugute, das ich nebenbei absolviert hatte. Die Gründungsunterlagen gingen ans Innenministerium. Eine Antwort kam nie. Wir haben uns einfach als gegründet betrachtet.

Wie erlebten Sie den 9. November, den Tag des Mauerfalls?

Den habe ich leider völlig verschlafen. Ich war einfach völlig erschöpft. Oft waren wir 18 Stunden auf den Beinen, es war so viel zu organisieren. Und das ging auch so weiter. Nächtelang wurde diskutiert und gewählt. Später zum Beispiel die Kandidaten für die letzte, demokratisch gewählte Volkskammer. Das dauerte bis in die Morgenstunden. Die Ereignisse überschlugen sich, man konnte kaum mithalten. Und in der Volkskammer war das genauso: Die ganzen Gesetze, der Zeitdruck mit der Einführung der neuen Währung, die kommende Vereinigung. Und dann saß ich plötzlich für die SPD im Bundestag.

Aber nicht lange. Warum?

Den neoliberalen Kurs der SPD konnte ich nicht mehr teilen, wurde dafür auch angefeindet. Als dann auch noch die Agenda 2010 kam, bin ich aus der SPD ausgetreten. Bis zum Ruhestand 2009 war ich dann in Anwaltskanzleien tätig, zuletzt in Dresden.

Und was brachte Sie nach Pulsnitz?

Zuerst brachte mich die Liebe nach Kamenz. So bin ich oft zwischen Kamenz und Dresden gependelt, immer durch Pulsnitz. Und die Stadt sieht doch wirklich romantisch aus, mit dem Markt, dem Schlosspark, der Barockkirche, die mich an die Ebersbacher Kirche erinnert, in der mein Vater tätig war. Ich kann hier wunderbare Spaziergänge unternehmen und nachdenken über meine Texte. Das ist derzeit vordringlich Teil Drei meiner Trilogie mit dem Arbeitstitel „Westdämmerung“. Wieder sehr systemkritisch. Quasi, die Ankunft in der Bundesrepublik mit der nächsten Deillusionierung. Der zweite Band – Morgenrosa – beschäftigt sich mit der Wendezeit.

Zum Tag der Deutschen Einheit gab es viele Reden. Die Kanzlerin sprach von vielen blühenden Landschaften, die sie sehe. Wie sehen Sie’s?

Mancher spricht ja heute davon, die DDR sei das bessere Deutschland gewesen. Das ist Quatsch. Bei aller System-Kritik ist hier in 25 Jahren auch viel entstanden. Sehen Sie sich die sanierten Städte an, revitalisierte Industriebrachen, das Verkehrsprojekt Ost oder die Seenlandschaft, wo die Restlöcher der Braunkohle waren. Nehmen Sie die Umweltsauberkeit. In der Elbe schwimmen wieder essbare Fische. Das war aber nicht Angela Merkel, sondern Millionen fleißiger Deutscher, die das gemacht haben! Mal ganz abgesehen von der Reisefreiheit, die jetzt weniger zu den Landschaften gehört, aber einer der größten Wünsche der Ostdeutschen war. Das wird schnell vergessen. Vielleicht auch, weil die guten Dinge von existenziellen Ängsten, zum Beispiel vom Jobverlust, überlagert werden. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Mit sozialer Marktwirtschaft hat das hier nichts mehr zu tun. Aber bei aller Kritik können wir auch ein bisschen stolz auf uns sein.

Bundespräsident Gauck sprach auch davon, dass der Flüchtlingsstrom eine größere Herausforderung als die Wiedervereinigung sei. Teilen Sie die Sicht?

Ja, in dem Punkt gebe ich ihm Recht. Die Flüchtlingsbewegung von 1989 ist damit keinesfalls vergleichbar, als die Leute damals mit den Füßen abgestimmt haben. Aus der DDR flüchteten vor allem Leistungsträger aus einem deutschen Staat in den anderen. Jetzt kommen ganz andere Menschen. Ich habe Verständnis für Familien, die auf der Flucht vor Kriegen sind. Aber es sind auch Zehntausende junge Männer dabei, ohne Arbeit, ohne unsere Sprache zu sprechen. Sie werden sich nur schwer integrieren lassen. Dabei spielt auch die Religion eine Rolle. Es sind Menschen, die nicht wissen, dass das Grundgesetz über ihrer Religion steht und zu achten ist. Ich weiß noch nicht, wie Deutschland das aushalten will.

Was würden Sie noch gern in Pulsnitz machen?

Schriftstellerisch möchte ich meine Leidenschaft für Science-Fiction-Stoffe vorantreiben. Ansonsten würde ich gern mehr als Zeitzeuge mit Schulen zusammenarbeiten und mit jungen Leuten über deutsche Geschichte diskutieren.

Weitere Infos unter: www.cfschultze.de